https://www.faz.net/-gqe-6zwgi

Stahlkonzern : Thyssen-Krupp stellt Werke zum Verkauf

  • -Aktualisiert am

In Calvert/Alabama produziert Thyssen-Krupp bald nicht mehr. Das Werk soll verkauft werden Bild: ThyssenKrupp

Rund 12 Milliarden Euro sind in den Aufbau von Werken in Brasilien und Alabama geflossen. Nun fehlt Thyssen-Krupp die Kraft, noch mehrere Jahre auf eine Ernte zu warten.

          3 Min.

          Der Thyssen-Krupp-Konzern will sich aus der brasilianischen Stahlhütte und den Walzwerken in Alabama zurückziehen. Nach erheblich veränderten Rahmenbedingungen sei nicht mehr absehbar, dass der Stahl- und Industriegüterkonzern in den nächsten Jahren dort attraktive Renditen erwirtschaften kann, erklärte der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger am Dienstag in Essen. Nach einer Abstimmung mit dem Aufsichtsrat sollen nun parallel zu dem Hochfahren der Betriebe Interessenten für beide Standorte gewonnen werden. Der brasilianische Bergbauriese Vale, der mit knapp 30 Prozent an der Hütte in Brasilien beteiligt ist, wurde als erster über die Absichten zum Rückzug informiert.

          Thyssen-Krupp hat seit 2007 für Investitionen und Inbetriebnahme insgesamt rund 12 Milliarden Euro nach Amerika fließen lassen. Die Werke stehen nach der Abschreibung im vergangenen Geschäftsjahr noch mit knapp 7 Milliarden Euro in den Büchern. Durch Gutachter ist die langfristige Sinnhaftigkeit dieser weit über den ursprünglich geplanten Kosten liegenden Investition bestätigt. „Deshalb verlangt der Wirtschaftsprüfer auch keine Wertanpassung“, versicherte Hiesinger. Aber um die anderen Teile des Konglomerats jetzt entsprechend ihrer Möglichkeiten weiterentwickeln zu können, werde man nun nach Käufern suchen, die andere Möglichkeiten haben, den hohen Wert der beiden Standorte für sich zu nutzen.

          Zuversichtlich, dass am Weltmarkt Käufer gefunden werden

          „Bei der Abarbeitung der technischen Probleme und Stabilisierung der Produktion kommen wir gut voran“, versichert Hiesinger. Selbst beim größten Problem, der Kokerei, zeichne sich ein erfolgreicher Abschluss bis zum Ende des Geschäftsjahres 2011/2012 ab. Dennoch wird bei Steel Americas nach bereits 516 (697) Millionen Verlust vor Steuern und Zinsen in der ersten Geschäftsjahreshälfte im gesamten Geschäftsjahr ein hoch dreistelliges negatives Millionen-Ergebnis anfallen.

          Bilderstrecke

          Hiesinger erklärte diese schlechte Entwicklung mit den Ertragsproblemen nun bei der Vermarktung der Walzprodukte. Beim Beschluss dieser Investitionen sei man davon ausgegangen, dass in Brasilien kostengünstig Rohstahl produziert und im Nafta-Raum hochwertiger Flachstahl zu attraktiven Preisen verkauft werden kann. Das stark wachsende Brasilien sei inzwischen jedoch kein Billiglohnland mehr und die brasilianische Währung erheblich erstarkt. In den Vereinigten Staaten werde Thyssen-Krupp von Stahlkonzernen unter Druck gesetzt, die sich mit dem am Weltmarkt stark verteuerten Eisenerz aus eigenen Vorkommen versorgen.

          Sowohl im aufstrebenden Brasilien gebe es Bedarf für Stahl, wie auch im Nafta-Raum Nachfrage für hochwertigen Flachstahl. Aber Thyssen-Krupp werde nicht zusätzlich in die amerikanischen Standorte investieren. Hiesinger zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass am Weltmarkt Käufer gefunden werden, die großes Interesse an den Betrieben haben, die in ihren jeweiligen Märkten technologisch und betriebswirtschaftlich Spitzenpositionen einnehmen könnten. Allerdings werde diese komplexe Transaktion einige Zeit beanspruchen.

          Im ersten Geschäftshalbjahr 1,1 Milliarden Euro Fehlbetrag

          Ferner gab Thyssen-Krupp am Dienstag den Verkauf der nordamerikanischen Gießereigruppe Waupaca an den amerikanischen Finanzinvestor KPS Capital Partners bekannt. Waupaca hat zuletzt mit 3500 Beschäftigten rund 1,1 Milliarden Euro umgesetzt. Mit dieser Transaktion hat Thyssen-Krupp 90 Prozent des vor einem Jahr angekündigten Verkaufsprogramms weit vorangetrieben oder schon umgesetzt.

          Im ersten Geschäftshalbjahr sind knapp 1,1 Milliarden Euro Fehlbetrag angefallen. Ein erheblicher Teil davon steht im Zusammenhang mit dem Ende Januar vereinbarten Verkauf der Edelstahl-Gesellschaft Inoxum an den finnischen Wettbewerber Outokumpu, der erst nach Vorliegen der kartellrechtlichen Genehmigungen gegen Jahresende umgesetzt werden kann.

          Das im ersten Geschäftshalbjahr auf 217 (696) Millionen Euro geschrumpfte bereinigte Ergebnis vor Steuern und Zinsen bezeichnete Hiesinger angesichts des binnen Jahresfrist vor allem für den Konzernteil Werkstoffe deutlich verschlechterten wirtschaftlichen Umfeldes als befriedigend. Er verwies darauf, dass Stahl Europe im Berichtszeitraum immerhin noch positive 132 Millionen Euro erwirtschaftet habe und auch im ersten Kalenderquartal mit positiven Zahlen arbeite, in dem Wettbewerber in die Verlustzone gerutscht sind. Im zweiten Geschäftsquartal hat auch der Auftragseingang kräftig um 15 Prozent angezogen. Während das Stahlgeschäft schwierig bleibe, prognostizierte Hiesinger gestützt auf den Industriegüterbereich für den Konzern ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen etwa doppelt so hoch wie im ersten Halbjahr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jens Spahn vergangene Woche auf dem Weg in die Bundespressekonferenz

          Urlaubsrückkehrer : Testpflicht könnte zum 1. August kommen

          Der Druck aus den Ländern war immer größer geworden. Nun hat das Ministerium von Jens Spahn offenbar einen Verordnungsentwurf erarbeitet, der eine Testpflicht für Reiserückkehrer von Anfang August an vorsieht.
          Vilve Vene hat Estlands digitale Landschaft von Anfang an mit aufgebaut – und es damit zu einem Vorreiter gemacht.

          Fintech-Unternehmerin : Sie hat Estland digitalisiert

          Vilve Vene hat schon von Anfang an mit ihren Unternehmen für die heutige Vorreiterrolle Estlands in der Digitalisierung gesorgt. Sie erklärt, welche Haltung es für einen solchen großen Umbau braucht – und was in Deutschland fehlt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.