https://www.faz.net/-gqe-7ujr5

Arzneimittelhersteller : Stada-Chef blitzt mit Plänen für 40-Stunden-Woche ab

  • -Aktualisiert am

Dank Manager Hartmut Retzlaff steht Stada gut da. Doch seine 40-Stunden-Woche-Pläne hat die Gewerkschaft bis auf weiteres vereitelt. Bild: Kaufhold, Marcus

Stada-Chef Hartmut Retzlaff hat Pensionsansprüche in Höhe von 35,3 Millionen Euro. Grund genug für die Gewerkschaft, seine Forderung nach einer 40-Stunden-Woche abzulehnen.

          Der Arzneimittelhersteller Stada ist mit einem Vorstoß für längere Arbeitszeiten gescheitert. Der Vorstandsvorsitzende Hartmut Retzlaff traf mit seinem Plan für eine 40-Stunden-Woche auf den Widerstand der Gewerkschaft IG BCE und hat den Plan aufgegeben. Das bestätigten beide Seiten dieser Zeitung. „Das Thema ist durch“, sagte ein Unternehmenssprecher. Es werde auf absehbare Zeit auch nicht wieder aufgewärmt. Die Gewerkschaft nannte zwei Gründe: Stadas Ertragslage und die üppige Altersversorgung für Retzlaff.

          Regulär arbeiten Beschäftigte der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie in tarifgebundenen Unternehmen 37,5 Stunden in der Woche. Eine Verlängerung bei Stada hätte Signalwirkung haben können, deswegen ist der Fall für die Branche insgesamt relevant. Zudem flammt so wieder die Gehaltsdiskussion um Retzlaff auf. In der Kritik stehen vor allem dessen exorbitante Pensionsansprüche: 35,3 Millionen Euro, das ist mehr als bei jedem anderen Vorstand im M-Dax und im Dax.

          Retzlaff hatte im Juni bei einer Strategiepräsentation angekündigt, mit dem neu gewählten Betriebsrat über die längere Arbeitszeit zu reden. Die Belegschaft am Stammsitz Bad Vilbel nördlich Frankfurts sollte nach seinen Vorstellungen 40 Wochenstunden bei unveränderter Bezahlung arbeiten. So würde die Konkurrenzfähigkeit im Vergleich mit günstigeren Standorten im Ausland gesichert, sagte der Stada-Chef: „Da gibt es leider einen unternehmensinternen Wettbewerb.“

          Stada will konkurrenzfähig bleiben

          Stada ist in Deutschland der drittgrößte Anbieter rezeptfreier Medikamente und hatte vor Investoren kürzlich erst die hohe operative Rendite dieses Geschäfts betont: Mit 25 Prozent im ersten Halbjahr liege sie über den Margen der entsprechenden Sparten von Bayer, Merck oder Glaxo Smith Kline, erläuterte Finanzvorstand Helmut Kraft. Bekannte Beispiele für Stadas frei erhältliche Produkte sind das Sonnenschutzmittel Ladival und das Grippepräparat Grippostad. In seinem anderen Geschäftsfeld vertreibt Stada Nachahmermedikamente (Generika). Konzernweit erzielte der M-Dax-Konzern voriges Jahr ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 415 Millionen Euro, entsprechend 20 Prozent Ebitda-Marge.

          Unternehmen der deutschen Chemie können nach dem Tarifvertrag aus wirtschaftlichen Gründen eine Öffnungsklausel ziehen: Die lässt bis zu 2,5 Stunden über oder unter der Regelarbeitszeit zu – dem muss aber außer dem Betriebsrat auch die IG BCE zustimmen. Retzlaff argumentierte mit der standortspezifischen Wirtschaftlichkeit: Die konzernweite Marge sage nichts über die Profitabilität in Deutschland aus. Wie hoch die ist, gibt er allerdings nicht preis – nur dass Stada in jedem Land Europas Gewinn erziele, also auch im Heimatmarkt.

          Gewerkschaft will „Sogwirkung“ verhindern

          Die Gewerkschaft beurteilt die Lage anders. „Es gibt keinen Grund, die Öffnungsklausel zu nutzen“, sagte ihr Landesbezirksleiter Hessen-Thüringen, Volker Weber. Einmal hatte die IG BCE Retzlaff schon eine 40-Stunden-Woche in Deutschland gewährt, von 2011 bis 2013. Das war gekoppelt an Standort- und Investitionszusagen – und das Versprechen, dass das Unternehmen tarifgebunden bleibt. Damals gab es Unstimmigkeiten mit dem Betriebsrat. Wie der diesmal die Lage sieht, war nicht zu erfahren. Er ließ Bitten um Rückruf unerfüllt.

          Weitere Themen

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Klimawende : Für eine Transformation mit Herz

          Uns erwartet ein sozial-ökologischer Umbau der Gesellschaft. Doch das muss man den Bürgern, die zwar für Klimawandel, aber kaum für persönliche Einschnitte sind, auch sagen. Ein Gastbeitrag.

          NPD-Ortsvorsteher in Hessen : Ein netter Kerl

          In einem Dorf wird ein NPD-Mann zum Ortsvorsteher gewählt. Die Aufregung ist groß, im Ort selbst findet man das nur halb so wild. Eindrücke aus Altenstadt-Waldsiedlung.
          Die Vorsitzende des Ressemblement National (RN), Marine Le Pen, nach ihrer Rede in Fréjus an der Cote d’Azur

          Wahlkampf von Le Pen : Seriosität statt Häme

          Statt nach Rechts und Links Sticheleien zu verteilen, gibt sich Marine Le Pen bei ihrer Comeback-Rede staatstragend. Für ihr Ziel, den Einzug in den Elysée-Palast 2022, hat die Vorsitzende des Rassemblement National eine Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.