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Spielcasinos : Weniger Einsatz am Roulettetisch

„Weltklassekunst für die breite Öffentlichkeit“ soll es in Zukunft im Neuen Kurhaus in Aachen zu sehen geben. Bild: Picture-Alliance

Die Spielbanken ziehen weniger Gäste an. Zu groß ist die Konkurrenz durch illegale Online-Anbieter und Spielhallen. Mit einem spektakulären Kunstverkauf will sich die Spielbank Aachen nun Geld verschaffen.

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          Hohe Säulen am Eingang, viel Marmor und ausgefallene Lichteffekte im Inneren – das Ambiente der Spielbank Aachen ist elegant. Im früheren Kurhaus können sich die Gäste bei Roulette, Black Jack oder Poker vergnügen. Doch das Casino hat enorm an Reiz eingebüßt. Genutzt wird lediglich die linke Gebäudehälfte, die früheren Gastronomieflächen auf der rechten Seite stehen leer. Nur noch 73000 Besucher (minus 5 Prozent) kamen 2012 – neuere Zahlen sind nicht veröffentlicht – an die Spieltische. Das an einen anderen Standort ausgelagerte Automatenspiel verbuchte gar eine Einbuße um knapp 15 Prozent auf 29.000 Besucher. Zum Vergleich: 1984 zog es noch 360.000 Gäste in den neoklassizistischen Bau am Kurpark.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Das Glücksspiel erfolgt in Aachen gewissermaßen im staatlichen Auftrag. Die Spielbank gehört – wie die anderen nordrhein-westfälischen Casinos in Bad Oeynhausen, Dortmund-Hohensyburg und Duisburg – zur Westdeutsche Spielbanken GmbH & Co. KG (Westspiel), die wiederum eine Tochtergesellschaft der landeseigenen Förderbank NRW-Bank ist.

          Nicht nur in Aachen verläuft das Geschäft von Westspiel wenig erfreulich. Schon seit 2007 sinken die Einspielergebnisse des Unternehmens: 2012 fiel ein Verlust von 8 Millionen Euro an, der durch die Auflösung eines Risikofonds gedeckt werden musste. Auch für das vergangene Jahr ist von einem Fehlbetrag auszugehen. Zuletzt hat die NRW-Bank 2008 eine Ausschüttung von Westspiel erhalten, und zwar über 2,8 Millionen Euro. An das Land wurden 2012 rund 57 Prozent des Bruttospielertrags (Spielereinsätze minus Spielergewinne) von 88 Millionen Euro als Spielbankabgabe abgeführt.

          Unüberschaubares Online-Angebot an Poker-, Roulette- und Automatenspielen

          Als Grund für das rückläufige Besucherinteresse nennt Westspiel-Sprecher Christof Schramm vor allem die Konkurrenz aus dem Internet. Damit steht der in Duisburg ansässige Betreiber nicht allein. Die Online-Anbieter setzen der gesamten Branche zu, wie Otto Wulferding berichtet. Als Geschäftsführer des Deutschen Spielbankenverbands (DSbV) vertritt er die 38 öffentlich-rechtlichen Spielbanken in Deutschland. „Wir kämpfen seit Jahren gegen eine schwierige Wettbewerbssituation“, stellt Wulferding fest.

          Zwischen 2007 und 2013 sind die Einspielergebnisse aller 65 staatlich konzessionierten Spielbanken – öffentlich-rechtliche wie auch private – um 43 Prozent auf 523 Millionen Euro eingebrochen. Am deutschen Glücksspielmarkt, den die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen auf einen Umsatz von mehr als 33 Milliarden Euro schätzt, haben sie damit nur noch einen geringen Anteil. In Mecklenburg-Vorpommern mussten schon mehrere private Spielbanken schließen, auch die Casinos in Magdeburg und Halle gaben auf. Eingestiegen ist in Sachsen-Anhalt inzwischen der Automatenhersteller und Spielhallenbetreiber Gauselmann. Zusammen mit der schweizerischen Casino Baden AG plant er Neueröffnungen in Leuna und Magdeburg.

          Auf geschätzte 600 bis 700 Millionen Euro belaufe sich hierzulande inzwischen der Umsatz mit Online-Casinospielen, sagt Wulferding. Zwar sind laut Glücksspielstaatsvertrag sämtliche Glücksspiele, wie sie die Spielbanken offerieren, im Internet verboten. Ausnahme bilden einige wenige in der Vergangenheit in Schleswig-Holstein vergebene, nur dort gültige Konzessionen. Dennoch findet sich ein schier unüberschaubares Online-Angebot an Poker-, Roulette-, Baccara- oder Automatenspielen, von denen zudem einige – ebenfalls verbotenerweise – im Fernsehen für ihre Dienste werben. Rund 4000 deutschsprachige Internetseiten mit Casinospielen sind nach Angaben des Bundesverbands privater Spielbanken (BupriS) im Internet ungehindert verfügbar.

