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Nach Flugzeugabstürzen : Singapur und Australien sperren Luftraum für Boeing 737 Max

  • Aktualisiert am

Eine Boeing 737 Max 8 (im Hintergrund) auf dem Changi Flughafen in Singapur Bild: Reuters

Nach China, Indonesien und Äthiopien verbieten jetzt auch Singapur und Australien den Einsatz von Boeing-Maschinen – nicht nur des von den Abstürzen betroffenen Typs „Max 8“. Tui lässt seine Jets weiter fliegen.

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          Nach den beiden Abstürzen im Herbst in Indonesien und vergangenen Sonntag in Äthiopien wachsen die Probleme für Boeing weiter: Die amerikanische Luftaufsicht FAA verlangt Änderungen an der Boeing 737 Max 8 bis April. Die Singapurer Luftaufsicht CAAS setzte am Dienstag ab 14 Uhr Ortszeit alle Starts und Landungen der betroffenen Boeing 737 Max „in all ihren Varianten“ auf unbestimmten Zeit aus. Sie wollen „das Sicherheitsrisiko überprüfen, das mit einem fortgesetzten Betrieb der Boeing 737 Max nach und von Singapur verbunden ist“. 

          Auch Australien hat alle Maschinen vom Typ 737 Max aus seinem Luftraum verbannt. Es handele sich um eine „vorübergehende“ Maßnahme, bis weitere Informationen über die Sicherheitsrisiken verfügbar seien, erklärte die Flugaufsichtsbehörde CASA am Dienstag. Die Behörde bedauere die Unannehmlichkeiten für die Passagiere, erklärte deren Chef Shane Carmody. Es sei jedoch wichtig, „die Sicherheit an die erste Stelle zu setzen“.

          Die indische Luftfahrbehörde DGCA hat indes eine Flugerfahrung von mindestens 1000 Stunden für Piloten des Flugzeugtyps vorgeschrieben. Co-Piloten müssten mindestens 500 Stunden Flugerfahrung vorweisen, teilte die DGCA mit. Dies sei eine vorläufige Sicherheitsmaßnahme, die Dienstagmittag in Kraft trete und für alle Flüge im indischen Luftraum gelte. Diese sowie neue Vorgaben zur Wartung der Maschinen seien Boeing und der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA mitgeteilt worden.

          Tui: Keine Notwendigkeit für Startverbot

          Auch die Singapurer Luftaufsicht steht nach eigenen Angaben in engem Austausch mit der FAA. Diese hatte die 737 Max 8 zwar über Nacht für flugtauglich erklärt, zugleich von Boeing aber eine Reihe von Verbesserungen bei Software und am umstrittenen Flugkontrollsystem MCAS gefordert, das in Verdacht steht, zumindest in Indonesien die Absturzursache zu sein. Der Flughafen Changi des Stadtstaates gilt als einer der besten Flugplätze weltweit. Die ebenfalls staatliche Singapore Airlines und ihre Tochterunternehmen sind Großkunden von Boeing. Der Hersteller selber kündigte inzwischen ebenfalls an, nun ein neues Softwarepaket freizugeben. Die beiden Abstürze forderten 338 Menschenleben.

          Der Bann der Boeing-Flugzeuge betrifft die Tochtergesellschaft von Singapore Airlines, die Regionalfluggesellschaft Silk Air – sie betreibt sechs Maschinen des Typs. Am Montag hatte Silk Air selber noch erklärt, die Lage im Auge zu behalten, aber ihre Maschinen weiterfliegen zu wollen. Hinzu kommen nun noch China Southern Airlines, Garuda Indonesia, die chinesische Shandong Airlines und Thai Lion Air, ein Schwesterunternehmen der indonesischen Lion Air, deren Boeing 737 im Oktober in Jakarta abstürzte.

          Gestützt auf die Empfehlungen FAA lässt der Tui-Konzern aus Hannover jedoch seine 15 Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max 8 weiter fliegen. Der Reisekonzern sieht derzeit keine Notwendigkeit für ein Startverbot. „Das Flugzeug ist ja von den amerikanischen Behörden als vollkommen sicher und zuverlässig eingestuft worden – das ist wie der Stempel vom Tüv“, sagte Tuifly-Sprecher Aage Dünhaupt am Dienstag. Es gebe aber bereits Anfragen besorgter Passagiere, die Flüge mit diesem Flugzeugtyp vermeiden wollten.

          Großbestellungen stehen auf der Kippe

          Zur Flotte des weltgrößten Reisekonzerns Tui gehören 15 Jets dieses Typs, die in Großbritannien und den Benelux-Staaten auf Strecken zu den Kanaren oder den Kapverden im Einsatz sind. In Deutschland steht die Einführung der jüngsten Version des Boeing-Verkaufsschlagers im April an. Bei bisher 6500 Flügen hätten die Tui-Piloten bisher keine Probleme gehabt, sagte der Sprecher. Der Konzern nehme die Ängste der Passagiere aber ernst. Sie könnten Flüge mit Maschinen des Typ Boeing Max 8 umbuchen, wenn es Alternativen gebe. Das sei aber nicht kostenfrei.

          Der zweite Absturz einer neuen Boeing 737 Max 8 binnen weniger Monate hat wachsende Zweifel an der Sicherheit des Flugzeugtyps aufkommen lassen. Aus Sicht der FAA ist es aber noch zu früh, um Konsequenzen zu ziehen. Boeing hat zudem eine rasche Erweiterung der umstrittenen Steuerungssoftware versprochen. Der Tui-Konzern steht nach eigenen Angaben mit dem US-Flugzeugbauer zur Bewertung der Situation in engem Kontakt.

          In Australien erklärte die zweite große Fluggesellschaft des Landes nun, ihre Großbestellungen bei Boeing in Frage zu stellen. Virgin Australia erwartete die erste Boeing 737 Max 8 im November. Insgesamt haben die Australier 30 Maschinen des Typs bestellt, der nun zweimal in fünf Monaten abgestürzt ist. Offiziell kostet eine Max 8 172 Millionen Australische Dollar (108 Millionen Euro).

          Der Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek, hat indes vor übereiltem Handeln gewarnt. Der CDU-Politiker sagte am Dienstag im rbb-Inforadio: „Man muss jetzt keine Schnellschüsse machen, wenn man noch gar nicht weiß, was die Ursachen für den Absturz gewesen sind.“ Die Gründe seien nicht immer ganz so einfach, wie sie vielleicht zunächst auf der Hand lägen. „Da kann man nicht direkt hingehen und Verbote erteilen. Am Ende braucht man doch ein Stück Beleg.“

          Flugschreiber und Flugrekorder seien gefunden worden. „Ich denke, es wird jetzt eine relativ kurze Zeitdauer sein, um herauszufinden, was da wirklich passiert ist.“ Am Sonntag war eine Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines in Äthiopien abgestürzt, 157 Menschen kamen ums Leben. Im Oktober waren beim Absturz einer baugleichen Maschine der Fluggesellschaft Lion Air in Indonesien 189 Menschen gestorben. 

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