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Neue Lieferwege : Das Auto als Packstation

Ein Kleinwagen als Paketbox Bild: dpa

Smartfahrer können sich jetzt über Nacht von der DHL Pakete liefern lassen. Ein Service, der wohl nicht lange exklusiv bleiben wird.

          Bis 17 Uhr bestellt, noch in der Nacht  von der Post in den Kofferraum des eigenen Autos geliefert – das hört sich nach einem unerfüllbaren Traum für Online-Shopper an, wird aber schon bald Realität für Smart-Fahrer. Der Kleinwagen-Hersteller startet gemeinsam mit der DHL AG in diesem Herbst ein Pilotprojekt, zunächst in Stuttgart, dann in weiteren sieben Städten. Die Zusteller bekommen mit dem Paket eine Tan-Nummer (wie beim Online-Banking), durch die sie das Auto finden und öffnen können. Sie legen das Paket in den Kofferraum, verschließen das Auto wieder, und wenn der Empfänger aufgestanden ist, kann er seine Bestellung im Auto finden.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Ein Feldversuch mit 30 Teilnehmern in Stuttgart habe gezeigt, dass das „smart ready to drop“ funktioniere: „Ich war selbst Versuchskaninchen und völlig begeistert“, berichtete Smart-Chefin Annette Winkler bei der Vorstellung des Projekts in Böblingen.

          Wichtigstes Kriterium aus Sicht der Post war, dass die Technik schnell und unkompliziert funktioniert: „Unsere Leute sind auf Höchstleistung getrimmt“, sagte DHL-Vorstand Jürgen Gerdes, selbst erklärtermaßen ein begeisterter Smart-Fahrer: „Wenn der Zusteller vor dem Auto steht, dann muss da was passieren.“ Diese Ansprüche erfüllt der Smart:  Innerhalb von 2 oder 3 Sekunden öffne sich das Auto,  verspricht Annette Winkler; in anderen Fällen müsse man bis zu 60 Sekunden warten. Sowohl BMW wie auch Audi  haben schon solche Verfahren erprobt, Volvo hat in Stockholm die Kooperation mit einem Kurierdienst getestet.

          Angebot soll bald ausgeweitet werden

          Smart aber hat offenbar einen technischen Vorsprung durch mehr als acht Jahre Car 2 Go. Für diese flexible Autoleihe wurde die  „Connectivity-Box“ entwickelt, mehr als 14.000 Kleinstwagen sind aktuell mit der dritten Generation von Hard- und Software ausgestattet, die Phase der Kinderkrankheiten dürfte damit überstanden sein. Durch diese Box kann das Auto geortet und ohne Schlüssel geöffnet werden, und auch das Wegfahren kann über diese Technik geregelt werden.

          Ein „Schatzkästlein“ nennt Smart-Chefin Annette Winkler die Box, weil diese dafür sorgt, dass Smart-Fahrer noch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten haben als nur Autofahren – „und das wird die Bereitschaft steigern, einen Smart zu kaufen“, so ihre Einschätzung. Im „Smart Lab“ werden solche Angebote entwickelt. „Wir haben keinen Lenkungskreis und kein Reporting“, sagte Winkler zufrieden – aber offenbar schon eine Reihe von Ideen: „Wie wäre es, wenn jemand frische Brötchen ins Auto legte oder die Sachen von der Reinigung“, schlägt sie vor. Man könnte sich auch einen Wasch- und Tank-Service vorstellen oder sogar ein privat organisiertes Carsharing, das den Verleih des Autos ohne Schlüsselübergabe möglich mache.

           „Das wird nichts Exklusives bleiben. Die Paketzustellung in den Kofferraum wird ein ganz normaler Service werden. “ Das ist der Smart-Chefin auch bewusst. Was sie nicht sagt, aber auf der Hand liegt: der Daimler-Konzern, zu dem die Marke Smart gehört, wird diese Technologie seinen Mercedes-Kunden vorenthalten. Erprobt wird nun aber mit Smart-Fahrern, weil man davon ausgeht, dass diese eine besonders passende Zielgruppe stellen, mit einem urbanen Lebensstil, experimentierfreudig und eben auch mit Freude am Online-Shopping.

          Was passiert, wenn das Paket zu groß ist?

          Für die Pilotphase sucht Smart in jeder angeschlossenen Stadt mehrere hundert Teilnehmer. Die Autos – von der aktuellen und der vorherigen Modellreihe – werden von Smart mit der Box ausgestattet. Dann werden sich die konkreten Fragen stellen, zum Beispiel: Was passiert, wenn das Paket zu groß ist und nicht ins Auto passt (Umleitung in eine Filiale), oder was kann passieren, wenn jemand anders die Tan-Nummer hat (nichts, weil der Zusteller die passende App dazu braucht) und überhaupt: wie gefährlich ist es, ein Paket mit wertvollen Produkten ins Auto liefern zu lassen?

          „Einen Laptop oder eine Kamera würde ich auch eher woanders hin liefern lassen“, räumt DHL-Fachmann Ralph Wiechers ein, sagt aber auch: Die Pakete werden immer mit dem Label nach unten gelegt, und: „Man darf nicht unterschätzen, wie viel Erfahrung DHL hat, sowohl mit Ablageorten wie auch mit der Zustelltechnik, für die man entsprechende Prozesse erprobt hat.“

          Für DHL ist das Angebot der Kofferraumzustellung nicht grundsätzlich anders als das der Lieferung in einen Paketkasten am Haus oder in eine Packstation, wie sie mittlerweile von 8 Millionen Kunden benutzt wird. „Es ist nicht Aufgabe des Kunden, da zu sein, wenn wir kommen“, fasst Jürgen Gerdes den Service-Anspruch von DHL in einen Satz. DHL wolle dem Wunsch nach hoher Flexibilität entsprechen. Seit dem 1. Juli gebe es die Abendzustellung, wobei der Kunde ein Zeitfenster wählen könne. Überlegt werde, ob man solche Zeitfenster auch tagsüber schaffen wolle. Die Zustellung in den Kofferraum gibt es vorläufig nur nachts – was den Vorteil hat, dass die Zusteller kein Parkproblem haben.

          Für die Erstellung der einmalig verwendbaren Tan-Nummern brauchen DHL und Smart derzeit noch Partner-Unternehmen, die ihrerseits passende Prozesse (unter anderem die notwendig schnelle Auslieferung aus ihrem Warenlager) haben. Post-Vorstand Gerdes stellt in Aussicht, dass die Zahl der angeschlossenen Unternehmen schnell wächst. Mit der Weiterentwicklung der Technik sind aber zahlreiche weitere Varianten denkbar, ist zu hören: dass auch der Dienst auch für den Paketversand unter Privatleuten genutzt werden kann oder dass das Auto nicht – wie vorerst geplant – im engen Umkreis der Heimadresse stehen muss, sondern irgendwo. Kosten wird der Dienst zumindest in der Pilotphase nichts. Ob das immer so bleibt, ließ Smart-Chefin Winkler offen: „Wir werden merken, ob Kunden bereit sind, für diese Art von Service etwas zu bezahlen.“

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