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Singapurer Staatsfonds : Temasek gibt sich eine neue Führung

Dilhan Pillay Sandrasegara soll im Oktober den Vorstandsvorsitz von Temasek übernehmen. Bild: Reuters

Ho Ching, Ehefrau des Singapurer Ministerpräsidenten, versucht noch einmal, die Führung des Staatsfonds abzugeben. Ihre Position ist nicht unumstritten. Anfang Oktober soll Dilhan Pillay Sandrasegara den Vorstandsvorsitz übernehmen.

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          Nach 16 Jahren unter der Führung von Ho Ching bekommt der Singapurer Staatsfonds Temasek Holdings eine neue Spitze. Die Ehefrau des Singapurer Ministerpräsidenten Lee Hsien Loong wird die Anlagegesellschaft, die sich selber als „Investment-Firma im Staatsbesitz Singapurs“ bezeichnet, am 1. Oktober verlassen. Am selben Tag wird ihr Dilhan Pillay Sandrasegara als Vorstandsvorsitzender folgen. Der Jurist steht seit einem Jahrzehnt in Diensten Temaseks, unter anderem als Leiter von dessen Amerika-Geschäfts. Seit dem vorvergangenen Jahr führt der 57-jährige Temasek International und wird diese Rolle auch als Vorstandschef weiter ausführen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Sein Volumen beziffert Temasek selber auf „mehr als 300 Milliarden Singapur Dollar“. Die Analysten von Global SWF erklären, mit 2,3 Milliarden Dollar Investmentvolumen sei Temasek im vergangenen Jahr der global aktivste Finanzier in Technologie gewesen, gefolgt vom Singapurer Staatsfonds GIC, der 2,2 Milliarden Dollar in den Sektor pumpte. Unter anderem ist Temasek auch an der deutschen Biontec beteiligt, die gemeinsam mit Pfizer einen Corona-Impfstoff hervorgebracht hat.  

          Ho hatte keine einfachen Jahre an der Spitze. Die Tochter eines Geschäftsmanns wurde in frühen Jahren mit dem wichtigsten Stipendium des Stadtstaates ausgezeichnet. Ihre Karriere begann die Ingenieurin zunächst bei der Armee, wo sie auch den Sohn von Singapurs Staatsgründer Lee Kuan Yew traf. Lee Hsien Loong brachte es bis zum Brigadegeneral. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heirateten die beiden. Hos erste Karriere wurde mit dem Posten als Chefin des staatlichen Rüstungskonzerns Singapore Technologies Group gekrönt. 2002 wechselte die Ehefrau des späteren Ministerpräsidenten als Direktorin zum Fonds, um zwei Jahre später dessen Führung zu übernehmen.

          Bei ihrer Berufung hatten Goh Chok Tong, der das Land damals führte, einen Blick auf das drohende Dilemma der Verwandtschaftsbeziehungen geworfen: „Das ist eine außergewöhnliche Familie. Sollten wir sie benachteiligen, weil sie verwandt miteinander sind? Das sind schwierige politische Fragen.“ In einem ihrer ganz seltenen Interviews erklärte „Madam Ho“ 2002, ihre Familie lebe ein ganz normales Leben, und sie selber tausche durchaus die Glühbirnen zu Hause aus. 

          Kontroverse um Hos Gehalt

          Doch galt die Position von Ho, die immer zu den einflussreichsten Frauen der Welt gezählt wurde, von Beginn an als eine politische. 2006 trug Temaseks Engagement im thailändischen Telefonkonzern Shin Corp. zu Aufruhr im Nachbarland und dem folgenden Sturz des demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra bei, dessen Familie Shin führte. Spätestens danach brach im straff geführten Stadtstaat immer wieder die Debatte über Hos Unabhängigkeit, ihr Führungstalent und ihr – nie ausgewiesenes – Gehalt aus.

          Im Herbst 2009 plante sie schon einmal, ihre Rolle aufzugeben. Es galt als ausgemacht, dass ihr der global erfahrene Bodenschatzmanager und frühere Chef des Rohstoffriesen BHP, Charles „Chip" Goodyear, folgen werde. Der aber verließ Temasek völlig überraschend nach einem halben Jahr  – Ho blieb, und die Sprachregelung lief auf „strategische Differenzen“ hinaus. Temasek selber erklärte am Dienstag, die 67-jährige sei „in der Tat über die Jahre sehr aktiv bei der Suche nach potentiellen Nachfolgern innerhalb wie außerhalb Temaseks“ gewesen.  

          Im vergangenen Jahr wandte sich die Regierung deutlich gegen Gerüchte aus Taiwan, Ho verdiene im Jahr „rund 100 Millionen Singapur Dollar“. Sie zähle nicht zu den „fünf Spitzenverdienern“ Temaseks, erklärte die Holding. Kenner des immer noch sehr verschlossen handelnden Unternehmens betonen, Ho habe Temasek widerstandsfähiger gemacht, es sauber durch die Großkrisen der vergangenen Jahre gesteuert und eine Institution von Weltklasse aufgebaut. „Sie kann ziemlich hart sein, und sie ist es“, hatte Goh in früheren Jahren über Ho gesagt.  

          Im vergangenen Jahr sank der Portfoliowert von Temasek erstmals seit 2016 wieder. Im Geschäftsjahr (31. März) fiel er von 316 auf 303 Milliarden Singapur Dollar (188,61 Milliarden Euro). Als Ho 2004 die Führung von Temasek übernahm, hatte das Volumen von Temasek bei nur 90 Milliarden Singapur Dollar gelegen. In jenen Jahren erklärte sie: „Wir müssen uns von einem Volkswagen zu einem Rennwagen der Formel-1 ändern, um mit den Besten der Welt mitzuhalten.“

          Erst einmal aber lagen die Investitionen in China, das nun einen Anteil von 29 Prozent ausmacht, über denjenigen im Heimatmarkt Singapur mit 24 Prozent. Die Holding bündelt Anteile an allen wichtigen Konzernen Singapurs, unter anderem der Fluggesellschaft Singapore Airlines, der Bank DBS und Singtel, aber auch am Singapurer Zoo. GIC und Temasek sowie die Notenbank überwiesen allein 2019 rund 17 Milliarden Singapur Dollar (net investment returns contribution, NIRC) an die Regierung.  

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