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Softwarekonzern SAP : Wechselspiele in Walldorf

Logo auf dem SAP-Hauptquartier in Walldorf Bild: AFP

In der Branche wird viel geredet über SAP: Der Konzern befindet sich nach einer langen und teuren Akquisitionstour im größten Integrationsprozess seiner Geschichte. Zudem ist binnen weniger Monate der Vorstand mehrmals gründlich umgebaut worden.

          Es war ein Paukenschlag - und Beobachter des Softwarekonzerns SAP sind sich sicher, dass die Mitteilung mit Fleiß in einen Freitag hinein versendet wurde - mit der Erwartung, dass schon über das Wochenende Gras über die Sache wachsen würde. Doch diese Hoffnung war vergeblich. Im Unternehmen und in der Branche wird viel geredet über SAP in diesen Tagen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn der Abschied von Lars Dalgaard, der zuvor für das Cloudgeschäft - also die Auslagerung von Daten in große Rechenzentren - verantwortlich war, sowie von der Personalchefin Luisa Delgado öffnen Spekulationen weiten Raum. Hängt bei SAP möglicherweise der Haussegen schief?

          Die Frage verunsichert auch die Aktionäre, die sich diesen Dienstag zur Hauptversammlung in Mannheim treffen. Viele Anteilseigner haben nach der jüngsten Personalentscheidung nicht lange überlegt und ihre Aktien verkauft, zumal der Kurs einen monatelangen Höhenflug hinter sich hat. Seit der Rücktrittsankündigung aber hat die Aktie mehr als 5 Prozent an Wert verloren. Was genau ist passiert?

          Gründer übernommener Unternehmen täten sich bei SAP schwer

          Delgados Abgang ist bemerkenswert. Sie ist schon die zweite für das Personal verantwortliche Frau im Vorstand gewesen, die nach kurzer Zeit geht. Sie soll Vorstandsvorsitzende eines bislang nicht näher genannten Unternehmens werden. Nach Informationen dieser Zeitung ist es ein Konsumgüterhersteller. Dalgaard wiederum soll SAP künftig nur noch als Berater verbunden bleiben. Dabei war er vor wenigen Wochen noch als Hoffnungsträger präsentiert worden.

          Viele SAP-Mitarbeiter hatten sich hingegen am oft eigenwilligen Auftreten Dalgaards gestoßen. Er hatte den von ihm mitgegründeten Cloudspezialisten Success Factors vor anderthalb Jahren für umgerechnet 2,8 Milliarden Dollar an SAP verkauft und war anschließend in den Vorstand eingezogen. Seinen Abschied hatten Unternehmenskenner erwartet, einige hatten ihn sogar erhofft. Gründer übernommener Unternehmen täten sich in der komplexen SAP-Organisation sehr schwer - auch wenn sie zunächst als Leitfiguren gehalten würden, ist hinter den Walldorfer Kulissen zu hören.

          Luisa Delgado

          Das sei früher zum Beispiel auch schon bei Shai Agassi nicht anders gewesen, der 2002 erst sein Unternehmen Top Tier Software für 400 Millionen Dollar an SAP verkauft hatte, dann bei den Walldorfern in den Vorstand eingezogen war, dort vom Mitgründer und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden Hasso Plattner sogar als Vorsitzender des Gremiums ins Gespräch gebracht wurde, nach einigen Kapriolen aber gehen musste.

          Nun verlässt auch Dalgaard den Vorstand. Seine Aufgaben wird Technikvorstand Vishal Sikka übernehmen, auf den der Aufsichtsrat Plattner große Stücke hält. Das schnell wachsende Datenbankgeschäft liegt nun federführend beim SAP-Urgestein Gerhard Oswald. Sikka sei ein kluger Kopf, ist im Umfeld des Unternehmens zu vernehmen, aber er schere sich wenig um Budgets.

          Die Sorge in der Belegschaft ist, dass nach der Zentralisierung der Entwicklung bei Sikka die Weiterentwicklung der bestehenden Software in den Hintergrund gerät, sich alles nur noch um die mit viel Hoffnungen versehene Echtzeit-Datenbank Hana und die Cloud dreht. Dabei müsse man ja auch bestehende Kunden bei Laune halten.

