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Stahlindustrie : Thyssen-Krupp spart am Hochofen

Stahlkocher in Duisburg Bild: Imago

Europas Stahlindustrie rückt zusammen. Die Stahlsparte von Thyssen-Krupp soll ihre Kosten um eine halbe Milliarde Euro senken. Das wird Hunderte Arbeitsplätze kosten.

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          Thyssen-Krupp steuert offenbar auf einen handfesten Konflikt mit der Belegschaft zu. Parallel zu den Verhandlungen über eine europäische Stahlallianz mit dem Konkurrenten Tata bereitet der Essener Konzern ein tiefgreifendes neues Sparprogramm für die Stahlsparte vor, dem einige Hundert Arbeitsplätze zum Opfer fallen dürften. Hinter verschlossenen Türen hat Andreas Goss, der Vorstandsvorsitzende von Steel Europe, am Freitagnachmittag im Wirtschaftsausschuss des Gesamtbetriebsrates erste Eckpunkte vorgestellt. Am Abend bestätigte der Konzern, dass es um ein neues 500-Millionen-Euro-Programm geht.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Weil die Hochöfen nicht einmal ihre Kapitalkosten verdienen und Besserung nicht in Sicht ist, sieht der Konzern keinen anderen Ausweg, als die Kosten weiter zu drücken. Wie es inoffiziell weiter hieß, ist der Plan vorläufig auf drei Jahre angelegt. Welche Folgen damit für die Belegschaft und die einzelnen Standorte verbunden sind, wird sich im Detail erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Im Betriebsrat sei nur über erste, besonders dringende Schritte für Bereiche gesprochen worden, „in denen derzeit Geld verbrannt wird“. Auf der Prioritätenliste steht angeblich ein Teil der Grobblecherzeugung in Duisburg, vor allem die Warmband-Querteilanlage. Wie zu hören war, geht es dabei um eine dreistellige Zahl von Arbeitsplätzen.

          Damit ist es aber nicht getan. Das Programm müsse nun mit weiteren Teilmaßnahmen unterfüttert werden, um das Kostensenkungsziel zu erreichen. Nach dem Zeitplan des Konzernvorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger soll der Plan bis zum Frühsommer stehen. Konkrete Beschlüsse dürfte es frühestens im Mai geben, wenn der Aufsichtsrat der Stahlsparte zu seiner nächsten regulären Sitzung zusammen kommt. Gewerkschaft und Betriebsratsvertreter hatten schon bei einer Sitzung am Mittwoch klar gemacht, dass sie einen Stellenabbau nicht widerstandslos hinnehmen werden. „Wir werden um jeden unserer Arbeitsplätze kämpfen und setzen dabei auf unsere Stärke, die Solidarität“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath angekündigt. Die Arbeitnehmerseite will nicht akzeptieren, dass in vergleichsweise effizienten deutschen Werken Stellen gestrichen oder gar kleinere Standorte ganz stillgelegt werden, während der mögliche Fusionspartner Tata sein defizitäres Werk im britischen Port Talbot in die Allianz einbringen wolle.

          Stahlsparte hat schon einige Sparrunden hinter sich

          Hiesinger hat hingegen wiederholt betont, dass Thyssen-Krupp auch unabhängig von einer Fusion nicht an einer Restrukturierung vorbeikomme. „Eine gute Lösung, welche die Zukunftsfähigkeit der Stahlproduktion ermöglicht, braucht Zeit. Deshalb darf es intern keinen Stillstand geben“, hatte Hiesinger gegenüber der F.A.Z. formuliert.

          Die Stahlsparte hat schon eine Reihe von Sparrunden, auch zu Lasten der Belegschaft, hinter sich. Rund 27.000 Stahlkocher arbeiten in Europa für Thyssen-Krupp, davon rund 25.000 in Deutschland. Allein in den Werken in Nordrhein-Westfalen und in der Essener Zentrale verdienen rund 20.000 Menschen ihr Geld. Vor gut einem Jahr war das Programm „Best in Class Reloaded“ (BiC) ausgelaufen, mit dem der Konzern die Kosten seit 2013 um rund 650 Millionen Euro gedrückt hatte. Unter anderem waren rund 1000 Stellen abgebaut werden, sozialverträglich, wie bei Thyssen-Krupp üblich. Entlassungen sind auch nun kaum zu befürchten. Betriebsbedingte Kündigungen hat der Konzern für die kommenden zwei Jahre ausgeschlossen. Aber möglicherweise wird er einen weiteren Beitrag der Beschäftigten verlangen, die durch eine noch bis 2018 gültige Arbeitszeitverkürzung auf 31 Stunden schon seit einigen Jahren auf einen Teil ihres Lohns verzichten.

          Auf BiC folgte Anfang 2016 das Programm „one steel“, das neben weiteren Effizienzsteigerungen auch strategische Änderungen unter anderen im Vertrieb und in der Produktpalette umfasst. Doch die riesigen Überkapazitäten und der damit verbundene Preisdruck fressen die Erfolge der Sparanstrengungen immer ziemlich schnell wieder auf. Um diese Spirale zu durchbrechen, sucht Hiesinger den Schulterschluss mit Tata. „Sparprogramme verschaffen uns nur kurzfristig eine Atempause“, sagte er auf der Hauptversammlung. Die Arbeitnehmerseite ist davon weiterhin nicht überzeugt. „Wir werden nicht die Trauzeugen von Hiesingers Hochzeit im Himmel werden“, so Segerath nach der Betriebsratsversammlung am Mittwoch.

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