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Gefragte Kinderartikel : Spiel der Rekorde mit Corona-Sorgen

Starke Auftritt in der Pandemie: Die Spielwarenumsätze schnellen auf Rekordhöhe. Bild: dpa

In diesem Jahr wird so viel Spielzeug wie nie gekauft. Brettspiele, Bausteine und auch Barbie sind begehrt. Doch nicht jeder in der Branche darf auf eine blendende Weihnachtszeit hoffen.

          3 Min.

          Rücke vor bis auf Los“ oder „Gehe drei Felder zurück“ – im Monopoly-Spiel gibt es beide Anweisungen auf Kärtchen. Und auch im Realen erlebt die Spielwarenbranche in der Corona-Pandemie Antriebe und Rückschläge gleichermaßen. Zum einen geben Kunden in Deutschland so viel wie nie zuvor für Spielzeug aus. Der Spielwarenhandelsverband BVS rechnet damit, dass 2020 im Wert von 3,7 Milliarden Euro Bausätze, Brettspiele, Puppen und auch Modellbahnen gekauft werden. Das wären 8 Prozent mehr als 2019.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zum anderen leiden aber Fachhändler in Innenstädten, erstmals dürfte in diesem Jahr die Mehrzahl der Spielwarenkäufe im Netz erfolgen. 2019 waren es 42 Prozent. Auf Online-Portalen punkten vor allem große Hersteller bekannter Marken wie Lego, viele Kleinanbieter in der stark fragmentierten Branche buhlen dort vergeblich um Aufmerksamkeit.

          Als „Gute-Laune-Lieferant, wenn sonst nichts mehr geht“, sieht BVS-Geschäftsführer Steffen Kahnt die Branche. „Wir werden für leuchtende Kinderaugen sorgen in diesen angespannten Zeiten“, sagt er mit Blick auf Weihnachten. Kuscheltiere dürften dabei aber traurig aus den Ladenregalen blicken. Sie sind seit Pandemie-Beginn weniger gefragt, während Spieleklassiker wie „Monopoly“, „Die Siedler von Catan“, das Kartenspiel „Uno“ und Rätselspiele wie die „Exit“-Reihe Hochkonjunktur haben. „Das sind etablierte Marken. Kunden setzen auf das, was sie schon vorher kannten“, sagt Eurotoys-Marktforscher Joachim Stempfle.

          Spielen statt Reisen im Sommer

          Bis Ende Oktober landeten nach Eurotoys-Daten 172 Millionen Euro mehr in den Kassen – ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Und nichts deutet darauf hin, dass der Trend zum ersten Advent endet. Die Nachfrage nach Brettspielen und Puzzles liegt demnach schon vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft 24 Prozent über dem Vorjahresniveau, Bausätze – wie Noppenstein-Packungen von Lego – erreichen ein Plus von rund 10 Prozent. Der Sommer, in dem viele auf die große Urlaubsreise verzichteten und lieber im Garten blieben, bescherte Herstellern von Trampolinen und Aufblaspools einen Anstieg um 18 Prozent.

          „Diese drei Bereiche stehen für 65 Prozent des Wachstums“, gibt Stempfle zu bedenken. Soll heißen: Andere Hersteller profitierten wenig vom Spiele-Boom in Krisenzeiten. Das Geschäft mit Elektronik für das Kinderzimmer stagniert, Teddybär-Umsätze sind um 7 Prozent gesunken. Kuscheliges werde halt vor allem in Läden gekauft – und dort schauten weniger Kunden vorbei.

          Sorge um Niedergang der Innenstädte

          Doch gerade die Vertreter der Händler wollen sich die Freude über die hohe Nachfrage nach Spielzeug nicht nehmen lassen. „Vielleicht werden sich Kinder an die Corona-Phase erinnern als eine Zeit, in der in der Familie viel zusammen gemacht wurde“, sagt Kahnt. Und der Spielwarenhandel stehe bislang eher „auf der Sonnenseite“ der von der Krise betroffenen Unternehmen. „Wir haben das Glück, dass Spielwaren sehr im Fokus stehen. Der wirtschaftliche Druck ist gedämpft durch die insgesamt hohe Nachfrage“, sagt er. Bekleidungsgeschäfte hätten mehr zu kämpfen.

          Comeback in der Krise: Barbie-Puppen finden neue Freunde.
          Comeback in der Krise: Barbie-Puppen finden neue Freunde. : Bild: dpa

          Sorgen bereitet eher, dass der Einkaufsort Innenstadt wegen der Corona-Krise unattraktiver werde, falls zunächst die Nachbarn der Spielzeugläden schließen müssten. In halbleer stehenden Zentren kaufe aber niemand gern ein, so dass doch Folgen für die Läden mit Kinderartikeln drohten. „Es wird nachhaltig zu Verschiebungen kommen“, räumt Kahnt mit Blick auf das wachsende Online-Geschäft ein.

          Verzerrte Wettbewerb in der Pandemie

          Die Spielwarenhersteller schauen sorgenvoller auf die Marktdaten. „Der Siegeszug des Online-Handels bereitet auch Kopfzerbrechen“, sagt Ulrich Brobeil, der Geschäftsführer des Herstellerverbands DVSI. „Dort haben die Top-Marken die Nase vorn. Der Lockdown führt zu einer Wettbewerbsverzerrung“, klagt er. Die Spielzeugproduzenten sehen nach einer Verbandsumfrage für sich auch nur ein Wachstum von 1,5 Prozent in diesem Jahr.

          Der Unterschied zur Handelsprognose hat verschiedene Gründe: Deutsche Spielzeugunternehmen exportieren viel, anderswo lahmt die Nachfrage. Läden mit dünner Kassenlage dürften zudem zunächst Lagerbestände verkaufen, bevor sie ihren Vorrat aufstocken. Und Kleinanbieter mit Nischenprodukten haben es schwer, auf Online-Portalen ihre Produkte prominent zu präsentieren.

          Die Eurotoys-Daten weisen derweil den Spieleverlag Kosmos als großen Gewinner des Jahres aus. Dass mit dem Dauerbrenner „Siedler von Catan“ und der Trendreihe „Exit“ zwei Nachfragetreiber aus dem Sortiment der Stuttgarter stammen, hat den Handelsumsatz bis Ende Oktober um 54 Prozent hochschnellen lassen, der amerikanische Konzern und „Monopoly“-Produzent Hasbro legte um 15 Prozent zu, Ravensburger mit seinen Puzzles um 12 Prozent. Für Lego und den Barbie-Hersteller Mattel werden identische Zuwächse ausgewiesen. Die zwischenzeitlich etwas ins Abseits geratene Puppe Barbie hat in der Pandemie wieder viel mehr Freunde gefunden.

          Die große Nachfrage nach Teilen des Sortiments lässt derweil Sorgen wachsen, dass begehrte Artikel vor Weihnachten ausverkauft sein könnten. Wieland Sulzer, Präsident des Spielwarenhändlerverbands BVS und selbst Fachhändler in Marburg, hält die Bedenken nicht für unbegründet: „Kunden sollten nicht auf die letzte Minute kaufen. Es gibt schon Hersteller, die nur eine Auslieferungsquote von 60 Prozent erreichen.“ Mehr als ein Drittel der georderten Ware komme nicht mehr rechtzeitig vor dem Fest im Laden an. Von einem großen Produzenten habe er schon die letzte Lieferung des Jahres erhalten – mit der Gewissheit, dass er in diesem Jahr keine Chance mehr zum Nachordern hätte.

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