https://www.faz.net/-gqe-15ahj

Sparkurs : Siemens trennt sich von 74.000 Lieferanten

Barbara Kux Bild: Andreas Müller

Der Elektronikkonzern räumt im Einkauf auf - und will Milliardenbeträge sparen. Dafür ist Vorstand Barbara Kux angetreten. Siemens will sich noch in diesem Jahr von 20 Prozent seiner 370.000 Lieferanten trennen.

          4 Min.

          Siemens will sich noch in diesem Jahr von 20 Prozent seiner 370.000 Lieferanten trennen. Das sind 74.000 Unternehmen. Auf diese Weise sollen die Prozesse in der Beschaffung wesentlich vereinfacht und flexibler werden. „Wir können nicht mit so vielen Lieferanten in die Zukunft gehen“, zieht Barbara Kux im Gespräch mit der F.A.Z. ein Resümee ihrer Arbeit in den vergangenen sechs Monaten. „Supply Chain Management ist wichtig, damit Siemens schneller, schlagkräftiger und kostengünstiger wird.“

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Es geht nicht um den bloßen Einkauf von Vormaterialien, sondern um die gesamte Kette der Beschaffung (Supply Chain), bestehend aus direkten Lieferanten sowie deren Zulieferer. Sie sollen zugleich eng und frühzeitig in Entwicklungsprozesse eingebunden werden. Eine schlankere Lieferantenbasis ist bitter nötig. Bisher hat es nämlich im Konzern keine zentrale Koordination gegeben. Die Folge: 300.000 Zulieferer bestreiten 5 Prozent des Beschaffungsvolumens - und wenn sie Papier und Bleistifte lieferten.

          Siemens beziffert die Spareffekte nicht

          Insgesamt kauft Siemens für 40 Milliarden Euro ein; das sind 52 Prozent des Umsatzes von 77,3 Milliarden Euro. Für Kux ist das „eine ganz entscheidende Größe“. Rund 23 Milliarden Euro entfallen auf Einkäufe, die direkt mit der Produktion in den drei Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik zusammenhängen, mit relativ wenig Überschneidungen. Im Fokus der ersten Maßnahmen steht ein Volumen von 17 Milliarden Euro mit konzernübergreifenden Beschaffungen. 10 Milliarden Euro entfallen auf Ausgaben für „indirekte“ Zwecke wie für die Informationstechnik oder das Marketing. Weitere 7 Milliarden Euro fließen in Materialeinkäufe. Für Stahl und Stahlkomponenten werden 3 Milliarden Euro ausgegeben. Da ließe sich zügig Geld sparen. „Natürlich werden wir besonders in der jetzigen Situation versuchen, niedrigere Preise durchzusetzen“, sagt Kux. „Wir können dabei auch größere Einkaufsvolumina anbieten, was bei den Verhandlungen hilft.“ Die Spareffekte beziffert sie nicht.

          Würden die Kosten im Schnitt nur um 5 Prozent in dem zunächst ins Auge gefassten konzernübergreifenden Volumen gesenkt, würde sich das mit fast 900 Millionen Euro ergebniswirksam niederschlagen, beim Gesamtvolumen sogar mit 2 Milliarden Euro. Das ist konservativ gerechnet. Unternehmensberater McKinsey hat ermittelt, dass bei Firmenübernahmen die größten Synergien in den ersten beiden Jahren im Einkauf zu erzielen sind.

          Noch im Geschäftsjahr 2008/2009 (30. September) sollen beträchtliche Potentiale gehoben werden. Auch dazu sagt Kux nichts. Offenbar sind aber dreistellige Millionenbeträge anvisiert. Damit gewinnt die neue Aufgabe von Kux in der aktuellen Situation entscheidende Bedeutung. Denn im Erfolgsfall könnte das Vorstandschef Peter Löscher helfen, doch noch die immer unwahrscheinlicher werdende Prognose eines operativen Gewinns von 8 bis 8,5 Milliarden Euro einzuhalten. Die rasant verschlechterte Wirtschaftslage macht dem Konzern zunehmend in der Industrie und in der Medizintechnik mit kräftig rückläufigen Auftragseingängen zu schaffen. Analysten rechnen seit langem damit, dass Löscher die Gewinnaussage mit der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen am 29. April kassiert.

          „Synergiepotentiale ausschöpfen“

          Just an diesem Termin wird Kux ihr Programm bekanntgeben. Der Fahrplan für die neue Einkaufsstrategie des Konzerns geht weit über den 31. Dezember 2009 hinaus: „Die Ziele werden bis 2010 in Etappen umgesetzt; danach werden neue Ziele definiert“, sagt Kux entschlossen. Es gehe nicht um kurzfristigen Erfolg, sondern um nachhaltige Optimierung.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Cem Özdemir Anfang Mai in Stuttgart beim Online-Parteitag der Grünen.

          Cem Özdemir im Gespräch : „Boris Palmer sprengt jede Brücke“

          Der frühere Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir verzweifelt an seinem Parteifreund aus Tübingen. Die jüngste Debatte über Palmer zeige, dass dieser nicht für ein Ministeramt in Stuttgart geeignet sei.

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz fällt auf 107,8

          14.909 Corona-Neuinfektionen sind abermals ein Rückgang im Wochenvergleich. Die Ständige Impfkommission dämpft derweil Erwartungen an eine schnelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche. Und Christian Drosten gibt neue Prognosen für den Herbst und darüber hinaus ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.