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Sinkende Militärausgaben : Staatsschuldenkrise trifft Rüstungsindustrie

Tödliches Bündel: Frisch produzierte Büchsenpatronen aus der BAE-Fabrik im englischen Crewe Bild: REUTERS

Erstmals seit dreizehn Jahren stagnieren auf der Welt die Militärausgaben. Die Verteidigungsminister in Europa und Amerika müssen sparen. China bleibt dagegen Rüstungs-Wachstumsmarkt.

          „Die Frage der Erschwinglichkeit ist für unsere Kunden an erste Stelle gerückt“, sagt Ian King, der Vorstandschef des größten europäischen Rüstungskonzerns BAE Systems. Bob Stevens, der Chief Executive Officer des Weltmarktführers Lockheed Martin warnt vor „verheerenden Auswirkungen“ weiterer Einsparungen im amerikanischen Militäretat. „Wir stellen das Unternehmen auf den Kopf“, sagt Stefan Zoller, der die Rüstungssparte Cassidian des europäischen Luftfahrtkonzerns EADS leitet. In den vergangenen zehn Jahren sind, vor allem wegen der langen und blutigen Kriege im Irak und in Afghanistan, die Rüstungsausgaben auf der ganzen Welt um gut 40 Prozent auf mehr als 1,7 Billionen Dollar gestiegen. Jetzt zwingt die Staatsschuldenkrise die Regierungen zum Sparen.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Neue Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri zeigen, dass die globalen Militärbudgets 2011 erstmals seit 13 Jahren praktisch stagnierten. Laut Sipri legten die Rüstungsausgaben im vergangenen Jahr nur um 0,3 Prozent zu. Sechs der zehn größten Militäretats der Welt schrumpften (siehe Grafik). In Euro-Krisenländern wie Spanien, Italien und Griechenland waren die Kürzungsraten laut Sipri zweistellig. Das trifft auch die deutsche Industrie. Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten und Russland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. „In den Vereinigten Staaten und in Europa werden wir sehr wahrscheinlich weitere Rückgänge sehen“, erwartet Sipri-Forscher Sam Perlo-Freeman. Zu groß sei der Druck, die staatlichen Haushaltsdefizite zu verringern. In Asien, Afrika und im Nahen Osten geben die Regierungen dagegen immer mehr Geld für Waffen aus.

          Auch Kooperationen sollen helfen

          Der Spardruck der Verteidigungsminister in Washington, London, Paris und Berlin zwingt die Rüstungsriesen zu Kürzungen. Allein die beiden größten Waffenhersteller der Welt haben in den vergangenen beiden Jahren zusammen fast 40.000 Arbeitsplätze gestrichen: Der amerikanische Lockheed-Martin-Konzern, der unter anderem den Tarnkappen-Kampfjet F-35 baut, sparte rund 20.000 Stellen ein. Damit musste fast jeder sechste Mitarbeiter gehen. Die britische BAE Systems hat den Abbau von insgesamt rund 18.000 Jobs angekündigt. Der größte industrielle Arbeitgeber in Großbritannien ist maßgeblich am europäischen Kampfflugzeug Eurofighter beteiligt und stellt wie Lockheed auch Schiffe, Panzer und elektronische Ausrüstung für die Militärs her.

          Trotz eines Rückgangs um 1,2 Prozent waren die Vereinigten Staaten auch 2011 deutlicher Spitzenreiter bei den Rüstungsausgaben Bilderstrecke

          Auch im Münchner Vorort Unterschleißheim wächst der Kostendruck. Dort steht die Cassidian-Zentrale, von wo aus EADS sein Rüstungsgeschäft lenkt. In der Verwaltung will Cassidian 900 Arbeitsplätze abbauen und Cassidian-Chef Zoller sieht noch mehr Bedarf für Einsparungen: „Es wird weitere Programme geben“, kündigte der EADS-Vorstand vor zwei Wochen an. Auch Kooperationen sollen helfen. Im Januar hat Cassidian angekündigt, seinen Geschäftsbereich für unbemannte Flugzeuge (Drohnen) mit dem des größten deutschen Waffenherstellers Rheinmetall zusammenzulegen. Cassidian hatte zuvor jahrelang erfolglos versucht, Europas Militärs zum Kauf seiner Aufklärungsdrohne Talarion zu bewegen.

          Sicherung des Zugangs zu Bodenschätzen

          Das große Geschäft lockt die Rüstungskonzerne aber längst anderswo. In Asien, im Nahen Osten und Südamerika schwellen die Militärbudgets weiter an. „Die Neuverteilung von militärischer Macht und Verteidigungsausgaben setzt sich fort“, sagt der Militärexperte John Chipham vom Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) in London. Im vergangenen Jahr sorgte die geplante Lieferung von 200 deutschen Leopard-Kampfpanzern an Saudi-Arabien für Wirbel.

          Das von der Bundesregierung bereits abgenickte Geschäft ist heiß umstritten: Sollen deutsche Waffenschmieden wie Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann wirklich das autoritäre Regime in Riad aufrüsten? Der französische Dassault-Konzern hat unterdessen die besten Chancen, seinen Kampfjet Rafale nach Indien verkaufen zu können. Der derzeit größte Rüstungsauftrag der Welt hat ein geschätztes Volumen von 20 Milliarden Dollar.

          Im wichtigsten Rüstungs-Wachstumsmarkt der Welt sind Europas Waffenschmieden allerdings bisher weitgehend außen vor. China deckt seine Einfuhren zu mehr als drei Vierteln aus Russland. Das Reich der Mitte hat in den vergangenen zehn Jahren seine Militärausgaben um 170 Prozent gesteigert. Der Branchendienst Jane’s Defence prognostiziert bis 2015 eine weitere Verdoppelung. Andere Länder in der Region ziehen nach. Ein wesentliches Motiv sei die Sicherung des Zugangs zu Bodenschätzen, sagt Analyst Paul Burton von Jane’s Defence: „Der Wettbewerb um Rohstoffreserven veranlasst viele Staaten dazu, ihre Verteidigungsbudgets aufzustocken.“

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