https://www.faz.net/-gqe-by8

Skandale : Der Ergo-Chef redet Klartext

  • -Aktualisiert am

Hemdsärmelig und heiter trotz Imageschaden: Torsten Oletzky, der Vorstandsvorsitzende der Ergo Versicherungsgruppe, in der Münchener Konzernzentrale Bild: Jan Roeder

Vorstand Torsten Oletzky steht unter Beschuss und gesteht Fehler ein: Die Skandale der vergangenen Wochen haben dem Versicherer Ergo schwer zugesetzt. Oletzky lacht trotzdem noch und läuft sich den Frust von der Seele.

          Ein Mann wie er ist eigentlich ein Glücksfall für diese Branche. Er ist nämlich keiner von den vielen grauen Herren, die mit versteinertem Gesicht und gedecktem Anzug durch die Bürotürme von Versicherungsgesellschaften stapfen. Torsten Oletzky mag es lieber hemdsärmelig und heiter. Er ist nun mal eine Frohnatur. Einer von denen, die sich auf dem Flur den Spaß erlauben, so zu tun, als würden sie gleich von der Riesenmülltonne verschlungen. Um zu simulieren: Mein Job frisst mich auf. Aber mit Glück und Spaß ist das bei den Versicherungen derzeit so eine Sache. Die Branche hat gerade nichts zu lachen. Vor allem nicht er, der Vorstandschef der Ergo-Gruppe.

          Seit Wochen jagt in seinem Hause ein Skandal den nächsten. Was da ans Licht kommt, ist nicht nur das Problem von Deutschlands drittgrößtem Versicherer, sondern es wirft die Frage auf, wie rüde die Sitten der Verkäufer in der gesamten Branche eigentlich sind. Nun hatten Versicherungsvertreter ja noch nie den besten Ruf. Verstanden hat ihre vielseitigen Vertragsklauseln im Kleingedruckten ohnehin kaum jemand. Aber dass den Verkäufern nun auch noch das Schmuddelimage anhaftet, wilde Sexpartys zu feiern und die Sparer zu betrügen, das geht dem Vorstand des Skandalversicherers Ergo dann doch zu weit.

          Mit einer Anzeigen-Kampagne geht Ergo seit einer Woche in die Offensive. „Wenn Menschen Fehler machen, entschuldigen sie sich. Wenn Unternehmen Fehler machen, unternehmen sie etwas dagegen. Darum tun wir beides.“ Ergo versucht, sein Image noch irgendwie zu retten. „Wir haben eineinhalb Jahre hart daran gearbeitet, gegenüber dem Kunden mit einer starken Marke aufzutreten“, sagt Oletzky. Das war sein Projekt, seit er 2008 Vorstandschef der Ergo-Gruppe wurde: die vielen Versicherungen der Muttergesellschaft Münchener Rück zu einer neuen Marke zu bündeln. Beabsichtigter Nebeneffekt: Auf dem Wege sollten die Namen Hamburg-Mannheimer und Victoria aus dem Gedächtnis der Kunden getilgt werden. Beide Lebensversicherer genossen nicht den besten Ruf. Mit dem Kunstnamen Ergo und dem treuherzigen Zottelhaarmann der Fernsehwerbung sollte alles besser werden.

          Bei der Ergo jagt ein Skandal den nächsten - und im Kreise der Versicherungen handelt es sich nicht um ein Ausnahmephänomen

          Schnörkellos, floskelfrei und ohne Punkt und Komma

          Zudem verordnete der neue Chef dem Laden noch eine Schrumpfkur der besonderen Art - zusätzlich zur Entlassungswelle, die knapp 2000 Mitarbeiter traf, aber für einen ehemaligen McKinsey-Berater so ungewöhnlich auch wieder nicht ist. Er will das Versichererdeutsch abschaffen. Keine unlesbaren Vertragsklauseln mehr. Keine Abkürzungen, die Versicherungsverkäufer selbst auf Nachfrage hin nicht richtig aussprechen können. Kompakte Formulare, für deren Verständnis man weder einen Doktortitel in Versicherungsmathematik noch ein juristisches Staatsexamen braucht. „Verständlichkeit ist mein Thema“, sagt Oletzky. Wenn man ihn reden hört, glaubt man das sogar. Der Vorstand mit Doktortitel in Staatswissenschaften spricht ein bisschen Kölsch und noch wie ein ganz normaler Mensch. Schnörkellos, floskelfrei und ohne Punkt und Komma. Er sagt, wenn ihm etwas nicht passt, etwa dass er der „Markenkiller“ genannt wird. Einen Killer würde man sich tatsächlich anders vorstellen. Und er nennt Fehler, die in seinem Haus passiert sind, auch mal „absolut idiotisch“. Von daher hätte das mit dem Aufbau der neuen Marke mit ihm gut klappen können. Aber dann holte ihn die Vergangenheit ein.

          Es fing mit dem Sexskandal an. Ranghohe Vertriebsmitarbeiter der Hamburg-Mannheimer Versicherung haben sich im Jahr 2007 für 83.000 Euro eine wilde Orgie geleistet. Sie fuhren zur Lustreise nach Budapest und ließen sich in einem Spaßbad von Prostituierten bedienen. Die Details kamen jüngst an die Öffentlichkeit und schlugen hohe Wellen. Es soll auch gemeinsame Bordellbesuche bei anderen Gelegenheiten gegeben haben. Nun munkeln viele, dass solche Ausschreitungen im Versicherungsvertrieb gang und gäbe sind.

          Die Schlagzeilen von der Sexparty kratzen mächtig am sauberen Image

          Weitere Themen

          Klartext und Fragezeichen

          Eintracht Frankfurt : Klartext und Fragezeichen

          Die Eintracht geht nach dem Glücksspiel in Mannheim mit sich selbst hart ins Gericht. Die Suche nach einem Stürmer läuft weiter: Tosun, Ruiz und Ajorque sind im Gespräch.

          Furcht hält Börsen im Griff Video-Seite öffnen

          Sinkende Kurse : Furcht hält Börsen im Griff

          Konjunkturängste und der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China belasten zunehmend die Stimmung. Die amerikanischen Börsen haben gestern tief im Minus geschlossen. Der Dow-Jones-Index schloss 3,05 Prozent tiefer bei 25.479 Punkten.

          Topmeldungen

          Auch drei Düsen könnten genügen: Airbus A380 der Fluglinie Emirates.

          Airbus : Wann darf ein A380 mit drei Turbinen fliegen?

          Ein Airbus A380 braucht zum Fliegen nicht unbedingt vier Triebwerke. Er kommt auch mit einem weniger ans Ziel. Unter bestimmten Voraussetzungen und Vorschriften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.