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Siemens : Tiefschläge belasten den Vorstand

Am Siemens-Standort Erlangen blickt man mit gemischten Gefühlen auf die Konzernzentrale in München Bild: dpa

Wenn Siemens bald Quartalszahlen vorlegt, werden keine guten Nachrichten erwartet. Die Konjunktur soll das Unternehmen weiterhin belasten, im Vorstand fehlt Harmonie. Und dann gibt es da noch Erlangen.

          8 Min.

          Siemens funktioniert in diesen Tagen so: An einem Mittwoch stimmt Peter Löscher in einem Gespräch mit einer Wirtschaftszeitung Molltöne an. Er sieht keinen Lichtblick am Konjunkturhimmel. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens verliert sich in eher unverbindlichen Aussagen, die aber dennoch ein ungutes Gefühl zur weiteren Entwicklung des Münchner Technologiekonzerns hinterlassen. Nur drei Tage später dann berichtet Joe Kaeser in einem anderen Gespräch etwas mehr aus dem Nähkästchen: Der Finanzchef zeichnet darin ein wahrlich düsteres Bild der aktuellen Ertragskraft von Siemens.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Carsten Knop

          Damit bereitet er die Investoren- und Analystengemeinde sehr viel konkreter auf den 2. Mai vor, den Tag, an dem die Zahlen für das zweite Quartal des Konzerns veröffentlicht werden. Es gilt - wieder einmal - erhebliche Sonderbelastungen zu verdauen. Schätzungen zufolge erreichen diese Belastungen eine hohe dreistellige Millionensumme.

          Diese Rollenverteilung zwischen Löscher und Kaeser ist inzwischen Normalität, und doch könnte sie ungewöhnlicher nicht sein. Manchmal mutet die Beziehung wie eine Hassliebe an. Es wirkt so, als ob neben dem Vorstandsvorsitzenden ein Schattenchef agiert. Und in diesem direkten Vergleich schneidet Löscher selten gut ab. Warum das so ist? Wo sich der Vorstandschef in Allgemeinplätzen übt, wird Kaeser in der Sache konkret und streut mit würzigen Bemerkungen Pfeffer und Salz in eine fade Suppe.

          Joe Kaeser und Peter Löscher: Manchmal mutet die Beziehung wie eine Hassliebe an

          Die Konstellation ist einmalig. Welcher Finanzchef stellt schon strategisch relevante Aussagen eines Vorstandsvorsitzenden derart in Frage, wie es Kaeser tut, wenn dieser unumwunden sagt, dass man das Ziel von 100 Milliarden Euro Umsatz gar nicht hätte kommunizieren dürfen?

          Von Siemens heißt es dazu auf Nachfrage, dass Löscher selbst sich zuletzt vor zwei Wochen zum 100-Milliarden-Ziel geäußert habe: „Das war und ist ein Sekundärziel. Es geht nie um Wachstum als Selbstzweck, sondern immer nur um kapitaleffizientes Wachstum.“ Darüber, so heißt es weiter, bestehe völliges Einvernehmen im gesamten Vorstand - und „selbstverständlich auch zwischen Herrn Kaeser und Herrn Löscher“. Das ist die eine, die offizielle Seite. Ihren nicht immer, aber auch auf offener Bühne ausgetragenen Schlagabtausch pflegen Vorstands- und Finanzchef gleichwohl seit Jahren.

          Und Kaeser wird dabei, wie unschwer zu beobachten ist, kesser. Daher werden ihm Ambitionen nachgesagt, Löscher im Fall eines Falles einmal beerben zu wollen. Diese Parolen wiederum dürften für Kaeser unerfreulich sein. „Wer sich zu sehr in den Vordergrund drängt, wird niemals seinen Chef ablösen können“, gibt der Vorstandsvorsitzende eines Tec-Dax-Unternehmens zu bedenken, der den einen oder anderen im Siemens-Vorstand kennt.

          Löschers Gefolgschaft zeige Auflösungserscheinungen

          Mittlerweile geht es im Siemens-Universum aber schon nicht mehr allein um Löscher und Kaeser. Fernab der Öffentlichkeit vollzieht sich eine weitere, für den Konzern ebenso bedenkliche Entwicklung: Wie selten zuvor sollen die Dissonanzen in der ohnehin recht inhomogenen Chefetage des zweitgrößten deutschen Konzerns nach Börsenwert zugenommen haben. Die Gefolgschaft von Löscher zeige Auflösungserscheinungen, heißt es. Vorstandsmitglieder gingen auf Distanz, weil sie den Kurs nicht mehr mitmachen wollten oder ihn schlicht nicht nachvollziehen könnten.

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