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Silicon Valley : Der Hass auf Amerikas Reiche

Die Demonstranten fordern bezahlbares Wohnen in San Francisco. Bild: AP

Der Internet-Milliardär Tom Perkins klagt über den Protest gegen Amerikas Reiche. Woher kommt der Hass der Bevölkerung? Das erklärt die Geschichte vom Google-Bus.

          3 Min.

          Der amerikanische Milliardär Tom Perkins hat einen drastischen Vergleich gewählt. In einem Brief an das „Wall Street Journal“ beklagt er den aus seiner Sicht zunehmenden Hass auf Reiche und zieht Parallelen zur Judenverfolgung während der Nazi-Diktatur. Perkins warnt vor einer weiteren Radikalisierung und stellt sogar einen Bezug zur Reichspogromnacht her: „Die Kristallnacht war 1930 noch undenkbar. Ist es der ’fortschrittliche’ Radikalismus auch?“ Für diese Äußerung hat Perkins sich inzwischen entschuldigt, an seiner grundsätzlichen Argumentation hielt er aber fest.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wie es mit Nazi-Vergleichen so ist, verstellt die Empörung darüber oft den Blick auf die eigentliche Aussage. Doch auf die lohnt es sich in diesem Fall durchaus zu schauen. Denn Perkins ist als Investor im kalifornischen Silicon Valley bekannt geworden. Und gerade dort nimmt der zunehmende Hass auf die gut verdienenden Mitarbeiter der großen Technologieunternehmen immer krassere Formen an.

          Der Google-Bus als Symbol der Ungleichheit

          Woher dieser Hass kommt, lässt sich gut anhand des Google-Busses erzählen. Mit diesem Bus bringt Google jeden Morgen die Mitarbeiter, die in San Francisco wohnen, zu seiner Firmenzentrale in Mountain View. Und jeden Abend fährt es sie wieder zurück.

          Auch andere Silicon-Valley-Unternehmen wie Facebook, Apple, LinkedIn und Yahoo chauffieren ihre Mitarbeiter zur Arbeit und zurück. In Doppeldeckerbussen, mit bequemen Ledersitzen und kostenlosem W-Lan. Wer drin sitzt, hat Geld. Wer nicht, sorgt sich um seinen Aufstieg – obwohl die Aufstiegschancen in den Vereinigten Staaten heute aber nicht schlechter sind als vor 20 oder 30 Jahren (und auch nicht besser).

          Gerade in San Francisco, einer Stadt mit besonders vielen Obdachlosen, ist der Google-Bus deshalb zum Symbol für Ungleichheit geworden. Die Mitarbeiter trieben die Mieten und andere Lebenshaltungskosten in San Francisco nach oben, klagen die Einwohner. „Wenn mal ein Haus angeboten wird, tauchen Dutzende junger Leute mit Scheckbüchern auf“, schreibt die amerikanische Journalistin und Autorin Rebecca Solnit, die in San Francisco lebt. „Es gab Gerüchte, dass diese jungen Leute sich gegenseitig hochbieten, dass sie eine ganze Jahresmiete als Vorauszahlung anbieten, dass sie sehr viel mehr anbieten, als überhaupt gefordert ist. Diese Gerüchte wurden bestätigt.“

          Wer nicht genug verdient, wird aus der Wohnung geworfen

          Wer kein „Tech-Geek“ ist, wie die Mitarbeiter von Google, Facebook & Co. gerne genannt werden, und kein sechsstelliges Gehalt bekommt, kann da kaum mithalten. Schon gibt es Berichte, dass in San Francisco kaum noch Kellner und Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen wohnen. Dass kleine Läden schließen, die einst das Stadtbild prägten, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können – weder für ihr Geschäft, noch für ihre Wohnung. Wer nicht genug verdient, wird rausgeworfen. Damit die Wohnung teurer weitervermietet werden kann.

          All das brodelt in den Einwohnern San Franciscos. Und dieses Brodeln drängt seit kurzem immer stärker an die Oberfläche. Im Dezember stoppten Aktivisten gleich zwei Mal Busse von Google, hielten Transparente hoch, auf denen „San Francisco steht nicht zum Verkauf“ stand, oder „Stoppt die Zwangsräumungen jetzt“. Sie verteilten Flyer, auf denen sie forderten, die Unternehmen sollten eine Milliarde Dollar für bezahlbares Wohnen geben. Oder am besten gleich ganz verschwinden. Beim zweiten Mal warfen die Aktivisten sogar eine Scheibe des Busses ein. Die Proteste wurden organisiert von der Gruppe „Heart of the city“ („Das Herz der Stadt“).

          Schon sieht die Stadt sich genötigt, zu handeln. Denn die Google-Busse nutzen die öffentliche Infrastruktur der Stadtbusse, sie halten auch an den gleichen öffentlichen Haltestellen – bislang jedoch, ohne dafür zu bezahlen.

          Das städtische Nahverkehrs-Unternehmen San Francisco Municipal Transportation Agency schätzt, dass die privaten Shuttles der Technologieunternehmen jeden Tag an 4100 Haltestellen in der Stadt halten. Für jeden Bus sollen sie künftig pro Halt einen Dollar zahlen. Ein „Witz“, finden die Aktivisten.

          Google argumentiert, dass die Proteste sich das falsche Ziel ausgesucht hätten. Die Busse würden Staus verhindern und seien gut für die Umwelt. Außerdem würden die meisten Angestellten, die mit dem Bus fahren, ohnehin in San Francisco leben.

          Wie der britische „Guardian“ schreibt, weckt eine Studie der Universität Berkeley aber Zweifel an dieser Argumentation. Die Forscher errechneten, dass in der Bucht rund um San Francisco die Mieten rund um die Haltestellen von Google-Bussen 20 Prozent höher waren als in vergleichbaren anderen Gebieten. Sie fanden auch heraus: 30 bis 40 Prozent aller Mitarbeiter von Technologie-Unternehmen würden tatsächlich näher an ihren Arbeitsplatz ziehen, wenn es den Shuttle-Service nicht gäbe.

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