https://www.faz.net/-gqe-nn4r

Spezialchemie : Bei Flachbildschirmen heißt es "Merck inside"

Zum Hängen oder Aufstellen - Flachbildschirme Bild: Sharp Electronics GmbH

Wer hätte das gedacht: Die Darmstädter Merck KGaA stellt alle Flüssigkristalle für sämtliche Flachbildschrim-Fernseher der Welt her.

          3 Min.

          Für die Kunden von Kazuaki Tarumi muß alles ganz schnell gehen. "Wir müssen sehr oft in der Lage sein, in kürzester Zeit, manchmal sogar über Nacht, mehrere Kilo einer Flüssigkristallmischung zu liefern, damit der Kunde innerhalb von nur drei Monaten einen technisch verbesserten Flachbildschirm zur Serienreife bringen kann", sagt Tarumi, der beim Darmstädter Spezialchemie- und Pharmakonzern Merck die physikalische Forschung an Flüssigkristallen leitet. Die Produktlebenszyklen sind kurz, Wettbewerbsvorteile schnell aufgeholt, und alle Kunden arbeiten gemeinsam mit Merck ständig an Mischungen, die die Schaltzeit der Kristalle verkürzen, den Stromverbrauch reduzieren, den Kontrast, die Helligkeit oder den Betrachtungswinkel verbessern. Die Hersteller von Flachbildschirm-Fernsehern arbeiten tatsächlich allein mit Merck zusammen, denn die hierfür notwendige Flüssigkristalltechnologie beherrscht außer den Darmstädtern kein anderer Hersteller der Welt.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Die Technik ist nach den Worten von Jürgen Gehlhaus, der die Spartenverantwortung für die Flüssigkristalle trägt, sogar für die nächsten 20 Jahre patentgeschützt. Zudem melde Merck jedes Jahr rund 100 neue Patente in dem Bereich an. Damit ist die Eintrittsbarriere in diesen zukunftsträchtigen Markt entsprechend hoch. Flachbildschirme waren bis vor kurzer Zeit noch ein Luxusartikel, der Chefbüros vorbehalten war. Aber die Welt ändert sich schnell. Inzwischen kommen 40 Prozent aller neu verkauften Computerbildschirme ohne Röhren aus und arbeiten statt dessen mit Flüssigkristallen. Der Umsatzanteil dieser Flachbildschirme am Gesamtumsatz mit Computermonitoren, der 1997 noch bei lediglich 1 Prozent gelegen hat, steigt stetig. Seit kurzer Zeit sind nun auch die Preise für Fernseher mit Flachbildschirm so sehr gesunken, daß sie für eine immer größere Zahl von Kunden erschwinglicher werden. Die Entwicklung wird sich fortsetzen. Thomas Geelhaar, Leiter der chemischen Flüssigkristallforschung bei Merck, hält in zwei bis drei Jahren eine Verringerung der Endverkaufspreise auf rund ein Drittel für möglich.

          Nicht nur Fernseher und Computermonitore, auch Mobiltelefone und Taschencomputer sorgen dafür, daß der Weltmarkt für Flachdisplays boomt: Führende Marktforschungsinstitute prognostizieren für den gesamten Markt jährliche Wachstumsraten von bis zu 20 Prozent. Daß Merck mit großem Abstand Weltmarktführer beim Angebot der Flüssigkristalle ist, die für die Flachbildschirmtechnik unerläßlich sind, ist bisher lediglich in Fachkreisen bekannt. Dabei gibt es bei den Kristallen für Computerbildschirme mir dem japanischen Unternehmen Chisso nur einen ernsthaften Wettbewerber und bei den Mischungen für Fernseher durch die Patentsituation überhaupt keinen.

          Über alle Produkte hinweg, in die Flüssigkristall-Anzeigen eingebaut werden, kleine Computerspiele wie etwa das Tamagotchi aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eingeschlossen, hat der Marktanteil von Merck 2002 bei 62 Prozent, der von Chisso bei 25 Prozent, und des technisch nicht ganz so versierten zweiten japanischen Wettbewerbers Dainippo Ink bei 10 Prozent gelegen. Im vergangenen Jahr hat Merck in der Sparte rund 350 Millionen Euro Umsatz gemacht, vor zwei Jahren hat der Umsatz noch bei lediglich 270 Millionen Euro gelegen. Das Geschäft ist extrem lukrativ. Im Bericht zum ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres heißt es, daß vor allem die Leistung der Sparte Flüssigkristalle und Pigmente die Umsatzrendite von 12,5 auf 18,7 Prozent habe steigen lassen. Das operative Ergebnis des Chemiebereichs ist in dieser Zeitspanne trotz eines Umsatzverlusts von 5,4 Prozent auf 415 Millionen Euro um 42 Prozent auf 78 Millionen Euro gestiegen. Die Sparte Flüssigkristalle, deren Ergebnis nicht separat ausgewiesen wird, hat einen Umsatz von 84 Millionen Euro (plus 15 Prozent) beigesteuert.

          Die gute Marktposition hat Merck am Standort Darmstadt sogar zur bisher größten Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte veranlaßt. Dort entsteht zu einem Preis von rund 200 Millionen Euro eine neue Produktionsanlage, die die Fertigungskapazität von heute 50 bis 60 Tonnen Flüssigkristallen im Jahr zunächst in etwa verdoppelt, im Endausbau sogar verdreifachen wird. Die hochflexible Anlage, deren Bau schon im Jahr 1997 beschlossen worden ist, wird nach den Worten von Gehlhaus nach umfangreichen Tests im kommenden Jahr voll einsatzfähig sein. Die Produktionskapazität von heute 50 bis 60 oder künftig 100 Tonnen erscheint auf den ersten Blick gering zu sein. Doch werden für einen Monitor mit einer Bildschirmdiagonale von 15 Zoll lediglich 300 Milligramm Flüssigkristalle benötigt. Zudem verfügt Merck für die Mischung der Grundstoffe über weitere Produktionsstätten in Asien, die für die nötige Kundennähe sorgen sollen.

          Weitere Themen

          IBM muss Gewinneinbruch verkraften

          IT : IBM muss Gewinneinbruch verkraften

          Der amerikanische Computerkonzern hat fast 40 Prozent weniger Gewinn gemacht und damit die Anleger verschreckt. Neue Geschäftsbereiche bringen bisher noch nicht die erhofften Erfolge.

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.