https://www.faz.net/-gqe-14g0j

Standortverlagerung : Daimler probt die Auswanderung

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Patriotismus muss man sich als Unternehmer leisten können. Für Daimler-Chef Zetsche legt der Konzern eindeutig zu viel Heimatliebe an den Tag. Allein 2008 hat Daimler deshalb 5000 Arbeitsplätze im Inland geräuschlos gestrichen. Über Fluktuation wie über sündhaft teure Abfindungsprogramme soll die Zahl der Stellen in Deutschland weiter sinken.

          3 Min.

          Patriotismus muss man sich als Unternehmer leisten können. Wer Dieter Zetsche in diesen Tagen reden hört, dem wird rasch klar: Für den Daimler-Chef legt der Konzern mit dem Stern eindeutig zu viel Heimatliebe an den Tag. Die Stellen in Deutschland werden weiter abnehmen, lässt Zetsche zu jedweder Gelegenheit durchblicken. Allein im vorigen Jahr hat Daimler 5000 Arbeitsplätze im Inland geräuschlos gestrichen, und so wird es weitergehen: über die Fluktuation wie über sündhaft teure Abfindungsprogramme.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun steht kaum eine Marke so für deutsche Wertarbeit wie Mercedes. Nur was hilft das, argwöhnen Zetsches Leute, wenn die Autos draußen in der Welt zu teuer sind? 82 Prozent aller Mercedes-Pkw werden in Westeuropa produziert, jedoch nur 56 Prozent in dieser Region verkauft. „Da herrscht ein Missverhältnis“, sagt Dieter Zetsche – und deutet damit an, wohin die Reise geht: raus aus Deutschland.

          Daimler sieht keine andere Wahl

          Schon heute ist China der wichtigste Abnahmemarkt für die besonders profitable S-Klasse. Demnächst wird das laut internen Planungen für alle Mercedes-Modelle gelten – die Produktion hat also dorthin zu folgen: wegen der Löhne, aber auch wegen der Importbeschränkungen etlicher Staaten, die mit Zöllen und anderen feindseligen Maßnahmen ausländische Konkurrenz fernhalten wollen. Glaubt man dem Vorstandsvorsitzenden, hat Daimler keine andere Wahl, als dem Beispiel anderer Dax-Konzerne zu folgen. Adidas fertigt schon längst keine Schuhe mehr in Franken, und Siemens ist deshalb rund um den Globus erfolgreich, weil immer weniger Ware in München hergestellt wird.

          Made in Germany - C-Klasse-Produktion im Werk Sindelfingen

          Natürlich weiß Dieter Zetsche um die Brisanz jedes seiner Schritte: Daimler ist kein gewöhnliches Unternehmen, sondern eine Ikone der deutschen Industrie. Alles, was ihm als Vaterlandsflucht gedeutet werden könnte, ist deshalb zu vermeiden. Schon jetzt warnen Politiker vor „einem verheerenden Signal für den Standort“, nachdem Zetsche Szenarien für die künftige Produktion entworfen hat. Konkret geht es um den Anlauf der nächsten C-Klasse, des meistverkauften Modells des Konzerns – knapp 40 Prozent der ausgelieferten Autos entfallen auf diese Gattung.

          Offiziell noch nichts entschieden

          Bislang wird das Modell zu einem guten Teil in Sindelfingen, der größten Mercedes-Fabrik, produziert. Genau dies stellt Zetsche nun in Frage: Vom Jahr 2013/14 an könnte die C-Klasse in Amerika vom Band laufen, in Tuscaloosa, dem unausgelasteten Werk, wo bisher nur Geländewagen hergestellt werden. Seit Monaten streitet das Management darüber mit dem Betriebsrat, lange lässt sich die Sache nicht mehr hinauszögern. Offiziell ist noch nichts entschieden, doch die Signale des Vorstands sind eindeutig.

          So sagt Finanzvorstand Bodo Uebber, es sei „grundsätzlich wünschenswert“, mehr Wertschöpfung in Amerika zu haben – und weckte damit am Kapitalmarkt schon mal die Hoffnung auf eine steigende Rendite; wobei anzumerken ist, dass zwei Drittel der Daimler-Aktionäre außerhalb Deutschlands leben und entsprechend wenig mit schwäbischem Patriotismus anzufangen wissen. Auch Dieter Zetsche hat den niedrigen Dollarkurs als „offenkundige Belastung“ für den Konzern bezeichnet – mit einer Verlagerung von Teilen der Produktion nach Amerika als probatem Gegenmittel.

          Stuttgart hofft auf Bekenntnis zur Region

          Entsprechend alarmiert sind die Beschäftigten in Stuttgart. „6000 Jobs in Gefahr“, ruft der Betriebsrat. 2000 verlorene Stellen bei Zulieferern packt die IG Metall obendrauf. Vor einer Katastrophe für die Region warnen die Oberbürgermeister und verlangen ein klares Bekenntnis zu dem Werk, das vom amerikanischen Marktforschungsinstitut J.D. Power als „Autofabrik mit der besten gelieferten Qualität weltweit“ ausgezeichnet wurde.

          Dieter Zetsche kontert mit Zahlen: Laut internen Berechnungen kosten die Löhne in Amerika etwa 30 Euro die Stunde, in Sindelfingen dagegen rund 54 Euro. Insgesamt ließen sich laut dieser Kalkulation 1200 bis 1500 Euro je produziertem Wagen einsparen. Natürlich hängen solche Studien an Annahmen, etwa der Höhe des Dollar-Kurses, welche die Betriebsräte als ziemlich beliebig kritisieren.

          Nicht zuletzt führen die Gewerkschafter das Markenzeichen „Made in Germany“ als Argument ins Feld: Ist Mercedes nicht gerade deshalb die wertvollste Automarke der Welt, weil in Deutschland produziert wird? Alles schön und gut, entgegnen Zetsches Leute, nur was hilft es, wenn das meistverkaufte Modell des Unternehmens international nicht mehr konkurrenzfähig ist?

          Die Zeichen stehen auf Sturm

          Ähnliche Debatten wurde auch zu früheren Modellwechseln geführt. Für gewöhnlich hat der Betriebsrat am Ende auf etwas Lohn verzichtet und sich damit Zugeständnisse auf anderem Gebiet erkauft. Das funktioniert dieses Mal nicht: Dieter Zetsche kann nach einem Milliardenverlust im ersten Halbjahr (siehe: Daimler macht Milliardenverlust) keine Zuckerl bieten. Und dem Betriebsrat sitzen die Mitarbeiter im Nacken, die schon etliche Sparrunden hinter sich haben.

          Die Zeichen stehen deshalb auf Sturm. „Das wird nicht in aller Stille durchgewinkt“, warnt Aufsichtsratsvize Erich Klemm, der ein Drohmittel zur Hand hat: Zetsches Vertrag läuft 2010 aus und muss nach Weihnachten verlängert werden. Dazu braucht der Vorstandschef die Stimmen der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Ob er Zetsche damit erpresse im Standortstreit?, wurde Klemm bereits gefragt. „Ich führe keine Personaldiskussionen in der Öffentlichkeit“, war seine Antwort. Das lässt Raum für Interpretationen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.