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Sport und Kultur : Angst vor Strafjustiz kostet Sponsorengelder

  • -Aktualisiert am

Sind die Logen in den Bundesligastadien bald leer? Ein „leitfaden” soll helfen Bild: Marcus Kaufhold

Aus Angst vor dem Staatsanwalt geizen Sponsoren mit Förderung von Sport und Kultur. Nun trafen sich Vereine, Geldgeber und Eingeladene, um die „Karnickel-Schockstarre“ zu lösen. Ein neuer „Leitfaden“ soll gegen die Unsicherheit helfen.

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          „Anfragen zu den Hospitality-Paketen für die WM sind verstärkt bei der zuständigen Agentur eingetroffen“, meldete der Sport-Informations-Dienst Anfang 2006: „Neben den besten Plätzen im Stadion beinhalten die Pakete einen Rundum-Spezial-Service während der Spiele.“ Doch ausgerechnet diese Weltmeisterschaft sollte den Zufluss von Sponsorengeldern drosseln. Denn die Staatsanwaltschaft leitete wegen Gutscheinen für das „Sommermärchen“, die der damalige ENBW-Vorstandschef Utz Claassen verschenkt hatte, ein Strafverfahren gegen ihn ein.

          Zwei Jahre später sprach ihn der Bundesgerichtshof zwar frei. „Aber noch immer herrscht eine extreme Verunsicherung“, sagt Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL). Um Vereine, Geldgeber und Eingeladene aus dieser „Karnickel-Schockstarre“ zu erlösen, von der Seifert jetzt auf einer Tagung in Berlin sprach, haben sich mehrere Verbände zusammengerauft.

          DFL und Deutscher Fußballbund (DFB) haben mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Sponsorenvereinigung „S20“ einen Leitfaden mit dem Titel: „Hospitality und Strafrecht“ ausgetüftelt. Zudem gibt es eine Selbstverpflichtungserklärung nebst Memorandum dazu, wie Vereine und Sponsoren mit Spenden an Geschäftsfreunde, Politiker und Verwaltungsbedienstete umgehen sollten.

          Spitzen- und Breitensport brauchen Unterstützung“

          Denn die Grenzen, von der an Strafverfahren wegen Korruption drohen, sind fließend, zumal der Bundestag die Gesetzeslage im Jahr 1997 verschärft hat. Und jeder Staatsanwalt hat eine andere Vorstellung davon, wo Klima- und Kontaktpflege in kriminelle Vorteilsgewährung oder gar Bestechung umschlägt. Die Zuwendungen sind seit der Claassen-Affäre zwar „nicht drastisch“ zurückgegangen, so Seifert. Aber mit dem Leitfaden habe man Leitplanken geschaffen, erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel, der zugleich Anti-Korruptionsbeauftragter des DFB ist. Vor allem kleinere Clubs ohne große Rechtsabteilung und mittelständische Unternehmen ohne Compliance-Beauftragten sollen darauf zurückgreifen.

          Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) wies auf die „großen Emotionen“ hin, die bei diesem Thema hochkochen: Manche Fans aus der Südkurve reagierten gereizt auf Logen- und VIP-Plätze sowie auf „Business Seats“, wo Starköche nicht bloß eine Bratwurst brutzeln. „Aber der Spitzen- und der Breitensport brauchen Unterstützung.“ Ob man es nun Quersubventionierung, Mischkalkulation oder Solidarausgleich nennt – Sportfunktionäre warnen jedenfalls, dass sonst sogar der Bau von Sportstätten gefährdet sei. „Bezahlbare Tickets für jedermann“ lautet ihre Devise. Eine Kürzung der Spielergehälter sei dagegen angesichts des Wettbewerbs keine Lösung.

          Die frühere Leichtathletin Sylvia Schenk, später Vorsitzende der Anti-Korruptionsvereinigung Transparency International, erinnerte daran, dass früher manche Zuwendungen noch als normal gegolten hätten, die heute einen Skandal auslösen könnten. „Immer besteht die Gefahr, dass man Einladungen annimmt oder ausspricht, die den Anschein einer unzulässigen Beeinflussung erwecken – oder eine solche tatsächlich bewirken.“ Zum Strafbarkeitsrisiko kämen dienst- und arbeitsrechtliche Konsequenzen hinzu, warnte die heutige Rechtsanwältin.

          „Wir können nicht auf der VIP-Tribüne sitzen und schimpfen“

          Nachdrücklich sprach sich Schenk gegen eine Lockerung des Gesetzes aus, um mehr Rechtssicherheit für das Sportsponsoring zu schaffen. „Wir können nicht auf der VIP-Tribüne sitzen und über die korrupte FIFA schimpfen, wenn wir es selbst mit der Einladungspraxis nicht so genau nehmen.“ Auch DFB-Korruptionsjäger Grindel plädierte dafür, nun erst einmal ein bis zwei Jahre die Erfahrungen mit dem Leitfaden abzuwarten.

          Doch auch die Kulturförderung ist betroffen. „Beim Rheingau-Musikfestival beginnt das Problem auch schon um sich zu greifen“, hat DFL-Geschäftsführer Seifert festgestellt. „Selten dämlich“ sei das gelegentlich zu hörende Argument, eine Einladung zum Klassikkonzert dürfe teurer sein, weil dieses weniger Beeinflussungspotential biete als ein Fußballspiel. Die Leiterin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, unterstrich, dass auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Eintrittskarten selbst zahle. Wagner räumte allerdings ein: „Bei uns geht es weniger ums Bezahlen, als dass man überhaupt eine Karte kriegt.“

          Utz Claassen: „Ihr Juristen habt sie nicht mehr alle“

          Die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hält die Angst vor anprangernden Ermittlungsverfahren jedoch mitunter für vorgeschoben. Utz Claassen habe ihr zwar bei einer Begegnung im Flugzeug vorgehalten: „Ihr Juristen habt sie nicht mehr alle.“ Doch von Dax-Vorständen habe sie gehört, dass viele Unternehmen damals in Wirklichkeit wegen der Wirtschaftskrise abgesprungen seien.

          Stephan Althoff von der Deutschen Telekom, der Vorstandsvorsitzenden von „S20“, entgegnete: „Wir müssen unsere Top-Manager davor schützen, dass sie zu Unrecht vor laufenden Fernsehkameras abgeführt und gebrandmarkt werden.“ Die Mitglieder des Verbands – 20 Großsponsoren – investierten jährlich zusammen rund 500 Millionen Euro ins Sponsoring.

          „Der Leitfaden ändert die Rechtslage nicht“

          In dieser „emotionalen Atmosphäre“ lasse sich ein ganz anderer Dialog mit Geschäftsfreunden pflegen als bei anderen Marketingformen, sagte Althoff. Wichtige Kunden würden von der Telekom allerdings seltener eingeladen als früher und Amtsträger gar nicht mehr.

          Vor zu großen Erwartungen warnte Michael Vesper, Generaldirektors des Deutschen Olympischen Sportbundes. „Der Leitfaden ändert die Rechtslage nicht, sondern interpretiert sie nur“, hob er hervor. Und auf die Frage, ob die Handreichungen wirklich praktikabel seien, entgegnete er nur: „Das wird man sehen.“

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