https://www.faz.net/-gqe-7oroc

Siemens und Alstom : Der ICE könnte französisch werden

Deutsch-französische Hochgeschwindigkeit: Links ein ICE von Siemens, rechts der TGV von Alstom Bild: Reuters

Jetzt greift auch Siemens nach dem Rivalen Alstom. Der Münchner Konzern macht eine noch bessere Offerte als der Rivale General Electric – und bietet den Franzosen nach F.A.Z.-Informationen einen weitreichenden Tausch von Geschäftsbereichen an. Teil des Pakets: Der Bau des ICE.

          4 Min.

          Noch am Ende vergangener Woche sah es so aus, als würde der amerikanische Mischkonzern General Electric (GE) die französische Industrieikone Alstom übernehmen. Doch wie sich am Sonntag abzeichnete, hat nun Siemens die besten Karten im Poker um das Unternehmen. Denn offenbar haben der GE-Vorstandsvorsitzende Jeff Immelt und Alstom-Chef Patrick Kron ihre Rechnung ohne die französische Regierung gemacht. Die zeigte sich verärgert über das eilige Vorgehen ohne Rücksprache mit der Politik – und sucht das Heil im Alstom-Erzrivalen Siemens. Der könnte als „Weißer Ritter“ auftreten und mit einem attraktiven Angebot einen Schulterschluss versuchen. Ein historischer Vorgang: Denn Siemens und Alstom sind seit Jahrzehnten große Widersacher.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die französische Regierung hat den Vorstoß von Alstom und GE am Sonntag abrupt gebremst. Sie will zunächst die Angebote von GE und Siemens in Ruhe prüfen, wie der französische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg mitteilte. Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser hat am Samstag einen Brief an Kron geschickt, der dieser Zeitung vorliegt, in dem er nicht nur „Gesprächsbereitschaft über strategische Fragen einer zukünftigen Zusammenarbeit“ signalisierte, sondern auch konkrete Angebote unterbreitete. Am Sonntag wollte der Verwaltungsrat des französischen Konzerns zusammentreten, um eigentlich den Verkauf an GE zu beschließen. Vergangenen Mittwoch sickerte durch, dass GE 9,5 Milliarden Euro für die Alstom-Übernahme biete.

          Besonders kritisch ging Montebourg auf den Versuch des Alstom-Vorstandschef Kron ein, das Übernahmeangebot von GE zunächst ohne Verständigung der Regierung rasch voranzutreiben: „GE und Alstom verfolgen den Zeitplan der Aktionäre, der französischen Regierung aber geht es um die wirtschaftliche Souveränität“, sagte Montebourg. Er erinnerte daran, dass Alstom stark von Staatsaufträgen und staatlicher Exportunterstützung lebe. Daher sollte der Alstom-Verwaltungsrat alle Vorschläge prüfen, auch die Siemens-Offerte. Am Sonntag wollte sich der GE-Chef mit Montebourg treffen. Der Termin wurde abgesagt.

          Die Siemens-Offerte übersteigt das Angebot von GE

          Siemens-Chef Kaeser lockt nun in dem Brief mit einer Offerte, die das GE-Angebot übersteigt. Es soll einen Aktiva-Tausch geben. Die Deutschen übernehmen das größere Energiegeschäft mit Turbinen für Kraftwerke und die Netzwerktechnik, die zusammen für 70 Prozent des Alstom-Umsatzes stehen. Allein dafür setzen sie einen Unternehmenswert von 10 bis 11 Milliarden Euro an. Im Gegenzug erhielte Alstom die Aktivitäten in der Verkehrstechnik von Siemens mit den Hochgeschwindigkeitszügen ICE, den Lokomotiven und den Nahverkehrszügen.

          Siemens sei zudem bereit, den Sitz mit globaler Verantwortung für das Geschäft mit Dampfturbinen nach Frankreich zu verlegen. Auch im Bereich der Netze zur Energieverteilung sollten Entscheidungszentren nach Frankreich kommen. Wichtig ist zudem, dass der deutsche Konzern den Beschäftigten in Frankreich für drei Jahre eine Arbeitsplatzgarantie gibt und Unternehmensteile nicht veräußern will. Kaeser hatte dem Brief zufolge schon am Freitag mit Kron telefoniert. Gedanken über eine enge Zusammenarbeit tauschten beide bereits am 10. Februar während eines Treffens in Paris aus; womöglich mit der Vorahnung, es könnte ein Angebot für Alstom von unerwünschter Seite kommen. Kron allerdings soll das Ansinnen von Kaeser abgewiesen haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.