          Lars Dalgaard

          Das aber ist nicht einfach: Denn einer der Gründe für die Unruhe ist, dass sich SAP in den vergangenen fünf Jahren vor allem durch Zukäufe in Geschäftsfeldern wie dem mobilen Computing, dem Cloudgeschäft und der Datenanalyse verstärkt hat. Die Vorstandssprecher Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott versuchen damit die führende Marktposition ihres Hauses im Geschäft mit Unternehmenssoftware vor dem amerikanischen Konkurrenten Microsoft zu behaupten. Im Cloudgeschäft sollen Wettbewerber wie Salesforce.com auf Abstand gehalten werden.

          Und mit dem neuartigen Datenbanksystem Hana will man Marktführern wie IBM oder Oracle den Schneid abkaufen. Das ist ehrgeizig, noch ehrgeiziger ist das Umsatzziel. Im Jahr 2015 will SAP 20 Milliarden Euro erlösen, mit einer Gewinnspanne von mehr als 30 Prozent arbeiten und eines der innovationsfreudigsten Unternehmen der Softwarebranche sein.

          In Aktionärskreisen wird es langsam unruhig

          Von außen betrachtet, klappt das bisher sehr gut. Die jungen Geschäftsfelder allerdings haben noch nicht die kritische Masse erreicht. Der Erfolgsdruck bleibt groß, und in Aktionärskreisen wird es langsam, aber sicher wieder unruhig. Zudem verschiebt sich das Schwergewicht der Organisation immer mehr nach Amerika und damit in den Bereich des Ko-Vorstandssprechers Bill McDermott, der das Unternehmen gemeinsam und eigentlich gleichberechtigt mit dem Dänen Jim Hagemann Snabe führen soll.

          Doch schon bei der Vergütung gibt es einen Unterschied. McDermott erhielt im vergangenen Jahr 8,7 Millionen Euro Gehalt, Snabe hingegen „nur“ 8,2 Millionen. Alles in allem kommt der Konzern auf eine Vergütung von rund 17 Millionen Euro für seine beiden Spitzenmanager. Damit hat SAP eine der teuersten Vorstandsspitzen der im deutschen Aktienindex Dax versammelten Konzerne.

          Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott

          Snabe sei aber in der Walldorfer Konzernzentrale immer weniger präsent. „Hier fragen sich viele, was ist mit Snabe los?“, heißt es. Er wohnt wohl immer noch in Kopenhagen - und ist nach Einschätzung vieler Mitarbeiter viel weniger intern und in der Öffentlichkeit präsent als Mc Dermott.

          “Bei SAP fährt der Zug in die Vereinigten Staaten“, sagt ein Kenner des Konzerns. Das zeige sich nicht zuletzt an der Neuausrichtung der Kommunikationsabteilung. Die nach dem Abgang von Kommunikationschef Hubertus Külps inthronisierte Interimssprecherin Barbara Schädler geht zur Lufthansa. Nun kommt eine Amerikanerin. Den Posten übernimmt die bekennende Republikanerin Victoria Clarke mit Dienstsitz in Amerika: „Was wir von der Republikanerin erwarten sollen, wissen wir noch nicht“, heißt es.

          Clarke hat früher mal für Donald Rumsfeld geredet, ist nach erstem Eindruck ein „dickes Kaliber“ und soll jetzt Marketing und Kommunikation zugleich leiten. „Das ist auf jeden Fall eine Zäsur für SAP und diese stärkt bestimmt nicht dem Europäer Snabe den Rücken“, wird hinter dessen Rücken getuschelt.

