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Sophie Boissard Bild: Lea Crespi/Madame Figaro/laif

Sophie Boissard : Frankreichs Pflegezarin

Sophie Boissard gilt als Vorzeigemanagerin. Doch als Chefin von Europas größtem privaten Pflegeheimbetreiber Korian steht sie in ihrer Heimat unter Druck.

          3 Min.

          Sophie Boissard spricht schnell, denn die Zeit ist knapp. 17 Minuten dauert das Interview im TV-Magazin „Cash Investigation“, in dem die Chefin des privaten Alters- und Pflegeheimbetreibers Korian zu Vorwürfen befragt wird, die zuvor fast zwei Stunden Sendezeit füllten. Sie wiegen schwer. Das Magazin wirft dem französischen Konzern vor, Pfleger ohne Diplom eingestellt, Heimbewohner vernachlässigt und über Gebühr öffentliche Gelder kassiert zu haben. Dafür haben die Journalisten monatelang investigativ recherchiert.

          Boissard will möglichst viel sagen und wehrt sich nach Kräften. Der Druck ist ihr anzumerken. Bei manchen Fragen holt sie für die Antworten weit aus. Die Moderation bremst sie. Bei anderen hält sie Dokumente in die Kamera, die die Unschuld von Korian beweisen sollen. Für den Zuschauer sind sie unlesbar. Am Ende betont Boissard, offen für Kritik zu sein – wenn sie denn konstruktiv ist. Am nächsten Morgen veröffentlicht Korian ein sechsseitiges „Informationsblatt“, in dem man die Vorwürfe von „Cash Investigation“ detailliert zu widerlegen sucht.

          In die am vergangenen Dienstag ausgestrahlte Sendung des Fernsehsenders France 2 hat sich die Chefin des privaten Heimbetreibers freiwillig begeben. Boissard hätte, wie in TV-Magazinen üblich, Stellung nehmen und sich in der knapp zweistündigen Sendung in Ausschnitten zitieren lassen können. Doch sie drängte auf ein Eins-zu-eins-Interview ohne Schnitt, in „fairer Art und Weise“, wie sie sagt. Sie betrachte es als ihre Aufgabe, ausführlich öffentlich Stellung zu beziehen. Mit ihrem Gang ins Fernsehen setzte sich Boissard über den Rat ihrer Kommunikationsberater hinweg.



          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Über den Charakter der Französin, Jahrgang 1970 und seit sechs Jahren an der Spitze von Korian, sagt das einiges aus. Denn Boissard hat mit ihrer Haltung alles andere als einen leichten Stand. Seit Wochen stehen in Frankreich die privaten Heime am Pranger. Auslöser ist ein Buch des Journalisten Victor Castanet über mutmaßliche Hygiene- und Essensrationierungen in einer Nobeleinrichtung des Korian-Konkurrenten Orpea. Die Enthüllungen führten bei beiden Aktiengesellschaften zu einem heftigen Kurssturz an der Börse. Frankreichs Regierung ist alarmiert und hat strengere Regeln für die Betreiber angekündigt. Die Opposition macht Druck. In der Öffentlichkeit haben Kritiker der privaten Heime Oberwasser.

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