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Expansion : Springers amerikanische Seite

Hat vor dem Flug nach Amerika noch etwas zu sagen: Mathias Döpfner Bild: dpa

Die Reichelt-Affäre wirbelt auch in den USA einigen Staub auf. Hier hat Springer einen seiner wichtigsten Expanionsschwerpunkte.

          3 Min.

          Es war ein Geschäft, das die Medienbranche aufhorchen ließ: Im August verkündete der Verlag Axel Springer die Übernahme von Politico, einer in der Nähe von Washington beheimateten Publikation, die seit ihrem Start 2007 zu einem Powerplayer der politischen Berichterstattung in den USA geworden ist.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Deutschen stimmten zu, rund eine Milliarde Dollar zu zahlen und damit in etwa das Fünffache des Politico-Umsatzes. Politico-Verleger Robert Allbritton fand damals einige bemerkenswerte Worte über seinen Käufer, die nun nach dem Rauswurf von Julian Reichelt als Bild-Chefredakteur noch einmal in einem etwas anderen Licht erscheinen: „Ich würde nur einen neuen Investor begrüßen, der meine Werte und die unverwechselbaren Werte von Politico reflektiert“, sagte er.

          Springer und sein Vorstandschef Mathias Döpfner bestünden diesen Test besser als jedes andere Medienunternehmen. Der Politico-Verleger sagte damals auch, er halte seinen neuen deutschen Partner für „amerikanischer als die meisten Amerikaner heutzutage“. Er bezog das darauf, dass Springer Presse- und Gedankenfreiheit kultiviere und sich klar zur transatlantischen Allianz bekenne.

          Politico ist der Höhepunkt der Springer-Expansion in Amerika

          Richtig ist in jedem Fall, dass Springer um einiges amerikanischer geworden ist. Politico ist der jüngste von mehreren Zukäufen in den USA – am Dienstagabend teilte Springer mit, dieser sei nun erfolgreich abgeschlossen. 2015 zahlten die Deutschen schon 442 Millionen Dollar für das Online-Portal Business Insider, im vergangenen Jahr kauften sie den Wirtschafts-Newsletter Morning Brew. Seit der New Yorker Finanzinvestor KKR 2019 einen Anteil von rund 45 Prozent erwarb, haben sie auch einen amerikanischen Großaktionär. Es fügt sich in dieses Bild, dass Reichelt am Tag nach einem explosiven Bericht in der New York Times seinen Posten räumen musste. Am Dienstag war die Nachricht von Reichelts Abgang der Zeitung sogar einen Platz auf ihrer Titelseite wert.

          Der Zukauf von Politico ist der bisherige Höhepunkt in Springers US-Expansion. Döpfner hat das Ziel ausgegeben, der „führende digitale Verlag in der demokratischen Welt“ zu werden, und dabei soll Politico offenbar eine wichtige Rolle spielen. Dem Wall Street Journal sagte er vor wenigen Tagen, die Zeichen in den USA stünden für ihn auf Wachstum. Zusätzlich zu den bisherigen 900 Beschäftigten im Verlag und der Redaktion von Politico wolle er weitere 100 Mitarbeiter einstellen. Er plane, den Fußabdruck der Publikation sowohl in den USA und in Europa zu vergrößern und das von Politico abgedeckte Themenspektrum zu verbreitern. Zudem sollten die bisher gratis verfügbaren Inhalte hinter eine Bezahlschranke gestellt werden. Im Zuge der Transaktion wollen die Deutschen auch den 2015 gestarteten europäischen Ableger von Politico vollständig übernehmen, an dem sie bislang schon die Hälfte der Anteile hielten.

          Der bisherige Politico-Eigentümer Robert Allbritton ist Sohn eines Medienmoguls, dem einst diverse Fernsehstationen und eine Zeitung in Washington gehörten. Politico war sein Versuch, sich mit einem eigenem Projekt einen Namen zu machen. Er heuerte dazu frühere Starreporter der Washington Post für die Chefredaktion an. Ursprünglich gestartet als The Politico, gewann die Publikation schnell viele Leser, zum Beispiel mit ihrem täglichen Newsletter Playbook, der regelmäßig Exklusivnachrichten und auch Klatsch aus der Washingtoner Politikszene lieferte.

          Politico gibt es zwar bis heute in einer kostenlosen gedruckten Version, es ist aber in erster Linie eine digitale Publikation. Sie war lange ein Verlustgeschäft, aber wie die New York Times schreibt, ist sie heute hochprofitabel und hat eine Gewinnmarge von mehr als 20 Prozent. Dafür ist nicht zuletzt der 2011 gestartete Abonnementdienst Politico Pro verantwortlich, der gegen stattliche Gebühren Analysen und Daten für ein sehr spezialisiertes Publikum im Politikbetrieb anbietet und heute für etwa die Hälfte des Umsatzes steht.

          Nach Angaben der New York Times stand 2015 schon einmal ein Verkauf von Politico an Springer zur Diskussion, damals noch für 250 Millionen Dollar. Das Platzen dieses Geschäftes soll zu einem Zerwürfnis zwischen Allbritton und einigen seiner Topmanager beigetragen haben, die Politico schließlich verließen und die Konkurrenzpublikation Axios gründeten, mit der sie schnell zu einem ernsthaften Wettbewerber wurden. Angeblich hat Döpfner in diesem Jahr parallel zu Politico auch Verhandlungen mit Axios geführt. Ziel sei es gewesen, beide Publikationen zu kaufen und zu kombinieren. Der Axios-Vorstandschef habe das Geschäft aber scheitern lassen.

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