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Sorgenkind S-Bahn : Berlin 2011 statt Stuttgart 21

Umsteigen: Fahrgäste steigen in Berlin an der Haltestelle für den Schienenersatzverkehr in einen Bus Bild: dapd

In diesem Winter sollte eigentlich alles besser werden. Doch die Schwierigkeiten bei der Berliner S-Bahn sind geblieben - und noch größer geworden: Schnee und Eis legen den Verkehr in der Hauptstadt lahm - und die Deutsche Bahn ringt um eine Lösung.

          3 Min.

          Nach dem heißen Herbst in Stuttgart hatte sich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, einen milden Winter gewünscht. Sein Wunsch hat sich nicht erfüllt, der Dezember war einer der kältesten und schneereichsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Während Eis und Schnee dafür sorgen, dass der Freiluftprotest gegen „Stuttgart 21“ im Winterschlaf liegt, verhindern sie zugleich, dass der Bahnvorstand in besagten Schlaf fällt. Denn der Verkehr auf den Schienen läuft alles andere als reibungslos. Zugverspätungen und Ausfälle im Fernverkehr sind gang und gäbe. Und auch beim Sorgenkind Berliner S-Bahn häufen sich die Schwierigkeiten.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Nach „Stuttgart 21“ treibt die Deutsche Bahn nun „Berlin 2011“ um. Eigentlich wollten die Verantwortlichen der S-Bahn nach den heftigen Problemen im Vorjahr auf diesen Winter besser vorbereitet sein. Kleinlaut muss der Bahnkonzern, zu dem die S-Bahn gehört, zugeben, dass die Realität anders aussieht. Es herrscht jetzt, da die S-Bahn ihren Kunden noch Entschädigung für das letztjährige Winterchaos leistet, wieder Notbetrieb.

          Dieser Tage musste die S-Bahn ihr Angebot abermals einschränken: Zu Wochenbeginn waren nur 247 sogenannte Viertelzüge unterwegs. Für den Normalbetrieb der S-Bahn, die üblicherweise täglich mehr als 1,3 Millionen Passagiere transportiert, wären 562 nötig. Nicht alle Kunden haben die Möglichkeit, auf Busse und U-Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auszuweichen. Am Mittwoch konnten zwar wieder 278 Viertelzüge fahren. Doch mit dem Reparieren der Züge kommen die Werkstätten trotz des vorübergehenden Tauwetters nicht hinterher. Tagelang verkehrten überhaupt keine S-Bahnen mehr auf vielen Stadtrandstrecken; einige sollen am Donnerstag wieder fahren. Auf den übrigen Linien ist der Takt verlängert, zum Teil fahren die S-Bahnen nur noch alle 20 Minuten. Die Berliner, die nun auf den Bahnhöfen frieren, waren früher ein besseres Angebot gewöhnt.

          „Erheblichen Qualitätsmängel“ im Nah- und Fernverkehr

          Als Begründung für die Einschränkungen nennt die S-Bahn die Witterung. Doch die Not ist - wie im Fall der ICE-Engpässe auf den Fernstrecken - auf eine zu knapp kalkulierte Flotte zurückzuführen. Als größtes Problem der S-Bahn gelten neben defekten Motoren und Bremsen die bruchgefährdeten Radscheiben der Baureihe 481. Diese Züge müssen auf Anweisung des Eisenbahnbundesamtes (wie die ICE-Züge) viel öfter als in der Vergangenheit in die Werkstatt. Der Bau und Austausch von Achsen dauert Jahre. Über die knifflige Frage, ob die Anfälligkeit der Baureihe gegen Schnee ein Konstruktions- oder ein Wartungsmangel ist, streitet die Bahn mit dem Hersteller Bombardier.

          An diesem Donnerstag muss Bahnchef Grube dem Bund erklären, wie er die Probleme in den Griff bekommen will. Klaus-Dieter Scheurle, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und Aufsichtsratsmitglied des Bahnkonzerns, will sich mit Grube und dem S-Bahn-Management treffen. Mit den Wintersorgen der Bahn werden sich nächste Woche die Länderverkehrsminister befassen. Über die „erheblichen Qualitätsmängel“ im Nah- und Fernverkehr werde am Montag auf einer außerplanmäßigen Verkehrsministerkonferenz in Berlin gesprochen, kündigte Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) am Mittwoch an. Auch an dieser Sitzung soll Grube teilnehmen; am selben Tag wird der Bahnchef außerdem schon zu einer Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus erwartet. Zum S-Bahn-Chaos in Berlin und Brandenburg sagte Vogelsänger: „Die Situation hat eine Dramatik erreicht, die einfach nicht mehr hinnehmbar ist.“

          Der Senat hat der S-Bahn ein Ultimatum gesetzt

          Ungeduldig zeigt sich inzwischen die Berliner Wirtschaft. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) forderte Bahn und Senat auf, Abhilfe zu schaffen. „Das Chaos bei der S-Bahn hat sich so verschärft, dass dieses Verkehrsunternehmen für Berlin zum echten Standortproblem geworden ist“, kritisierte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. „Die Berliner Wirtschaft kann diesen unhaltbaren Zustand nicht akzeptieren. Gerade für Berlin als Hauptstadt ist ein reibungslos funktionierender öffentlicher Personennahverkehr unverzichtbar.“ Mitarbeiter von Unternehmen kämen derzeit regelmäßig verspätet und genervt zur Arbeit. Auch für den Tourismus sei der unzuverlässige Nahverkehr keine Werbung. Nach Auffassung der IHK muss der Senat künftig alle Verkehrsleistungen auf dem S-Bahn-Netz ausschreiben. Nur der Wettbewerb könne mehr Kundenzufriedenheit und mehr Qualität garantieren. Die Pläne des Senats, die S-Bahn als kommunales Unternehmen unter Regie der BVG zu betreiben, sei hingegen ein Irrweg, heißt es.

          Der Senat hat der S-Bahn ein Ultimatum gesetzt. Er prüft, ob ein Teil des Netzes ausgeschrieben oder ob die S-Bahn der Deutschen Bahn abgekauft werden soll. Doch viel mehr, als dem Bahnkonzern Vertragsstrafen abzuverlangen und mit Schadenersatzforderungen zu drohen, kann das Land derzeit nicht tun, denn der Vertrag läuft noch bis 2017. Schon im vergangenen Jahr behielt das Land von den vereinbarten 236,4 Millionen Euro gut 52 Millionen ein. Die Fahrgäste müssen nach Einschätzung des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) noch bis April mit Einschränkungen rechnen. So kursiert derzeit in Berlin der alte, auf den Sozialismus gemünzte Witz aus DDR-Zeiten: „Die S-Bahn hat vier Feinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.“

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