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Start-up-Welle : Goldrausch in Chinas Elektroauto-Kasino

In der Theorie sollte die Mobilität in China eigentlich florieren – in der Realität sieht der Straßenverkehr in Nanjing aber eher so aus. Bild: Getty

500 Start-ups wollen mit ihren E-Autos erst das eigene Land und dann die ganze Welt erobern. Doch vielen droht eine harte Landung.

          4 Min.

          In einem Vorort der chinesischen Stadt Nanjing, dort, wo noch vor zwei Jahren eine grüne Wiese war, steht heute ein Kasino. 1,2 Quadratkilometer ist es groß. Goldfarbene Ungetüme mit Greifarmen finden sich darin, noch eingepackt in Pappe. Rund um den Erdball bauen die Roboter in den Fabriken von Volkswagen, Daimler und General Motors Autos. Bald auch hier, im Kasino von Nanjing. Wenn vorher nicht das Geld ausgeht. Männer mit weißen Helmen laufen durch die Halle. Hämmern ist zu hören, das Schrillen von Schweißgeräten. In der Mitte steht ein silberfarbenes Gerippe, das ist der Jeton am Roulettetisch der Autoindustrie.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das Gerippe ist fünf Meter lang und zwei Meter breit. Vier Räder mit schwarzen Leichtmetallfelgen hängen an den hochbeinigen Achsen, darüber der Karosserierumpf eines geräumigen SUV. Das Gerippe hat keine Türen, keine Fenster, kein Dach. Allein 20 schwarze Kästen sind am Boden zu sehen, angeordnet in vier Reihen. Irgendwann einmal sollen sie Wagen und Insassen 500 Kilometer weit über die Straßen tragen. Erst über chinesische, später auch über deutsche. Irgendwann einmal? In sechs Monaten! Im vierten Quartal dieses Jahres, das ist die Wette in diesem Kasino, soll dort, wo vor zwei Jahren noch nicht mehr als eine große, grüne Wiese war, das Elektro-SUV von Byton vom Band laufen. 35 Stück pro Stunde. 150.000 im ersten Jahr. Später 300.000. Wenn die Wette denn aufgeht.

          Nicht alle Hersteller sind ernstzunehmen

          In 37 Taschen kann die Kugel an einem normalen Roulettetisch springen. Hier, in der Halle in Nanjing, ist die Chance auf Gewinn kleiner. Knapp 500 Elektroautohersteller sind in China registriert. Auf der jüngsten Schanghaier Automesse stellten davon zwar nur 20 Hersteller tatsächlich Elektroautos aus. Und nur drei Hersteller – Nio aus Schanghai, eine chinesische Marke mit deutschem Namen „Weltmeister“ und Xpeng aus Guangzhou im Süden Chinas – zeigten Fahrzeuge, die tatsächlich bereits durch die Straßen von Schanghai und Peking fahren. Alle wollen, dass die Kugel in ihr Feld fällt. Wer gewinnt?

          94 Millionen Autos wurden im vergangenen Jahr auf der ganzen Welt verkauft. Die Wette, die im Kasino in Nanjing und bei den anderen E-Auto-Herstellern im Land aufgemacht wird, geht so: Weil die allmächtige chinesische Regierung auf dem größten Automarkt der Welt China, auf dem mehr Fahrzeuge verkauft werden als in Europa und Amerika zusammen, mit all ihrer Macht darauf drängt, dass es im Land bald nur noch Elektroautos zu erwerben gibt, werden auch bald im Rest der Welt Nios, Weltmeister und Xpengs über die Straßen rollen.

          Manche der 500 chinesischen Hersteller sind allerdings ernster zu nehmen als andere. In manchen Provinzen bauen Hersteller Studien von E-Autos, die wirken wie Gurken, so sehr ist die Karosserie in die Länge gezogen. In Serie gehen werden sie wohl nie. Aber weil die Lokalregierungen an vielen Orten Chinas Subventionsregelungen erlassen haben, nachdem größere E-Autos mehr Staatsgeld erhalten, verdienen die Hersteller trotzdem viel Geld. Wie immer, wenn in China die Planwirtschaftler der Kommunistischen Partei den großen Hebel umlegen, hat auch bei der Elektromobilität ein Goldrausch eingesetzt überall im Land. Vor zwei Jahren lag die Zahl der Hersteller nur bei einem Drittel der Summe von heute. Das wirkt wie eine Blase.

          Ohne eigene Fabrik könnte Nio bald vor dem Aus stehen

          Auf der Automesse in Schanghai sitzt zum Beispiel der Mitgründer des Start-ups Nio, Jack Cheng, und beteuert, dem Unternehmen gehe gerade mal ein paar Monate nach Verkaufsstart seines SUV nicht bereits die Luft aus. Nio ist ein Start-up, das Unternehmen aus Schanghai wird als „Chinas Tesla“ gehandelt. Im September ging es gar in New York an die Börse. Keine Besuchergruppe aus dem Deutschen Bundestag, die auf ihrer China-Reise nicht Station macht bei dem Hersteller, der damit wirbt, dass der versmogte Himmel über China bald blau werde.

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