https://www.faz.net/-gqe-9xwgc

So viele Anträge wie noch nie : Kurzarbeiter-Welle erfasst deutsche Wirtschaft

Heruntergefahren: Nicht nur die Mitarbeiter von Mercedes müssen ihre Arbeitszeit reduzieren. Bild: dpa

Selbst in der Deutschen Bank und im öffentlichen Dienst wird über Kurzarbeit nachgedacht. Aus Solidarität zeigen sich auch Manager bereit, auf Gehalt zu verzichten.

          3 Min.

          Immer mehr Unternehmen schicken angesichts der Corona-Krise Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit, darunter große Industriekonzerne wie Volkswagen, Bosch, Continental, MAN, Thyssen-Krupp, Lufthansa, Puma, Adidas und Tui. Auch Daimler hat am Donnerstag angekündigt einen Großteil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, vorerst befristet bis zum 17. April. Betroffen ist ein Großteil der Produktion und auch viele Verwaltungsbereiche. Nur notwendige Grundfunktionen sowie Zukunftsthemen und strategische Projekte seien ausgenommen, heißt es in der Mitteilung des Stuttgarter Konzerns.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch im öffentlichen Dienst wird über Kurzarbeit nachgedacht. Dies könnte Beschäftigte von Flughäfen, Bädern, Theatern, dem Nahverkehr oder Museen treffen. Die Gewerkschaft Verdi, der Beamtenbund (DBB) und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände haben Verhandlungen darüber angekündigt.

          Selbst in der Finanzbranche wird über Kurzarbeit nachgedacht, darunter ausgerechnet der Branchenprimus Deutsche Bank, wie eine Sprecherin bestätigt. Die Deutsche Bank sei damit nicht allein. Man prüfe „wie andere Finanzinstitute auch, ob und wo das sinnvoll sein könnte“, sagt sie. Die Bank bereite sich für solche Szenarien vor. Stand heute gebe es aber keine Kurzarbeit innerhalb der Deutschen Bank.

          Das gilt wohl noch für alle Banken in Deutschland. Aber schon das Nachdenken darüber erstaunt: Bisher war von einer Flut an Arbeit die Rede, von Anfragen, die über Banken und Sparkassen gerade hereinbreche, sei es von Gewerbekunden, die sich über die neuen KFW-Kredite informieren wollen, die von den Hausbanken bearbeitet werden; oder von Privatkunden, die zur Stundung von Krediten oder zur schwankenden Börse Beratungsbedarf haben.

          „Wir brauchen jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin“, sagt denn auch der Sprecher des Deutschen Sparkassenverbandes der F.A.Z. und fügt hinzu: „Uns sind keine Sparkassen bekannt, die Kurzarbeit planen.“ Wenn Filialen geschlossen seien, werde dort hinter verschlossenen Türen oder im Home Office weiter gearbeitet. Dazu passt: Die Volks- und Raiffeisenbanken haben mit Gewerkschaften vorübergehend Samstagsarbeit vereinbart, um Mitarbeitern mit Kindern flexiblere Arbeitszeiten anzubieten.

          Kurzarbeit auf Rekordhoch

          In Banken, die dagegen Kurzarbeit zumindest prüfen, wird argumentiert, dass die Wirtschaftsaussichten unkalkulierbar seien. Derzeit seien die Mitarbeiter gut ausgelastet, aber die nächsten Wochen ließen sich schwer vorhersehen. In vielen Frankfurter Bankzentralen haben allerdings viele – womöglich anders als in den inzwischen zum Teil geschlossenen Filialen – Überstunden angehäuft, die sie zunächst abbauen müssten, bevor sie Kurzarbeitergeld beantragen können. Manche Banken positionieren sich auch scheinbar eindeutig dagegen.

          „Kurzarbeit zu beantragen ist für uns aktuell kein Thema“, sagt etwa der Sprecher der Commerzbank der F.A.Z. Doch einzelne kleine Volks- und Raiffeisenbanken ziehen zum Erhalt von Arbeitsplätzen die Anmeldung von Kurzarbeitergeld in Betracht, auch wenn noch keine welches beantragt hat, wie der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken betont.

          Die Bundesagentur für Arbeit rechnet insgesamt mit mehr als 2 Millionen Kurzarbeitern wegen der Krise. So viele wie noch nie. Allein in der vergangenen Woche hatten schon 76.700 Betriebe Kurzarbeit beantragt, zum Vergleich: In normalen Wochen sind es weniger als 1000 Betriebe.

          Lufthansa-Chef Carsten Spohr

          Weil ihre Mitarbeiter in Zeiten der Kurzarbeit auf einen Teil ihres Gehalts verzichten müssen, haben einige Spitzenmanager aus der Industrie einen Gehaltsverzicht angekündigt, als erster Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Nun sind andere gefolgt: Der Vorstand des Sportartikelherstellers Puma um Bjørn Gulden verzichtet auf sein volles Gehalt im April. Der Vorstand von Tui hat angekündigt, sich ab April bis auf weiteres ein 30 Prozent niedrigeres Grundgehalt auszuzahlen.

          Auch das Management des Handelskonzerns Douglas hat angekündigt, freiwillig auf einen Teil des Gehalts in den kommenden Monaten zu verzichten. Die Führungsspitzen von Daimler, Ceconomy und ZF Friedrichshafen haben einen Verzicht zumindest angedeutet, wobei über die Details noch nicht entschieden ist.

          Puma-Chef Bjoern Gulden

          „Solche Schritte werden wir noch öfter sehen“ vermutet der Frankfurter Vergütungsexperte Michael Kramarsch von der Unternehmensberatung HKP: „Wer von seinen Mitarbeitern Opfer verlangt, sollte auch selbst über Verzicht nachdenken“. Das sei eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts. „Manche Unternehmen stocken das Kurzarbeitergeld freiwillig auf“, erläutert Kramarsch, „so dass Mitarbeiter kaum weniger verdienen als vorher. Das ist dann eine andere Situation, in der aber trotzdem der Staat einspringt“. Kramarsch rechnet damit, dass die Vergütung der Spitzenmanager in diesem Jahr ohnehin stark zurückgehen wird: „Die meisten Vergütungssysteme für Managergehälter sind so ausgestaltet, dass in einer solchen Krise wie jetzt sicher keine Boni fällig werden“.

          Weitere Themen

          Regierung erwartet schwere Rezession Video-Seite öffnen

          Corona-Krise : Regierung erwartet schwere Rezession

          Das Bruttoinlandsprodukt könnte in diesem Jahr noch stärker schrumpfen als während der Finanzkrise 2009, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Berlin.

          Topmeldungen

          Ein Bild aus besseren Tagen: Olaf Scholz, Christine Lagarde, Paolo Gentiloni und Bruno Le Maire Mitte Februar in Brüssel

          Ideen von Scholz und Le Maire : EU-Kompromiss zu Corona-Hilfen in Sicht

          Die Politik will den schrillen EU-Streit um Maßnahmen in der Coronakrise deeskalieren. Deutschland und Frankreich verständigen sich auf drei Schritte, die Niederlande machen ein Friedensangebot. Umstritten bleiben die Corona-Bonds.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.