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Staatshilfen : Auch die Eigentümer wollen Arcandor helfen

  • -Aktualisiert am

Knapp 30 Prozent der Arcandor-Aktien hält die Bankiersfamilie Oppenheim Bild: dpa/dpaweb

Die Bankiersfamilie Oppenheim verhandelt über eine Staatshilfe - auch Madeleine Schickedanz soll sich an der Rettung beteiligen. Arcandor hatte abermals eine Bürgschaft verlangt. Einen „zweiten Fall Opel“ werde es jedoch nicht geben, sagte Kanzlerin Merkel.

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          Die Hauptaktionärin des angeschlagenen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor, die Kölner Bankiersfamilie Oppenheim, prüft konkrete Möglichkeiten, einen größeren Beitrag zur Rettung des um die Existenz ringenden Unternehmens zu leisten. Zu diesem Zweck führt der Oppenheim-Bankier und Arcandor- Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich Carl Janssen derzeit Gespräche mit Politikern der beiden Koalitionsparteien CDU/CSU und SPD in Berlin.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          In den aktuellen Gesprächen geht es um verschiedene Konzepte, wie die in den letzten Tagen in der politischen Diskussion zunehmend geforderten Bekenntnisse der beiden Haupteigner zum Unternehmen aussehen könnten. Wie aus gutunterrichteten Kreisen verlautet, wird sich die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz an entsprechenden Lösungen beteiligen. Beide Familien halten zusammen annähernd 60 Prozent der Arcandor-Aktien, wobei Oppenheim mit knapp unter 30 Prozent das etwas größere Paket besitzt.

          Aktienpakete der Eigentümer als Sicherheit

          Dem Vernehmen nach könnte die Unterstützung der beiden Familien unter anderem so aussehen, dass sie dem Staat ihre Aktienpakete als Sicherheit zur Verfügung stellen, wenn Arcandor die beantragte Bürgschaft von 650 Millionen Euro erhält. Diese Aktien würden nach Abschluss der Sanierung des Handels- und Touristikkonzerns an die Eigner zurückgehen.

          Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat schon viel Geld in Arcandor gesteckt
          Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat schon viel Geld in Arcandor gesteckt : Bild: dpa

          Die Bürgschaft ist nach dem Bekunden des Arcandor-Managements Voraussetzung dafür, dass mit den Hausbanken über die Verlängerung der am 12. Juni fälligen Kredite verhandelt werden kann. Andernfalls drohe die Insolvenz.

          Dem Volumen sind Grenzen gesetzt

          Die Gesellschafter des Bankhauses haben in der vergangenen Woche nochmals bekräftigt, das Sanierungskonzept von Arcandor mittragen zu wollen. Bei der in diesem Konzept vorgesehenen Kapitalerhöhung von bis zu 100 Millionen Euro wollen sie jedoch nur im Rahmen ihres Beteiligungsansatzes mitziehen. Denn es soll unbedingt vermieden werden, dass die 30-Prozent-Schwelle überschritten wird, die ein Übernahmeangebot an alle außenstehenden Aktionäre auslösen würde. Zudem will die Bank weitere Kredite zur Verfügung stellen, wenn die Bürgschaft gewährt wird.

          Dem Volumen sind aber aufsichtsrechtliche Grenzen gesetzt. So verwies ein Sprecher von Oppenheim darauf, dass die Bankenaufsicht ein zu hohes Kreditengagement bei einem Unternehmen verbietet. Deshalb würden jetzt andere, aufsichtsrechtlich korrekte Wege der Hilfe sondiert. Die Kölner Bankiersfamilie ist erst seit vergangenem Herbst Aktionär bei Arcandor. Zur Rettung des Unternehmens war die Bank über eine Kapitalerhöhung eingestiegen und hatte Aktien aus dem Schickedanz-Besitz erworben.

          Am Wochenende hatte es unter anderem von der Mittelstandsvereinigung der Unionsfraktion heftige Kritik an möglichen Staatshilfen für Arcandor gegeben. Vor den Steuerzahlern sollten erst einmal die wohlhabenden Anteilseigner in die Pflicht genommen werden und einen größeren Beitrag leisten, hatte ihr Vorsitzender Michael Fuchs dieser Zeitung gesagt und hinzugefügt: „Wenn die Aktionäre nicht stärker an ihr Unternehmen glauben, mit welcher Berechtigung sollte dies dann der Steuerzahler tun?“ Die Entscheidung über die von Arcandor beantragten Staatsbürgschaften dürfte Anfang kommender Woche fallen, heißt es derweil.

          Keinen „zweiten Fall Opel“

          Bis dahin soll das von der Regierung vorgesehene Beratungsprocedere mit Bürgschaftsausschuss, Lenkungsrat und -ausschuss sowie der Befassung des Haushaltsausschusses des Bundestages abgeschlossen werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte am Dienstag vor Wirtschaftsvertretern in Berlin deutlich, dass die Regierung sich strikt an diese Vorgehensweise halten werde. Es werde keinen „zweiten Fall Opel“ geben, sagte sie. Bei Opel hatte sich die Regierung über die selbstgesetzten Regeln hinweggesetzt und Magna als Investor ins Boot geholt. Nach den regierungsinternen Vorgaben für Bürgschaften und Kredite aus dem 100 Milliarden Euro schweren „Deutschlandfonds“ müssen diese Gremien befasst werden, wenn Bürgschaften von mehr als 300 Millionen Euro ausgereicht werden sollen.

          Der Sprecher von Arcandor verlangte am Dienstag abermals eine Bürgschaft. „Wir erwarten faire Gleichbehandlung“, sagte er mit Blick auf die Rettung von Opel. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick wies Forderungen zurück, die Mehrheitsbeteiligung an dem britischen Touristikkonzern Thomas Cook zu verkaufen. Der Konzern würde damit den größten Gewinnbringer verlieren. Wegen der Börsenschwäche könne der bei den Banken verpfändete Anteil derzeit nur unter Wert verkauft werden, sagte er der Zeitung „Die Welt“. Mit dem Erlös könnten wahrscheinlich nicht einmal die Altschulden bei den Banken abgelöst werden. Auch Margret Mönig-Raane, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi und Mitglied des Arcandor-Aufsichtsrats, machte sich nochmals für Staatshilfe stark. „Jeder, der den Antrag sorgfältig und verantwortungsbewusst prüft, wird zu dem Schluss kommen, dass Arcandor die erforderlichen Kriterien für eine solche Bürgschaft erfüllt“, sagte sie.

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