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F.A.Z. exklusiv : Start-up Schüttflix gewinnt Strabag als neuen Großkunden

Christian Hülsewig (Geschäftsführer Schüttflix, links) und Thomas Nyhsen (Leiter der Strabag-Direktion Nordrhein-Westfalen), stehen am Rhein nahe des Kölner Strabag-Standorts. Bild: Schüttflix

Digitalisierung ist in der Bauwirtschaft bislang vielerorts kein Thema. Doch wer gegen diesen Strom schwimmt, wächst stark. Ein Beispiel dafür ist das Start-up Schüttflix, das jetzt einen prominenten Kunden gewinnt.

          3 Min.

          Die Digitalplattform Schüttflix beliefert künftig mit der Strabag das größte Straßenbauunternehmen in Deutschland mit Schüttgütern. Wie die F.A.Z. vorab erfahren hat, beteiligt sich der österreichische Baukonzern zudem im einstelligen Prozentbereich an dem aus Gütersloh stammenden Start-up. Schüttflix führt auf seiner Plattform verfügbare Angebote der Lieferanten von allen gängigen Schüttgütern wie Schotter, Sand oder Zement zusammen und organisiert den Transport zur Baustelle, so dass Bauherren diese per Fingertipp in der App des Unternehmens bestellen können.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Für den bislang sehr regional fragmentierten Markt für Schüttgüter ist die so entstehende Vergleichbarkeit verschiedener Angebote eine kleine Revolution. Zudem gehen Rechnungen und Lieferscheine digital direkt an die Buchhaltungsabteilungen der Unternehmen, was die Baustellen von Papierkram frei hält, und die Lieferungen lassen sich in Echtzeit verfolgen.

          Eine sechsmonatige Pilotphase in Nordrhein-Westfalen habe die Strabag überzeugt, heißt es von Schüttflix. Von Anfang kommenden Jahres an werde die Lösung bis Jahresende schrittweise auf alle rund 200 Baubetriebe des Konzerns in Deutschland ausgerollt, die im Jahr allein im Straßenbau rund 5000 Baustellen abwickelten. Mit der Partnerschaft gehe man einen „großen Schritt in Richtung der digitalen Baustelle“, sagt Thomas Nyhsen, technischer Leiter der Strabag-Direktion Nordrhein-Westfalen. „Funktionen wie die papierlose Lieferdokumentation, das Livetracking sowie das vorgelagerte Preisvergleichsportal erleichtern den Alltag auf der Baustelle.“

          400.000 Tonnen Schüttgüter ausgeliefert

          Für Schüttflix sei es „ein absoluter Meilenstein“, ein Unternehmen wie die Strabag als Kunden zu gewinnen, sagt Geschäftsführer Christian Hülsewig. Die Partnerschaft bedeute keine Exklusivität, der Konzern werde weiterhin auch bei anderen Lieferanten kaufen. Das passe aber dazu, dass Schüttflix trotz der Minderheitsbeteiligung im Markt neutral bleiben wolle: „Wir werden definitiv nicht der Einkaufsarm der Strabag.“ Im Gegenteil liefen zurzeit drei weitere ähnliche Pilotprojekte mit großen Unternehmen aus der Baubranche, zu deren Namen sich Hülsewig allerdings bedeckt hält.

          Schüttflix hat in den knapp zwei Jahren, die es das Unternehmen inzwischen gibt, seinen Umsatz jeden Monat um durchschnittlich 40 Prozent gesteigert und zielt für 2020 auf einen Jahresumsatz von 12 Millionen Euro. Bislang hat das Unternehmen mehr als 400.000 Tonnen Schüttgüter ausgeliefert. Ab diesem Montag kommt mit dem Ausbau des Leipziger Flughafens eine neue Großbaustelle hinzu, zu der rund 60000 Tonnen Splitte geliefert werden. Zudem ist Schüttflix auch in die Entsorgung von Erdaushub und ähnlichen Schüttgütern eingestiegen, damit die Schotter liefernden Laster nicht leer wieder zurückfahren müssen.

          Die Strabag erkennt in Schüttflix eine Chance, die bislang nicht viele Bauunternehmen sehen. Denn insgesamt tut sich die Bauwirtschaft schwer, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Nach einer Studie des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW stehen die meisten Unternehmen erst am Beginn eines umfassenden Digitalisierungsprozesses.

          Die seit Jahren anhaltende gute konjunkturelle Lage im Baugewerbe scheine die notwendigen Anpassungsschritte in Richtung Digitalisierung bisher in den Hintergrund gedrängt zu haben, schrieben die Autoren vergangenen Herbst. Die Hälfte der vom ZEW damals befragten Unternehmen sah gar überhaupt keine Notwendigkeit für Digitalisierungsprojekte in ihrem Unternehmen. Wenn, dann beschränkten sich die Investitionen auf den Einsatz einfacher digitaler Lösungen, etwa die automatische Zeiterfassung oder die digitale Baudokumentation. Die Unternehmensgröße ist nach Einschätzung der Autoren ein Faktor dabei, von ihr hänge die Nutzung digitaler Technologien ab.

          Projektionen in Videobrillen

          „Da in der deutschen Bauwirtschaft überdurchschnittlich viele Kleinunternehmen tätig sind, lässt sich der geringe Digitalisierungsgrad im deutschen Branchenvergleich in Teilen dadurch erklären“, heißt es in der Studie. Gerade kleine Betriebe hätten keine Zeit, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen. Dabei zeigt gerade das vieldiskutierte „BIM“, welche Möglichkeiten sich auftun. Die drei Buchstaben stehen für „Building Information Modeling“ und meinen eine Methode, Planung, Bau und anschließend auch den Betrieb von Gebäuden mit Hilfe von Software zu vernetzen. Im Idealfall arbeiten dabei alle Beteiligten – Planer, Lieferanten und Bauunternehmen – an einem einheitlichen Computermodell, in dem Änderungen sofort für alle sichtbar werden, so dass sich alle auf sie einstellen können.

          In einem weiteren Schritt könnten dann in einer solch schönen neuen Arbeitswelt die Mitarbeiter an der Baustelle eingebunden werden. Das hieße, etwa über Projektionen in Videobrillen zu sehen, wo genau Wände, Türen und Fenster hinkommen sollen. Verändern die Planer etwas, könnten die Arbeiter unmittelbar darauf reagieren.

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