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Tourismus : Spanienurlaub bleibt in weiter Ferne

Das Coronavirus sorgt für leere Strände, wie hier in Palma de Mallorca. Bild: dpa

Die Hoteliers und Gastronomen in Spanien schreiben das erste Halbjahr ab. Viele von ihnen erwarten erst 2023 eine wirkliche Erholung. Ein Zurück in die Zeit vor Corona soll es nicht geben.

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          Ibiza und Formentera sind abgeriegelt, in Palma de Mallorca landen kaum noch Direktflüge aus Deutschland. In ganz Spanien liegt die 14-Tage-Indzidenz bei knapp 900 Corona-Fällen je 100.000 Einwohner: Die EU ruft dazu auf, solche Risikogebiete dringend zu meiden. Während die deutschen Infektionszahlen wieder abnehmen, hat auf der Iberischen Halbinsel die dritte Corona-Welle einen Urlaub an den spanischen Küsten wieder in weite Ferne rücken lassen. Die balearische Regionalpräsidentin Francina Armengol erwartet, dass sich die Corona-Situation auf Mallorca und den Nachbarinseln erst „bis Jahresmitte“ normalisieren werde.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Den ersten Höhepunkt der Saison zu Ostern und der Semana Santa geben die meisten spanischen Hoteliers und Gastronomen daher verloren. „Es ist sehr schwer, vor dem zweiten Halbjahr von einer Erholung zu sprechen“, heißt es pessimistisch vom Branchenverband Exceltur. Alle Erholungshoffnungen hängen am Fortschritt der Impfkampagne, die ist aber auch in Spanien noch nicht richtig in Gang gekommen. Die Regierung in Madrid will bis zum Ende des Sommers 70 Prozent der 47 Millionen Bürger impfen. Es könnte also September werden, bis es so weit ist. Dann wäre die Tourismus-Hauptsaison vielerorts fast vorbei.

          „Wir haben keinen konkreten Öffnungsplan“

          „Die totale Genesung gibt es nur bei totaler und massiver Impfung“, sagt Ministerpräsident Pedro Sánchez über die Zukunft des Sektors, von dem die Erholung der spanischen Wirtschaft abhängt. Der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt stürzte im ersten Pandemie-Jahr im Vergleich zu 2019 von knapp 13 Prozent auf etwa 4 Prozent ab. Es kamen 65 Millionen ausländische Gäste weniger, was einen Einnahmeverlust von mehr als 100 Milliarden Euro bedeutete. Seit den sechziger Jahren waren die Touristen-Zahlen in Spanien kontinuierlich gewachsen. Nach der großen Finanzkrise vor gut einem Jahrzehnt war die Branche der Wachstumsmotor, der die Wirtschaft wieder in Gang brachte, die im vergangenen Jahr so stark abstürzte wie seit dem Ende der Diktatur nicht mehr: Das Inlandsprodukt ging um 11 Prozent zurück.

          Laut jüngsten offiziellen Zahlen vom Donnerstag vernichtete Corona in Spanien im vergangenen Jahr fast 623.000 Arbeitsplätze, die meisten davon im Dienstleistungssektor. Gut 2,6 Millionen Stellen hängen hier von den Urlaubern ab. Ohne die Kurzarbeit für 720.000 Spanier, die gerade bis Ende Mai verlängert wurde, wäre die Lage noch viel schlimmer. Jeder vierte Spanier unter 25 Jahren ist jedoch schon arbeitslos. Laut der Hilfsorganisation Oxfam sind in Spanien 790.000 Menschen in schwere Armut geraten und leben von weniger als 16 Euro am Tag. Am schlimmsten hat es die Balearen getroffen. Im Januar waren dort 109.000 Menschen arbeitslos. Im Vergleich zum Vorjahr stieg damit die Zahl der Arbeitslosen 2020 um 75 Prozent. In Palma hat sich die Zahl der Obdachlosen nach Angaben des Roten Kreuzes fast verdoppelt.

          Auf der Lieblingsinsel der Deutschen zeichnet sich für die Beschäftigten noch kein Hoffnungsschimmer ab. Die Hotelkette Iberostar mit Sitz auf Mallorca hat zum Beispiel in ganz Spanien derzeit nur ein einziges Hotel auf Teneriffa in Betrieb. „Wir haben keinen konkreten Öffnungsplan“, sagt Vertriebschef Finn Ackermann, der selbst beunruhigt beobachtet, wie die Schlangen vor den Ausgabestellen der Tafeln in Palma wachsen. Ackermann rät jedoch dazu, nicht in Passivität zu verfallen und sich nur auf das Impfen zu verlassen. Wenn es das Infektionsgeschehen zulasse, sollte man einen „Plan B mit einer effizienteren Teststrategie und sicheren Korridoren“ prüfen. Die balearische Regierung drängt die Zentralregierung in Madrid, sich bei der EU stärker für solche Reisekorridore und einen einheitlichen Corona-Impfpass einzusetzen.

          Doch der erste Anlauf, sichere Reiserouten auf die Balearen und die Kanaren einzurichten, war im vergangenen Jahr nicht weit gekommen. Nach kurzen Phasen der Öffnung erklärte das Robert-Koch-Institut (RKI) die beiden Inselgruppen wieder zu Risikogebieten. Zu Jahresbeginn waren Mallorca und die Nachbarinseln zum spanischen Corona-Hotspot geworden. Die Kanaren weisen mit 92 Fällen zwar die niedrigste Sieben-Tage-Inzidenz in ganz Spanien auf. Sie liegen damit aber weiter über dem RKI-Grenzwert.

          Laut Exceltur erwartet die Hälfte der spanischen Touristikunternehmen erst 2023 eine Erholung, die diesen Namen verdient. Ein Zurück in die Zeit vor der Pandemie soll es dabei nicht geben. In Spanien wächst die Einsicht, dass die touristische Monokultur keine Zukunft hat und dass die Wirtschaft diversifizieren muss. Das alte Modell, das vor allem auf „Strand und Sonne“ setzt, war schon vor Corona an seine Grenzen gelangt. Laut einer jüngsten Umfrage stört immer mehr Besucher der Massentourismus. Künftig soll deshalb das Landesinnere stärker erschlossen werden und der Kulturtourismus eine größere Rolle spielen.

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