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Autovermietung : Salomonisches aus der Sixt-Familie

Erich, Konstantin und Alexander Sixt (von links) Bild: dpa

Die Brüder Alexander und Konstantin übernehmen im Duo den Vorstandsvorsitz von Vater Erich Sixt, der das Autovermieten neu erfunden hat. Kann das gut gehen?

          3 Min.

          „Nichts ist älter als der Erfolg von gestern, es geht um die Zukunft.“ Erich Sixt haute am Dienstag wieder einen seiner Sprüche raus – und leitete eine neue Ära ein. Nach einer Dekade des Spekulierens über den Generationenwechsel im größten deutschen Autovermieter Sixt tritt der 76 Jahre alte Branchenschreck ab: Die Söhne Alexander und Konstantin übernehmen, gemeinsam und gleichberechtigt als Co-Vorstandsvorsitzende. Es wird ein waghalsiges Unterfangen, weshalb das Familienoberhaupt ein waches Auge auf die Junioren mit so unterschiedlichen Charakteren behält. Erich Sixt zieht am 16. Juni in den Aufsichtsrat als Vorsitzender ein.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Er klang am Dienstag erleichtert. Eine schwere und delikate Entscheidung ist der kontrollierte Übergang zur vierten Generation. Der Senior ist voll des Lobes für seine Söhne: „Sie machen einen formidablen Job und haben genügend Erfahrungen gesammelt.“ Ob der eigenen Leistungsbilanz überdreht er wenig glaubhaft: „Meine Söhne werden das Unternehmen besser managen, als ich es getan habe; und sie werden Sixt zu neuen Ufern führen“, spielt er auf digitale Herausforderungen an, die Sixt vom Autovermieter zu einem Mobilitätskonzern „mutieren“ lassen sollen. „Change ist wichtig“, sagt er knackig.

          Ein Brocken ist einer Persönlichkeit vom Herzen gefallen, die für die Investoren das Unternehmen verkörpert: charismatisch, überzeugend, schrullig, zugleich überlegt und behutsam handelnd; mitunter emotional unkontrolliert auftretend; jemand, der über sich so lacht und lästert wie über andere. Die Aktionäre scheinen den Wechsel zu akzeptieren, was nicht selbstverständlich war. Das Kursminus am Dienstag war den schwachen Geschäftszahlen für das Krisenjahr 2020, mehr noch dem ungewissen Fortgang geschuldet. Sixt, darüber ist der scheidende Chef froh, lebe als „klassisches Familienunternehmen“ weiter. Das stünde für eine Übernahme nicht zur Verfügung. 58,3 Prozent der Stammaktien hält die Familie. Gerüchte im Herbst, Volkswagen könne einsteigen, haben sich bislang nicht bestätigt.

          Die Doppelspitze ist ein Risiko

          Trotz aller Freude: Die Nachfolge ist eine salomonische Entscheidung. Die Doppelspitze mit den ungleichen Brüdern ist ein Risiko; derlei Konstruktion ist in Unternehmen bislang meist gescheitert. Der Vater wollte und konnte im Sinne des Familienfriedens niemand verprellen. Er hat immer vermieden, besondere Sympathien für den einen oder anderen nach Außen zu zeigen. Die Brüder arrangieren sich, wie sie es seit ihrem Einstieg in das Unternehmen 2009 und als Vorstände seit 2015 getan haben. Für jeden sichtbar, sitzen sie im gläsernen Büro in der Pullacher Unternehmenszentrale in trauter Gemeinsamkeit nebeneinander am Schreibtisch. Sie erwecken den Eindruck, als seien die Rollen bestens aufeinander eingespielt.

          Doch Alexander Sixt, 41 Jahre, wird im Duo etwas gleicher als Bruder Konstantin, 38 Jahre, sein. Der Ältere dominiert, nicht nur in den zugeteilten Aufgaben mit Strategie, Akquisitionen, Personal, Einkauf sowie für die Digitalplattformen. Das wichtige Ressort Vertrieb bleibt wie bisher beim Bruder Konstantin; aber eben nur das.

          Es sind nicht nur die Wortanteile von Alexander, die ihn dominant erscheinen lassen. Konstantin ist der leisere, ruhigere Typ und gerät schnell in den Schatten. Offensiv kokettiert er damit: „Als kleiner Bruder kommt man immer zuletzt“, lachte er einmal vor großem Publikum. Da springt auch mal der Große bei. „Zwischen uns passt kein Blatt Papier“, tönte es Dienstag aus Alexander heraus, um dann einfach für den Kleinen mitzusprechen, der ja schließlich den Umsatz und damit den Erfolg bringe. „Uns eint das gemeinschaftliche, neutrale und analytische Verständnis.“ Emotionen sind da tabu. „Persönliche Befindlichkeiten müssen zurückstecken.“ Also ein ganz normales Verhältnis zwischen Geschwistern. Beide haben Betriebswirtschaft studiert, der eine in Paris (Alexander), der andere in Genf. Vor Sixt arbeitete Alexander für die Unternehmensberatung Roland Berger. Konstantin baute 2008 die Internetplattform Stockflock (später Mystocks) auf.

          „Es ist das beste für das Unternehmen und genau der richtige Zeitpunkt“, sagte Erich Sixt mit Blick auf Alter und auf 52 Jahre Chef-Dasein, der 1969 vom Vater den Betrieb mit 200 Autos übernahm. Inmitten der Pandemie-Krise hält er den Wechsel für angebracht. Wollte er erst das Krisenjahr 2020, „das schwierigste in der Unternehmensgeschichte nach dem Krieg“, abwarten, um zu sehen, wie sich seine Söhne bewähren? „Nein, das war kein Bewährungsjahr“, wies Sixt die Frage von sich. „Es hat die Bestätigung dafür gebracht, dass meine Entscheidung richtig ist.“ Mehr noch: „Sie haben es möglich gemacht, dass ich ohne Verlust und damit ohne Makel ausscheiden kann.“

          Mit 2 Millionen Euro ist der Sixt-Konzern an der roten Linie vorbeigeschrammt, das auch nur Dank des Verkaufs der verbliebenen 42 Prozent an der Sixt Leasing. Mit dem Umsatzeinbruch von 39 Prozent auf nur noch 1,5 Milliarden Euro und einem tiefen Fall im Vorsteuerergebnis von plus 308 auf minus 49 Millionen Euro war es ein furchtbares Jahr für Sixt. Radikale Kostenschnitte von 600 Millionen Euro und der um 30 Prozent reduzierte Fuhrpark auf 170.400 Fahrzeuge haben Schlimmeres verhindert. Mit 2 Milliarden Euro Finanzmitteln stehe man wesentlich besser da als kränkelnde Wettbewerber; gemeint sind Hertz, Avis oder Europcar.

          Das Vermächtnis mag sich sehen lassen. Doch den Junioren steht eine harte Zeit bevor. Sie werden auch die Börse überzeugen müssen, wo Erich Sixt leichtes Spiel hatte. Vor zehn Jahren rollte er als Unbekannter den größten Vermietmarkt Vereinigten Staaten auf. Heute ist Nordamerika mit 100 Vermietstationen an allen wichtigen Punkten der zweitgrößte Umsatzbringer und wird nach der Pandemie zum wichtigsten Markt aufsteigen. Das schaffte Sixt mit Vorsicht, Behutsamkeit, Gelassenheit, Raffinesse und Chuzpe – wie er einst kess in Deutschland die Konkurrenz an die Wand spielte. Das müssen die Söhne erst noch bringen.

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