          Hasso Plattner

          Den Betriebsrat treibt am meisten der Weggang von Personalchefin Delgado um. Sie wird als engagiert und einnehmend beschrieben - also der Belegschaft zugetan und somit das Gegenmodell ihrer Vorgängerin. Weil der Konzern zuletzt seine ehrgeizigen internen Ziele verfehlt hat, wäre der Mitarbeiterbonus trotz eines Rekordergebnisses 2012 deutlich gesunken. Mit einem einmaligen Topf hat der Vorstand diese Lücke ausgeglichen. Die IG Metall kritisierte das „Geschenk“ dennoch als „wenig wertschätzend“.

          Das variable Vergütungssystem der traditionell sehr gut bezahlten SAP-Belegschaft wird nun umgemodelt, es soll einfacher und transparenter werden, und mitten in diesem Umbruch geht die Personalchefin.

          Delgado, so heißt es, habe im Vorstand wenig bewegen können, was auch an der SAP-Kultur liege, in der strategische Personalfragen von Plattner und den jeweiligen Vorstandschefs beantwortet würden. SAP-Beobachter gehen daher nicht davon aus, dass die Personalstelle in der Zukunft wieder einem eigenständigen Vorstandsressort zugeordnet wird. Allerdings gehe der langjährige Finanzvorstand Werner Brandt, der das Amt jetzt mit übernommen hat, im nächsten Jahr in den Ruhestand. Spätestens dann brauche SAP eine neue Lösung.

          Die Neuausrichtung sorgt für Aufregung

          Doch nicht nur in der höchsten Chefetage gibt es Unruhe. Wegen der schrittweisen Verschiebung des Softwaregeschäfts weg vom bisherigen Verkauf von Programmpaketen an die Kunden, hin zur Mietsoftware aus dem Rechenzentrum (Cloud), hatte SAP Anfang des Jahres damit begonnen, seinen Vertrieb neu auszurichten. Damit sollen Verbundvorteile gehoben, Kosten gesenkt und das Wartungsgeschäft effizienter als bisher gestaltet werden. Das klingt zunächst gut, liest sich aber schon kompliziert - und sorgt für manche Aufregung.

          So wurden die bislang getrennt geführten Regionen Nord- und Südamerika vereint, die erst im Mai 2012 als Nordamerika-Chefin berufene Geraldine McBride abgesetzt und die Leitung der neuen SAP-Region Americas in die Hände des bisherigen Südamerika-Zuständigen Rodolpho Cardenuto gelegt. Mit 109 000 Kunden sind die sogenannten Americas die größte Vertriebsregion für SAP.

          Das Geschäft in Zentral- und Osteuropa sowie dem Mittleren und Nahen Osten - in diesen Bereich gehören so wichtige Regionen wie Deutschland, Österreich, die Schweiz und Länder der ehemaligen Sowjetunion - wiederum ist unter die Führung von Michael Kleinemeier gestellt worden. Der bei Kunden als Deutschland-Chef geschätzte Manager hatte SAP unter der Führung des glücklosen Vorstandssprechers Léo Apotheker einst verlassen, das neue Vorstandsteam hat ihn zurückgeholt.

          Wahr ist, dass es trotz der Personalrochaden operativ derzeit nicht schlecht läuft. Das liegt vor allem an Aufsichtsratschef Plattner. Der streitbare Gründer und Mäzen bleibt die bestimmende Figur im Konzern. Er ist im Tagesgeschäft präsent und hat mit der Ausrichtung auf das neue Hana-System das mit der Finanzkrise von 2008 ins Schwank, geratene Schiff vermutlich wieder einmal in besseres Fahrwasser und auf den richtigen Kurs gebracht. Das aber ist zugleich ein Problem, denn bisher hat sich niemand unter ihm dauerhaft emanzipiert.

          Plattner ist der letzte aus dem Gründerquintett von SAP. Er hat den Aufstieg von der kleinen Entwicklerbude in Baden zum größten Hersteller von Unternehmenssoftware der Welt maßgeblich gestaltet und vorangetrieben. Er hält den Laden bis heute zusammen: Das macht ihn zum Übervater des Konzerns. Im nächsten Jahr wird der umtriebige Visionär 70 Jahre alt. Plattner ist die Lösung und die Herausforderung für die Zukunft von SAP zugleich.

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