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Stahl : Arcelor liebäugelt mit einer „Giftpille“

  • Aktualisiert am

Hohe Sozialkosten machen US Stell unattraktiv Bild: AP

Arcelor will sich gegen die Übernahme durch Mittal verteidigen. Eine Möglichkeit: Die Luxemburger übernehmen US Steel. Das leerte ihre Kassen und riefe die Kartellwächter in Amerika auf den Plan. Denn dort ist Mittal schon Marktführer.

          Der von Mittal Steel mit einem feindlichen Übernahmeangebot angegriffene Stahlkonzern Arcelor erwägt den Kauf eines amerikanischen Konkurrenten. Nach Informationen dieser Zeitung wird die Übernahme von US Steel (USS) geprüft.

          Von dem zunächst analysierten Barkauf des gesündesten nordamerikanischen Stahlproduzenten, der Nucor, habe Arcelor wegen der hohen Börsenbewertung von umgerechnet mehr als 10 Milliarden Euro wieder Abstand genommen, hieß es in Kreisen von Investmentbanken. Ein Arcelor-Sprecher lehnte eine Stellungnahme mit der Begründung ab, das Unternehmen wolle den Konkurrenten Mittal nicht über die Pläne zur Abwehr des Übernahmeangebots informieren.

          Japanische Konzerne taugen nicht als „weiße Ritter“

          Am 27. Januar hatte die zu fast 90 Prozent der Familie des Inders Lakshmi Mittal gehörende Mittal Steel den Arcelor-Aktionären ein Übernahmeangebot im Wert von 18,6 Milliarden Euro angekündigt. Bei einem Kauf des zweitgrößten durch das führende Unternehmen entstünde ein Stahlkonzern mit rund 10 Prozent Anteil an der Weltrohstahlproduktion von gegenwärtig 1,13 Milliarden Tonnen.

          Bei dem von der Arcelor-Zentrale in Luxemburg umgehend begonnenen Widerstand kam alsbald Nippon Steel, der drittgrößte Stahlkonzern der Welt, als möglicher "weißer Ritter" ins Gespräch. Aber in der Branche galten weder der japanische Konzern noch die koreanische Posco als ernsthafte Alternative.

          Verglichen mit den großen Japanern ist Arcelor unterbewertet

          Die führenden asiatischen Stahlproduzenten haben bisher dem Geschäft in Europa wenig Beachtung geschenkt. Außerdem werden dort Entscheidungen in der Regel außerordentlich gründlich analysiert, so daß ein Kauf innerhalb des von Mittal gesteckten Zeitrahmens unwahrscheinlich erscheint.

          Nippon Steel oder der zweite bedeutende japanische Stahlproduzent, JFE, gelten zwar auf längere Sicht als mögliche Partner westlicher Stahlunternehmen bei einem einvernehmlichen Zusammenschluß durch Aktientausch. Jedoch werden sie seit Jahren mit wesentlich höheren Multiplikatoren bewertet als die europäischen Stahlaktien. Die wesentlich größere, als unterbewertet geltende Arcelor kam vor der Mittal-Attacke nur auf rund 14 Milliarden Euro Kapitalisierung, während Nippon Steel schon länger mit mehr als 20 Milliarden Euro bewertet wird.

          Bei diesen ungleichen Marktwerten wäre Arcelor also lediglich der Juniorpartner von Nippon Steel. Das allerdings ist nicht das Ziel der Arcelor-Führung, die ihren Konzern wieder an die Spitze des Marktes bringen will. Während Mittal bereits andeutete, daß die Verwaltungen seines Konzerns aus den Niederlanden und Großbritannien nach Luxemburg verlegt werden könnten, wäre ein solcher Schritt für Nippon Steel unvorstellbar. An diesem Montag hat Nippon-Steel-Chef Akio Mimura in einem Zeitungsinterview denn auch sinngemäß erklärt, daß sein Unternehmen für ein Gegenangebot nicht zur Verfügung stehe.

          Große Übernahme in bar als „Giftpille“

          Der Arcelor-Vorstandsvorsitzende Guy Dolle selbst hatte in den vergangenen Tagen wiederholt darauf hingewiesen, daß es keinen schlagkräftigen Partner in der Industrie gebe, der Mittal überbieten könnte. Aber schon früh soll aus dem Kreis der das luxemburgische Unternehmen beratenden Banken - Deutsche Bank, BNP Paribas und UBS - eine eigene große Übernahme durch Barzahlung als "Giftpille" vorgeschlagen worden sein. Rund um den Globus wären für diese Strategie die beiden führenden nordamerikanischen Stahlproduzenten am besten geeignet.

          Für die 2005 aus den Stahlunternehmen des in London lebenden Inders und der International Steel gebildeten Mittal Steel wäre die Übernahme von Nucor oder USS doppelt nachteilig. Bei einem Kauf würde bei Arcelor die Kasse geleert und die Verschuldung um viele Milliarden Euro hochgetrieben. Auch dürfte die Wettbewerbsaufsicht in den Vereinigten Staaten Mittal Steel eine Arcelor-Übernahme kaum genehmigen. Denn Mittal ist dort bereits die Nummer eins und könnte schwerlich den zweit- oder den drittgrößten Stahlproduzenten Nordamerikas erwerben.

          Hohe Sozialkosten haben Europäer bislang abgeschreckt

          Da ein Nucor-Kauf mit erforderlicher Prämie für die Aktionäre leicht 13 Milliarden Euro kosten könnte, sollen die Investmentbanken nun an einem Übernahmeangebot für USS arbeiten. Dieses Unternehmen gilt zwar als grundsätzlich interessant. Aber wegen noch immer recht hoher Altlasten bei den Sozialkosten ist bisher kein europäisches Stahlunternehmen bereit gewesen, sich mit einem Kauf zu befassen. Damit besteht für Arcelor das Risiko, daß eigene Aktionäre im Falle einer USS-Übernahme die Konzernleitung mit dem Vorwurf einer bewußten Wertvernichtung zur Abwehr der Mittal-Offerte verklagen werden.

          Der Wertpapieraufsicht in Luxemburg liegt bisher lediglich ein Entwurf von Mittals Übernahmeplänen vor. Beobachter erwarten, daß bis zu einem förmlichen Angebot noch mindestens vier Wochen verstreichen werden. Mittal hat bekräftigt, er denke nicht an ein höheres Angebot. Arcelor setzt auf die Veröffentlichung des Geschäftsberichtes 2005 am 16. Februar, der mit beeindruckenden Zahlen die Aktionäre bei der Stange halten soll. Außerdem hieß es bei, nach langer Vorbereitung stehe man kurz vor einer größeren Investition in China.

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