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Sparprogramm : Die Lufthansa kämpft um Milliarden

Genervten Lufthansa-Kunden neue Streiks ersparen: Pilot am Frankfurter Flughafen Bild: dpa

Der Sparkurs der Lufthansa trifft auch die Altersvorsorge. Nach Vorbild anderer Dax-Konzerne sollen die Lufthanseaten das Kapitalmarktrisiko künftig selbst tragen.

          3 Min.

          Auslöser für Streiks gibt es bei der Deutschen Lufthansa reichlich: Mal laufen Piloten oder Fluglotsen wegen drohender Lohneinbußen oder Mehrarbeit Sturm, mal prangern Kabinencrews und das Bodenpersonal die schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten auf öffentlichen Protesten an. Im Zuge des harten Sparkurses, den die ertragsschwache Fluggesellschaft durchläuft, zeichnet sich das nächste Ärgernis für das Gros der 117.000 Lufthanseaten ab. Diesmal ist es die hohe Pensionslast, die den Mitte der neunziger Jahre privatisierten Staatskonzern zu erdrücken droht.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Wir wenden zur Zeit pro Mitarbeiter zwei bis drei Mal so viel für die Altersvorsorge auf wie der Durchschnitt der Dax-30-Unternehmen“, lautet der nüchterne Befund von Peter Gerber, dem zuständigen Personalvorstand für das Passagiergeschäft der Lufthansa. Aufgrund eines Tarifvertrages von 1994 garantierte der ehemalige Staatskonzern seinen Beschäftigten bei der Altersversorgung eine Rendite von 6 bis 7 Prozent.

          „Eine tickende Zeitbombe“

          Die Finanzierungslücke ist entsprechend groß. Die ungedeckten Pensionsverbindlichkeiten des Lufthansa-Konzerns betragen rund 4,7 Milliarden Euro, was zur Zeit mehr als zwei Dritteln des Börsenwerts von 6,5 Milliarden Euro entspricht. „Das ist eine tickende Zeitbombe für die Aktionäre, die im Zweifel die Nachschüsse tragen müssen“, schlug Ingo Speich von Union Investment vor Wochen Alarm. Allein im vergangenen Jahr wendete die Lufthansa rund 260 Millionen Euro für die Altersvorsorge ihrer etwa 60.000 Beschäftigten in Deutschland auf.

          Während langjährige Flugbegleiter künftig mit einer zusätzlichen Betriebsrente von knapp 1000 Euro im Monat rechnen können, bringen es altgediente Flugkapitäne auf monatliche Bezüge von mindestens 4000 Euro. Nicht enthalten in diesem Betrag sind die weiteren 211 Millionen Euro, die im Jahr für das sogenannte Übergangsgeld des „fliegenden Personals“ fällig sind. Damit sind interne Ausgleichszahlungen für Flugbegleiter und Piloten gemeint, die aufgrund von gesetzlichen Auflagen mitunter ab 55 Jahren nicht mehr fliegen dürfen, aber bis zum Alter von 65 oder 67 Jahren noch keine staatliche Rente erhalten.

          Es sei aber dennoch ein Trugschluss, dass die Lufthanseaten zuletzt noch besonders großzügige Zusagen erhalten hätten, sagt der Bamberger Arbeitsrechtler Ulrich-Arthur Birk. Die aktuell zugesagten Betriebspensionen lägen im Rahmen der anderen Dax-Konzerne, sagt der Fachmann für Betriebliche Altersversorgung. Durch die lange Laufzeit des letzten Tarifvertrags habe der Konzern erst spät Korrekturen vornehmen können, die andere in den ersten Jahren des letzten Jahrzehnts abgeschlossen haben.

          Im Durchschnitt der Dax-Konzerne

          Bis 1994 war die Lufthansa an die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder angeschlossen. Die Pensionen entsprachen in etwa denen von Beamten. In den sechs Jahren danach hielt man an dem Versorgungsniveau fest, das aber als Direktzusage ausgesprochen wurde. Erst danach löste man sich etwas von dieser aufwendigeren klassischen Leistungszusage. An deren Stelle trat vor Jahren ein Bausteinmodell, das je nach Lebensalter der Mitarbeiter bestimmte Zusagen festschreibt. „Wer damit Anfang 2002 angefangen hat, erhielt nur noch eine Zusage auf marktüblichem Niveau“, sagt Birk. Die höheren Pensionen gehen also auf die Zeit davor zurück.

          Andere Unternehmen wie Linde, Siemens oder Eon sind in dieser Zeit schon auf ein Modell umgestiegen, bei dem sich die Leistung nur noch an den Beiträgen orientiert. Vor allem durch die steigende Lebenserwartung und den anhaltenden Niedrigzins entlastet das die Unternehmen erheblich. Im vergangenen Jahr mussten die Dax-Konzerne ihren Rechnungszins wegen der schlechten Anlagebedingungen durchschnittlich von 4,75 auf 3,5 Prozent senken. Das hat den heutigen Wert ihrer Pensionsverpflichtungen erheblich gesteigert.

          Er lag um 55 Milliarden Euro höher bei 314 Milliarden Euro, wie aus einer Untersuchung der Beratungsgesellschaft Towers Watson hervorgeht.  Siemens hat mit 33,4 Milliarden Euro die höchsten Verpflichtungen – vor Volkswagen mit 31,2 Milliarden Euro. Dem stehen aber sehr unterschiedlich hohe Planvermögen gegenüber.

          Während SAP und die Deutsche Bank jeweils 91 Prozent ihrer Verpflichtungen mit spezifischem Pensionsvermögen hinterlegt haben, sind es bei Adidas, VW, Thyssen Krupp und der Deutschen Telekom weniger als ein Viertel. Das sagt aber nichts über die Sicherheit der Pensionen, denn auch bei den Unternehmen mit geringeren Graden an Ausfinanzierung stehen den Verpflichtungen Werte gegenüber. Die Lufthansa liegt mit 61 Prozent genau im Durchschnitt der Dax-Konzerne.

          Stehen große Umwälzungen an wie bei der Lufthansa, muss sie die Interessen von mehreren Gruppen berücksichtigen: die Zusagen an künftige Mitarbeiter kann sie uneingeschränkt kürzen. Allerdings ist das ein Wettbewerbsnachteil, weil für viele Arbeitnehmer die Höhe der Betriebspension ein Entscheidungskriterium für einen Arbeitgeber ist. Bei eingestellten Mitarbeitern können die Konzerne nur noch künftige Zusagen kürzen, wie Pensionsfachmann Birk betont.

          Bis zum Jahresende will die Lufthansa den geltenden Tarifvertrag für die Altersvorsorge kündigen und die Modalitäten für einen neuen Vertrag mit den Gewerkschaften aushandeln. Doch im Arbeitnehmerlager zeichnet sich wenig Bereitschaft zum Kompromiss ab. „Die Lufthansa-Mitarbeiter sitzen am längeren Hebel, weil tarifvertragliche Vereinbarungen weiter reichen als eine Betriebsvereinbarung“, sagt Arbeitsrechtsprofessor Birk. Die Brisanz des Themas ist den Beteiligten Seiten bewusst. Sie wollen den genervten Lufthansa-Passagieren neue Streiks ersparen.

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