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Insurtechs : Versicherern droht ihr Airbnb-Erlebnis

Die Digitalisierung macht viele Dinge möglich. Gegen Flutschäden hilft sie trotzdem nicht. Bild: AP

Viele Start-ups machen den Etablierten das Geschäft streitig. Der große Wurf bleibt aber noch aus – weil ein Bereich ausgeklammert wird.

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          In einer Minute und 19 Sekunden lässt sich die Zukunft der Versicherung erahnen. Gibt man vier Buchstaben bei Youtube ein, erhält man eine Idee, was digitale Policen von ihren analogen Vorgängern unterscheiden könnte: „Trov“ ist ein Anbieter aus der Bay Area in der Nähe von San Francisco, der Gegend der Welt, aus der so viele der digitalen Herausforderungen stammen: in der Mobilität, der Touristik, dem Handel, der Kommunikation – und nun vielleicht auch in der Versicherung.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Eine junge Frau tritt aus ihrem Haus, lange braune Haare, sportliche Figur, freundliche Stimme. „Alle Dinge, die ich dabeihabe, sind voll gegen Verlust oder Beschädigung geschützt – auf der Stelle“, sagt die Werbefigur und kehrt in ihr Haus zurück, um vorzuführen, wie es geht: Trov sei smarte Versicherung, die nicht alles deckt, was die Police bestimmt, sondern was dem Kunden am Herzen liegt. Dann tippt sie auf ihr Smartphone und sichert ihre Skier fürs Wochenende, ihr Fahrrad für den Nachmittag und ihren Fotoapparat unmittelbar. „Super einfach“ sei das. „Trov gibt mir die Kontrolle über alles, was mir wichtig ist.“ In Ansätzen gibt es die Idee des Versicherns im selben Augenblick auch schon hierzulande. Ende Juni hat die Allianz ihre Minderheitsbeteiligung an Simplesurance bekanntgegeben, das eine Software erstellt hat, mit der Kunden beim Kauf im Internet ihre neue Waschmaschine oder ihr neues Fahrrad sofort versichern können. Viele Manager der Branche sehen in solchen Modellen die Zukunft.

          „Es wird zunehmend individualisierte Produkte geben“, sagt Harald Rosenberger, der für die Munich Re als globaler Abteilungsleiter für Innovationen die Entwicklung mit seinen Kunden vorantreibt. In einem Versuch mit seinen Mitarbeitern und Partnern hat er herausgefunden, wie sich Ladeninhaber versichern. „Sie haben durchschnittlich sieben Policen. Warum gibt es keine Friseurversicherung?“, fragt er. Versicherungsschutz müsse für Kunden überschaubarer sein, eine Deckung auf einer Seite definierbar. Etliche Start-ups der Fintech-Szene arbeiten derzeit an Chat-Box-Techniken, in denen ein Roboter ein Beratungsgespräch protokolliert. „Künftig könnte ein solches Protokoll definieren, was versichert ist und was nicht“, sagt Dietmar Kottmann, Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Und per Tippfunktion auf dem Smartphone lässt sich die Deckung dann erweitern – wie im Beispiel von Trov aus Kalifornien.

          Digitalisierung macht bislang undenkbare Dinge möglich

          Die Digitalisierung macht viele Dinge bei Versicherern möglich, die bislang undenkbar waren. Die junge Insurtech-Szene mischt die Branche auf. Doch momentan sind die meisten Innovationen im Versicherungsvertrieb zu sehen, nicht aber im Versicherungsbetrieb. „Das ist erstaunlich, denn Schäden machen in der Sachversicherung immer noch 70 Prozent der Prämie aus“, sagt Kottmann. Gelinge es einem Start-up, auch nur einen kleinen Teil der Schäden durch eine neue Technik zu mindern, wäre der Hebel deutlich größer als im Vertrieb, ist er überzeugt.

          „Die Investorenszene kommt aber überwiegend aus der E-Commerce-Welt“, sagt Nikolai Dördrechter, Geschäftsführer des Lebensversicherungs-Aufkäufers Policen Direkt. „Sie überträgt ihre Ideen konzeptionell auf ein anderes Segment. Hier fühlen sich die Investoren wohl und erkennen die disruptive Kraft der Digitalisierung.“ Doch an den Kern des Geschäftsmodells wagt sich die Insurtech-Szene noch nicht heran. Das Potential ist enorm, denn mit der Digitalisierung stellen die Etablierten viele Dinge in Frage, die zuvor selbstverständlich erschienen.

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