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Schutz vor dem Klimawandel : So überleben die Stadtbäume

  • -Aktualisiert am

Systeme von Humberg basieren auf einem ähnlichen Prinzip, das dann den Gegebenheiten vor Ort angepasst wird. Bild: Humberg GmbH

Angesichts längerer Hitzeperioden brauchen die Wurzeln mehr Platz, um besser Luft und Wasser aufnehmen zu können. Ein Mittelständler aus dem Münsterland hat dafür ein System entwickelt.

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          Wegen der durch den Klimawandel verursachten längeren Hitzeperioden überlebten weniger Bäume in den Städten, erklärt Franz Humberg. „Ich möchte durch jede Stadt gehen und mich an vielen groß gewachsenen Bäumen erfreuen“, ergänzt der Geschäftsführer der Humberg GmbH aus Nottuln im Münsterland.

          Sein Unternehmen habe den größten Anteil am Markt von Schutzvorrichtungen für Stadtbäume und deren Wurzeln. Spürbar sei das vor allem mit Blick auf die Ausschreibungen, die ihnen zugesendet würden. Dort seien nur 30 Prozent Fremdprodukte aufgelistet, der Rest komme von ihnen. Zu den Wettbewerbern von Humberg gehören Meier-Guss, Greenleaf und Joas.

          Humberg entwickelt seit mehr als 30 Jahren standortgerechte Pflanzsysteme für Bäume. Man sei mittlerweile Technologieführer, sagt Humberg. Ein Beispiel für ein Produkt ist die Luftzufuhr, die man unter der Baumwurzel anlegt. Dies tue man, weil die Spitzen der Wurzeln immer zur Luft hin wüchsen, und so wolle man verhindern, dass diese nach oben an die Oberfläche drängten und Schaden anrichteten, erklärt Humberg.

          Ein Gestell sorgt für Stabilität

          Man habe mittlerweile gelernt, dass ein einfaches Gitter um den Baum nicht mehr ausreiche, weil die urbane Umgebung der Städte suboptimale Bedingungen für das Wachsen der Bäume biete, sagt Humberg. Wegen einer Fertigungstiefe von fast 100 Prozent könne man jedes Produkt individuell in kurzer Zeit fertigen.

          Die Wurzel des Baumes braucht Platz, um sich zu entfalten und Luft und Wasser aufzunehmen. Dafür sind die Systeme von Humberg ausgelegt. Das Unternehmen verfügt über mehrere 1000 Systeme; die meisten basieren auf einem ähnlichen Prinzip, das dann den Gegebenheiten vor Ort angepasst wird, wie Humberg berichtet.

          So könnten Bäume auch in der Stadt gut alt werden. Ein Metallgestell, das in den Boden eingelassen werde und somit nicht zu erkennen sei, sorge für Stabilität, erklärt der Geschäftsführer. Durch dieses Gestell könne der Baum seine Wurzeln in lockerer Erde entfalten und so Luft und Wasser effektiver aufnehmen.

          Münsteraner gießen Bäume

          München, Hamburg und Berlin sind einige Beispiele, wo man derartige Systeme von Humberg findet. Ständig wird das System verbessert; es wird zum Beispiel mit Wasserspeichern ausgestattet, die sich entweder bei Regen auffüllen oder manuell befüllt werden. Das hilft in längeren Trockenphasen.

          Diese werden durch den Klimawandel länger und härter, ist Wolfram Goldbeck vom Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit der Stadt Münster aufgefallen. „Das Gießen aller Bäume in Trockenphasen ist logistisch nicht möglich“, erklärt er. In Münster setzt man sogar auf das Engagement der Bürger, um mit deren Hilfe den Bäumen Wasser zu geben. Dafür hat die Stadt an 19 Standorten 37 Wassercontainer aufgestellt und 250 Wassersäcke ausgegeben.

          Humberg stattet sowohl den Baum als auch den Speicher mit Sensoren aus, die dann die Kommunen mit Informationen über den Füllstand des Speichertanks, die Temperatur und die Feuchtigkeit versorgen, erklärt Humberg. Mitgeholfen bei der Entwicklung dieses Systems hat der Fachmann für Wasserversorgung und Entwässerungstechnik Helmut Grüning von der FH Münster.

          Mit der Kanalisation verbunden

          „Bäume benötigen Nährstoffe, Wasser und Luft. Mit dem System der Firma Humberg ist die Versorgung der Bäume auch in beengten innerstädtischen Räumen möglich, und die Baumwurzeln werden vor der Verdichtung des Bodens geschützt“, sagt er. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Wasserspeicher auch bei intensiven Niederschlägen hälfen, Überflutungen zu verhindern und das Regenwasser aufzunehmen.

          Wichtig ist, dass die Speicher mit der Kanalisation verbunden sind, damit sie bei großen Wassermengen nicht überlaufen und möglicherweise den Baum beschädigen, wie Humberg erklärt. Alle Varianten können an der Oberfläche mit einem Baumrost in unterschiedlichem Design ausgestattet werden. In Zusammenarbeit mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung arbeitet das Unternehmen an der Nutzung eines Textils, das Flüssigkeiten bis zu 1,50 Meter hoch befördern kann. Dies könne eine noch effizientere Nutzung des Wassers gewährleisten, ohne zusätzliche Wartung oder Energiekosten, sagt Humberg.

          Sein Unternehmen sei kontinuierlich gewachsen. Aus dem kleinen Familienunternehmen, das nun in der sechsten Generation fortgeführt wird, sind zwei Betriebe geworden, die jeweils 25 Mitarbeiter beschäftigen: ein Metallbauunternehmen für den Baumschutz und eine Aluminiumgießerei. Beide Unternehmen laufen Hand in Hand. So soll künftig der eigentlich ungeeignete Sand, der als Abfallprodukt in der Gießerei übrig bleibt, durch moderne Verfahren im Baumschutz für Fundamentbalken eingesetzt werden. Mit Humbergs Söhnen Christoph und Michael ist schon die nächste Generation im Unternehmen tätig.

          Rund 2500 bis 10.000 Euro

          Die Preise für die Humberg-Systeme beginnen bei rund 2500 Euro für das kleinste Modell. Das größere Modell mit mehr als doppelt so viel Platz kostet etwa 5000 Euro, und die neuen Produkte mit bis zu 4 Kubikmeter Wasserspeicher sollen bis zu 10 000 Euro kosten.

          Bei den Preisen sei zu bedenken, dass Leitungswasser gespart werde und dass ein Kubikmeter eines gegen Hochwasser notwendigen Retentionsbeckens innerstädtisch 2000 bis 3000 Euro koste. Retentionsbecken sind Auffangbecken, die sich oft unter Bordsteinen befinden und dafür da sind, bei Starkregen das Wasser zwischenzuspeichern, wenn die Kanalisation nicht alles aufnehmen kann.

          Der Umsatz der Humberg GmbH ist nach eigenen Angaben in den vergangenen beiden Jahren von 2 Millionen auf 4 Millionen Euro gestiegen. Die Tendenz sei weiter steigend, sagt Humberg. Im vergangenen Jahr hat Humberg 1000 bis 1200 Produkte in Deutschland verkauft. Kunden sind meistens Kommunen, manchmal auch Supermärkte und Schwimmbäder. Die Aufträge sind abwechslungsreich; so ist man bei einem Projekt in Ellwangen (Jagst) auf einen alten, verschwundenen Friedhof mit 500 Gräbern gestoßen.

          Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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