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Solarbank „Soofa“ : Deutsches Fräuleinwunder in Boston

In Berlin knüpfte sie Kontakte zum Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge nahe Boston, nach einiger Zeit bekam sie einen Posten als Gastwissenschaftlerin in dessen Forschungseinheit MIT Media Labs. Nan Zhao wurde in China geboren und kam nach Deutschland, als sie neun Jahre alt war. Sie studierte Elektrotechnik in Aachen, wo sie einst mit einem Kommilitonen eine Wette abschloss, wer es zuerst ans MIT schafft. Die Wette gewann sie und landete wie Richter in den Media Labs. Die 34 Jahre alte Jutta Friedrichs kommt aus der Nähe von Köln und studierte Produktdesign in Berlin und London. Danach ging sie für einige Jahre nach China, wo sie ein Designstudio für Möbel gründete. Schließlich zog es sie nach Amerika. Sie setzte ein Mastersstudium in Design an der Harvard-Universität in der Nähe des MIT drauf und blieb in Boston.

Die Idee für die Soofas entstand in diversen MIT-Gruppen, denen die Frauen angehörten. Als es darum ging, den Plan zu realisieren, halfen Kontakte. Ein MIT-Gruppenleiter hatte Verbindungen zum Bostoner Bürgermeister, was es möglich machte, einen ersten Prototypen installieren zu dürfen. Richter hatte Kontakte zum Telekommunikationskonzern Verizon, der als Partner an Bord geholt wurde und über dessen Netz die Soofas ans Internet angeschlossen sind. Über Verizon wiederum stieß der Netzwerkausrüster Cisco dazu, für den das Internet der Dinge ein erklärtes Zukunftsgebiet ist und der die erste Serie von Bänken finanzierte.

Wie viel die Soofas kosten, darüber hüllen sich die drei Gründerinnen in Schweigen. Und wie sie mit ihrem Unternehmen Geld verdienen wollen, wissen sie selbst noch nicht so genau. Eine naheliegende Option wäre es, die bisher gratis bereitgestellten Bänke zu verkaufen. Denkbar wäre auch, aus den von den Soofas gesammelten Umweltdaten ein Geschäft zu machen und sie zum Beispiel an Städte zu verkaufen. Auch Werbung schließen sie als Umsatzquelle nicht aus. Richter verbreitet Zuversicht, gleichgültig welchen Weg sie einschlagen: „Das Internet der Dinge ist ein Riesengeschäft, und von diesem Kuchen wollen wir etwas abhaben.“ Mit dieser Einstellung gehen die Gründerinnen nun an die Verhandlungen mit Investoren über eine Anschubfinanzierung, die bis Ende des Jahres unter Dach und Fach gebracht werden soll.

Hätten die drei Frauen mit Changing Environments in Deutschland so weit kommen können wie in Amerika? „Ich fürchte nein“, meint Richter, die von sich sagt, sie sei in der Gründerszene in Berlin aktiv gewesen. Es gebe zwar viele staatliche Initiativen für Start-ups, aber es mangele an Unterstützung aus der Wirtschaft, so wie ihr Unternehmen sie von Verizon und Cisco bekommen habe. Das gelte besonders bei industriellen Produkten. „In Deutschland ist alles sehr etabliert. Man rühmt sich seiner Ingenieurskunst und ist nicht so experimentierfreudig.“ Changing Environments fällt nicht nur auf, weil alle Gründer aus Deutschland kommen, sondern auch, weil alle weiblich sind.

„Das ist schon markant“, gibt Richter zu. In der Anfangszeit sei es nicht immer leicht gewesen, ernst genommen zu werden, zum Beispiel bei Investoren. „Einer hat zu uns gesagt: Warum macht ihr das nicht einfach als gemeinnütziges Projekt?“ Auf der anderen Seite mache das weibliche Gründertrio das Unternehmen zu einem begehrten Arbeitgeber für andere Frauen. „Es gibt viele Frauen, die zu uns kommen wollen, weil sie sich in einem von Männern dominierten Umfeld nicht so wohl fühlen.“ Im Augenblick hat das Unternehmen inklusive der Gründerinnen sechs Mitarbeiter, in einem Jahr sollen es 30 sein. Allein für die Solarbänke sehen die Frauen ein gewaltiges Potential. Richter sagt: „Im New Yorker Central Park gibt es 9000 Parkbänke. Unser Ziel ist es, langfristig jede gewöhnliche Bank durch Soofas zu ersetzen.“

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