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Solarbranche : Die Angst vor dem Dunkel im Osten

Sonnenkraft auf 162 Hektar: Das Photovoltaik-Kraftwerk in Lieberose bei Cottbus ist nach Betreiberangaben das zweitgrößte der Welt Bild: dpa

Das Geschäft mit der Kraft der Sonne boomt in den neuen Bundesländern - mehr als drei Viertel der in Deutschland produzierten Solarzellen kommen aus dem Osten der Republik. Jetzt wächst die Sorge, dass es damit bald vorbei sein könnte.

          Das Silicon Valley ist weltberühmt, aber wer es in Kalifornien sucht, darf nicht auf eine Ausschilderung hoffen; man muss schon wissen, dass man von San Francisco aus den Highway 101 in Richtung Süden nehmen muss, der einen dann mitten hineinführt. Das Solar Valley ist weniger berühmt, aber dafür umso besser ausgeschildert. Es liegt schließlich in Deutschland, und wer auf der A 9 in Richtung Berlin fährt, kann es nicht verfehlen: Ein Autobahnschild an der Ausfahrt Bitterfeld-Wolfen leitet Sonnenenergiehungrige direkt in ein nahe gelegenes Vorzeige-Industriegebiet mit der Sonnenallee als Hauptstraße.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dort sitzen neben der börsennotierten Photovoltaikfirma Q-Cells (die in den vergangen fünf Jahren einen Aufstieg ohnegleichen hinter sich gebracht hat) noch weitere Solarfirmen. Schon zu DDR-Zeiten gab es hier das, was man heute einen Industriecluster nennt. Die einst hier dominierende Chemie ist immer noch vertreten. Aber Bitterfeld ist auf gutem Weg, von der „schmutzigsten Stadt Europas“, wie die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Roman „Flugasche“ formulierte, zur saubersten zu werden: die Solar City im Solar Valley. Dieses Solar Valley reicht sogar viel weiter, es umfasst den gesamten deutschen Südosten: So nennt sich zumindest ein Netzwerk, das nach eigenen Angaben 29 „weltweit agierende“ Unternehmen, neun „renommierte“ Forschungseinrichtungen, vier Universitäten und drei Bundesländer – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – umfasst.

          Photovoltaik bald so wichtig wie die Autoindustrie?

          Fachwissen auf diese Weise zu bündeln und zu konzentrieren ist gerade in der Solarindustrie keine schlechte Idee. Schließlich handelt es sich um einen ziemlich trickreichen Vorgang, aus Licht Strom zu produzieren. Bis ein fertiges Solarmodul auf dem Acker, an der Autobahnbrücke oder auf dem Hausdach installiert werden kann, sind viele Arbeitsschritte nötig: Der Ausgangsstoff Rohsilizium wird bei mehr als 1400 Grad Celsius geschmolzen; die Schmelze erstarrt zu einem Block; aus diesen Barren werden wiederum dünne Scheiben geschnitten, die sogenannten Wafer – Ausgangsmaterial für die Solarzelle und für das fertige Solarmodul.

          Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sollte die Förderung von Solarstrom Jahr für Jahr zurückgefahren werden

          Manche Firmen konzentrieren sich auf einen Teil dieses Prozesses, andere ziehen die gesamte Produktionskette durch. So erklärt es sich, dass Zahlen zur Branche so unterschiedlich ausfallen. Immerhin: Nach den Daten des auf erneuerbare Energien spezialisierten Forschungsinstituts EuPD Research stammt gut ein Viertel der in Deutschland hergestellten Solarmodule aus der Region Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen, knapp 40 Prozent der Wafer kommen von hier und mehr als drei Viertel der in der Bundesrepublik produzierten Solarzellen. Insgesamt, so beziffert es das Netzwerk „Solar Valley Mitteldeutschland“, werden zwischen Magdeburg, Dresden und Erfurt 43 Prozent des deutschen Industrieumsatzes der Photovoltaikbranche erwirtschaftet.

          Auf all diese Daten scheint die Politik noch stolzer zu sein als die Wirtschaft. „Thüringen hat sich innerhalb von nur zehn Jahren zu einem der wichtigsten Solar-Standorte in Deutschland und Europa entwickelt“, rühmt sich die Landesregierung. Die Solarwirtschaft habe das Potential, eine Leitindustrie zu werden, „ähnlich dem Automobil- oder Maschinenbau“. Für Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich ist die Photovoltaik schon heute eine Schlüsselindustrie. Der Erfurter Umweltminister Jürgen Reinholz spricht von einer „tragenden Säule der künftigen Industriestruktur Mitteldeutschlands“. Was, wenn diese Säule wegbräche? Nicht auszudenken.

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