https://www.faz.net/-gqe-133yi

Spitzelaffäre : Die Deutsche Bank demontiert sich

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (re.) und der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Clemens Börsig Bild:

Die Spitzelaffäre bei der Deutschen Bank: Konzernchef Josef Ackermann und sein Aufsichtsratschef Clemens Börsig liefern sich eine erbitterte Schlacht. Am Dienstag, wenn das Kreditinstitut seine Geschäftszahlen vorlegt, droht ein Eklat.

          4 Min.

          Einer schweigt: Seit Wochen ist Clemens Börsig, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, unter Druck. Der Abschlussbericht einer Anwaltskanzlei, vorgelegt in der vergangenen Woche und in Auftrag gegeben vom eigenen Aufsichtsrat, nennt Börsig als Mitverursacher „rechtlich zweifelhafter Nachforschungs- und Überwachungsaktivitäten“ – vulgo: Bespitzelungen. Doch Börsig nimmt zu den Vorwürfen nicht Stellung, lässt es zu, dass seine Person beschädigt wird und das Ansehen der größten deutschen Bank in Misskredit kommt. Und bekundet, dass er keine Konsequenzen aus den Vorwürfen ziehen und seinen Posten nicht räumen will.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Noch einer schweigt: Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank. Obwohl Börsig, der Aufseher im Zwielicht, nun auch wichtige Vorstandskollegen von Ackermann mit in die Affäre hineinzuziehen droht, gibt es kein Machtwort von ihm. So etwas wäre auch heikel. Schließlich ist Börsig der Chef von Ackermann und nicht umgekehrt.

          Worum geht es? Auf der Hauptversammlung der Bank im Jahr 2006 – es war Börsigs erste Eigentümerversammlung im Amt des Aufsichtsratschefs – nervte wie jedes Jahr der kritische Aktionär Michael Bohndorf, ein auf Ibiza lebender Jurist, durch nicht enden wollende Reden. Börsig soll daraufhin über seinen langjährigen Vertrauten, den Leiter „Investor Relations“ Wolfram Schmitt, Nachforschungen über Bohndorf „ausgelöst“ haben, ob Bohndorf mit Deutsche-Bank-Lieblingsfeind Leo Kirch unter einer Decke stecke.

          Baustelle Deutsche Bank: Die Frankfurter Türme werden saniert.

          Eine attraktive Brasilianerin war mit im Spiel

          Ob dieses „Auslösen“ ein dienstlicher Auftrag war, eine beiläufige Formulierung („Was wissen wir denn über diesen Bohndorf?“), ob überhaupt ein Aufsichtsrat an Bankmanager dienstliche Aufträge geben kann (wahrscheinlich nicht), all das bleibt im Dunkeln. Klar ist nur, dass Bohndorf tatsächlich beschattet wurde, dass eine attraktive Brasilianerin mit im Spiel war – und dass am Ende nichts herauskam. Klar ist auch, dass Börsig von Schmitt (der Mann wurde inzwischen gefeuert) einen Rapport bekommen hat, was dann die Frage nach sich zieht, ob Börsig auch erfahren hat oder wenigstens wissen wollte, auf welchem Wege sein Vertrauter an die Antwort gekommen war.

          Nicht zu übersehen ist, dass die Deutsche Bank, seit diese und ein paar andere Überwachungsunappetitlichkeiten an die Öffentlichkeit kamen, bei der Aufklärung der Spitzelaffäre größten Aktivismus an den Tag legt. Früh schon hat Ackermann angekündigt, er werde die Angelegenheit ohne Ansehen von Personen und Funktionen lückenlos aufklären lassen: Zur Unternehmenskultur der Bank gehöre das Prinzip „null Toleranz“. Deutschlands größte Bank verheimlicht nichts und deckt niemanden – egal auf welcher Hierarchieebene, sollte die Botschaft sein. „Börsig rückt ins Visier“ – so oder so ähnlich waren dann auch die Überschriften in den Zeitungen unter dem Rubrum „Spitzelaffäre“.

          Die Assoziation zu der systematischen Überwachung von Mitarbeitern bei der Deutschen Telekom, also zu einer viel größeren Schweinerei, hat die Bank offenbar in Kauf genommen. Erst die Veröffentlichung des Anwaltsberichts gab ihr jetzt die Chance, den Vorfall selbst als Bagatelle darzustellen („kein systematisches Fehlverhalten“), den Vorstand ausdrücklich zu entlasten („nicht in rechtlich bedenkliche Aktivitäten verwickelt“), die Vorwürfe gegen Aufseher Börsig aber zum ersten Mal offiziell zu bestätigen. Strafrechtlich liegt bislang nichts vor. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft prüft noch; der zuständige Mann hat die Unterlagen eingesehen und ist danach erst einmal in Urlaub gefahren. Die hessische Datenschutzbehörde will klären, ob eine Ordnungswidrigkeit vorliegt.

          Börsig ist der Verlierer, der sich nur noch destruktiv wehren kann

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.