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Wirtshaussterben : So will Baden-Württemberg seine Gasthöfe retten

  • -Aktualisiert am

Prost! Bild: dpa

Gastwirte finden auch deshalb keinen Nachfolger, weil sie die Investitionen nicht stemmen können. Baden-Württemberg fördert jetzt neue Pächter.

          Geht ein Wirt in den Ruhestand, stirbt auf dem Land manchmal das ganze Gasthaus. Selbst große Namen mussten zuletzt aufgeben. Zum Beispiel die „Alte Post“ im Schwarzwaldort Nagold – ein früheres Sternerestaurant – schloss vergangenen Oktober nach 350 Jahren. Die „Alte Post“ soll in naher Zukunft wieder aufmachen, aber mit anderer Ausrichtung, wie der Geschäftsführer des Autozulieferers Boysen, Rolf Geisel, erklärt. Das Tochterunternehmen BIN Boysen mit Sitz in Altensteig hat das Fachwerkgebäude inzwischen gekauft. Es gehörte zuvor über 50 Gesellschaftern, darunter waren auch bekannte Unternehmen aus der Region, neben Boysen beispielsweise gleichfalls der mittelständische Beschlagspezialist Häfele. Gourmet sei aber nicht mehr geplant, sondern normale gutbürgerliche Gastronomie, sagt Geisel. „Das ist ein rein soziales Engagement für die Stadt und ihr Umfeld.“

          Bundesweit geht die Zahl der Restaurants kontinuierlich zurück: 2017 gab es noch 71.787 nach 76.718 Wirtshäuser im Jahr 2011, wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband mitteilt. Für den Rückgang der Betriebe gibt es nach Verbandsangaben vielfältige Gründe. Die Leute zieht es in die Städte. Dann die Freizeitgewohnheiten: Wer seine Abende vor der Spielekonsole oder mit seinen Facebook-Freunden im Internet verbringt, kann nicht gleichzeitig an der Theke im Gasthaus sein Bier trinken. Und wer am Sonntag nicht den Gottesdienst besucht, kommt dann auch nicht zum Stammtisch oder Frühschoppen. Und die gefühlt stets zunehmende Bürokratie wird immer wieder genannt. So die Regelungen zum Thema Arbeitszeit oder zum Mindestlohn. Hinzu kommt je nach Region in Deutschland die wachsende Konkurrenz durch eine Vielzahl von Vereins- und Straßenfesten.

          Übernahmen durch neue Pächter scheitern oft am Investitionsstau. Baden-Württemberg denkt nun über ein spezielles Förderprogramm nach, um Investitionen im Bereich der Wirtshäuser anzuschieben. „Wir haben uns daher zur Aufgabe gemacht, die Rahmenbedingungen zu prüfen, umzusetzen und, soweit möglich, die Förderinstrumentarien anzupassen“, sagt Tourismusminister Guido Wolf (CDU) in Stuttgart. Vor zehn Jahren gab es schon einmal ein ähnliches Programm: 1,5 Millionen Euro an Landesmitteln, um die Zinsen zu senken. Dies habe ein Investitionsvolumen von über 100 Millionen Euro in Gang gesetzt, sagt Baden-Württembergs Dehoga-Landeschef Fritz Engelhardt.

          Wolf schwebt ein ähnliches Programm wie in Bayern vor. Im Nachbarland haben seit 2006 ein Viertel der Schankwirtschaften zugemacht. Etwa 500 Gemeinden haben dem Dehoga zufolge kein Wirtshaus mehr. In diesem und im kommenden Jahr gibt die Bayerische Staatsregierung insgesamt 30 Millionen Euro für ein entsprechendes Förderprogramm aus. Das Geld ist vor allem für Modernisierungen – etwa im Sanitärbereich – oder für die Schaffung von Barrierefreiheit von Gaststätten gedacht. „Die hohe Nachfrage in der ersten Förderrunde hat gezeigt, dass das Programm an der richtigen Stelle ansetzt. Bereits nach wenigen Stunden war das erste Kontingent ausgeschöpft, in einigen Regierungsbezirken sogar nach einer halben Stunde“, heißt es aus dem zuständigen Wirtschaftsministerium in München.

          Am Rande der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg, in Brucken, einem Ortsteil von Lenningen, hört Mitte August der Wirt des Landgasthofes „Krone“ auf. Dann erlischt eine über hundertjähriger Familientradition. Mehr als 40 Jahre davon stand Jürgen Stümpflen am Herd. „Ich habe keinen Nachfolger in der Familie gefunden“, sagt der 62-Jährige, der nach dem Sommerurlaub nicht mehr aufmachen wird. Aber er will nicht ausschließen, dass unter neuer Regie in der „Krone“ die Lichter bald wieder angehen werden.

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