          Spektakulärer Kunstverkauf

          Beim Vollzug des Glücksspielstaatsvertrags gebe es große Defizite, kritisiert der mit dem Glücksspielrecht vertraute Rechtsanwalt Manfred Hecker aus der Kölner Kanzlei CBH. „Die Ordnungsbehörden sind personell damit überfordert, nachhaltig gegen diese Online-Angebote vorzugehen.“ Es gebe einfach zu wenige Mitarbeiter zur Bekämpfung des illegalen Glücksspiels im Internet.

          Aber auch die eine Zeitlang wie Pilze aus dem Boden geschossenen Spielhallen, die sich momentan einem verschärften Regulierungsdruck ausgesetzt sehen, machen den Spielbanken zu schaffen. Verbandsgeschäftsführer Wulferding beklagt vor allem die ungleiche Behandlung: Während die Spielbanken zu einer Eingangskontrolle mit Ausweispflicht gezwungen sind, wird in den Spielhallen lediglich das Erreichen der Altersgrenze von 18 Jahren geprüft. Auch müssen nur die Spielbanken Kunden mit auffälligem Spielverhalten sperren. Mit Hilfe der öffentlichen Spielbanken soll laut Spielbankgesetz NRW schließlich das Entstehen von Glücksspielsucht verhindert und der natürliche Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen gelenkt werden, wie es im Juristendeutsch heißt.

          Als den Versuch eines Befreiungsschlags kann man in dieser angespannten Wettbewerbslage den von Westspiel geplanten, spektakulären Kunstverkauf deuten (F.A.Z. vom 6. September). Am 12. November werden bei Christie’s in New York zwei Werke von Andy Warhol versteigert, die die Spielbank Aachen in den siebziger Jahren zu Dekorationszwecken erworben hatte. Die Preise damals: 183.000 D-Mark und 205.000 D-Mark. Heute schätzt Christie’s den Wert der beiden Bilder auf 130 Millionen Dollar. Der Verkauf der Werke ermögliche es Westspiel, „ihrem staatlichen Auftrag in NRW auch zukünftig gerecht zu werden und die anstehenden Herausforderungen aus eigenen Vermögen zu bewältigen, ohne den Steuerzahler dadurch zu belasten“, teilt die NRW-Bank auf Anfrage mit. Konkreter heißt es weiter: Mit den Erlösen werde Westspiel seine Standorte modernisieren. Zunächst wird der Jahresüberschuss gemäß Spielbankgesetz vom Land nahezu vollständig abgeschöpft. Im Haushaltsplan 2015 soll dann aber, so die Aussage der NRW-Bank, festgelegt werden, „dass der für die Investitionen des Unternehmens benötigte Betrag an das Unternehmen zurückfließt“.

          Größere Veränderungen stehen beispielsweise in Aachen an. Da die Stadt das Kurhaus sanieren will, zieht das Casino zum Jahresende vorübergehend ins Aachener Tivoli. Nach Abschluss der Sanierung soll die Spielbank wieder im Kurhaus untergebracht werden – zusammen mit einem Entertainment-Partner, der ein Varieté-Theater oder ein anderes Showformat anbietet.

          Zudem plant Westspiel eine neue Dependance in Köln. In der Nähe des Neumarkts soll dafür bis 2017 ein Neubau errichtet werden. Über die Höhe der erforderlichen Investitionen schweigt sich Westspiel aus. Warum angesichts der harten Konkurrenzsituation überhaupt eine weitere Spielbank errichtet wird? Neue, moderne Standorte seien angesichts effizienterer Abläufe produktiver, kommentiert der Sprecher.

          Nach Ansicht von Wulferding, im Hauptberuf Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Spielbanken GmbH & Co. KG, kommt es beim Besuch eines Casinos stark auf das Erlebnis, auf Musik und Atmosphäre an. „Wir müssen uns inszenieren und mehr bieten, als das Spiel am Tablet oder Smartphone es kann.“ Im Casino Baden-Baden veranstaltet er Lesungen mit Wladimir Kaminer, Hellmuth Karasek oder Max Mohr und lässt auch schon mal die örtliche Philharmonie aufspielen. „Wir müssen den Gästen einen Grund geben, ins Casino zu kommen“, sagt Wulferding. „Das Spiel allein kann es nicht sein.“

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