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In den nächsten zwei Jahren : Siemens streicht 1400 Stellen in Deutschland

Das Siemens-Logo vor der Konzernzentrale in München (Archivbild) Bild: AP

Um den Börsengang in der Energiesparte vorzubereiten, zieht Siemens die Kostenschraube an. Insgesamt sollen 2700 Stellen abgebaut werden. In Deutschland betrifft das wohl besonders zwei Standorte.

          Der Siemens-Konzern will abermals Arbeitsplätze im beträchtlichen Umfang in seiner Sparte Energietechnik abbauen, um auf die wegbrechenden Aufträge im Kraftwerksgeschäft zu reagieren und die operative Gesellschaft Gas and Power (GP) für den Börsengang im Herbst nächsten Jahres fit zu machen. Der Münchner Technologiekonzern teilte am späten Dienstagnachmittag kurz vor Börsenschluss mit, in den kommenden zwei Jahren insgesamt 2700 Stellen streichen zu wollen – davon 1400 in Deutschland. Der Vorstand von GP unter der Vorsitzenden Lisa Davis habe die Arbeitnehmervertreter von den Absichten unterrichtet. Betriebsbedingte Kündigungen sollen vermieden werden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Die Nachricht kommt nicht überraschend und wurde erwartet. Schon Anfang Mai hatte Siemens neue tiefe Einschnitte durchblicken lassen. Denn Vorstandschef Joe Kaeser kündigte mit der Bekanntgabe des Börsengangs von GP auch an, mit 1 Milliarde Euro nun doppelt so viel einsparen zu wollen als bislang geplant (F.A.Z. vom 9. Mai). Erst im Herbst vergangenen Jahres besiegelte das Unternehmen mit der Belegschaftsseite den Abbau von 6000 Stellen, davon 2900 in Deutschland, bis spätestens 2023. Es ist damit zu rechnen, dass vor allem die großen Standorte in Erlangen sowie Berlin davon betroffen sein werden. So sollen wohl knapp 500 Stellen im Schaltwerk in Berlin mit insgesamt 3000 Beschäftigten wegfallen. Zudem dürften Mitarbeiter in Zentral-, Verwaltungs- und Vertriebsfunktionen betroffen sein.

          War im ersten Programm das Kraftwerksgeschäft (vor allem Gasturbinen) betroffen, packt der Konzern nun die Aktivitäten mit dem Bau von Großprojekten an. Diese sind wegen der nachlassenden Nachfrage genauso unter einem erheblichen Wettbewerbs-, Preis- und Kostendruck in Mitleidenschaft gezogen. Überdies gibt es Eingriffe in der Stromübertragung. Denn die Märkte für Transformatoren und Schalttechnik litten genauso unter einem Überangebot und damit über zu hohe Kapazitäten, heißt es. Durch Kapazitätskürzungen sollen zusätzliche 200 Millionen Euro gespart werden; rund 100 Millionen Euro kommen durch die Umstellung in Service- und Vertriebsfunktionen in den Regionen, weitere 200 Millionen Euro durch Eingriffe in übergeordnete Unterstützungsfunktionen hinzu.

          Das Geschäft müsse in die Lage versetzt werden, selektiver im Markt zu agieren und eine Balance zwischen Volumen und Marge zu finden, begründete Siemens die neuen Einschnitte. Das ist eine klare Ansage, die schon weitgehend unabhängig und eigenverantwortlich operierende Gesellschaft für den Aktienmarkt zu trimmen. Mit einer operativen Umsatzrendite von 5,6 Prozent erreicht die Ertragskraft in diesem Geschäft gerade einmal die Hälfte des eigentlich vorgegebenen Wertes. Das ist viel zu wenig, um einen halbwegs attraktiven Börsenwert mit Kurspotential zu schaffen, damit sich Siemens in späteren Schritten womöglich von der Energietechnik trennen kann.

          Im Mai hatte Kaeser angekündigt, die angeschlagene und ertragsschwache Sparte GP mit 27 Milliarden Euro Umsatz und 88 000 Mitarbeitern aus dem Konzern abspalten und sie an die Siemens-Aktionäre verteilen zu wollen (Spin-Off). Spätestens im September 2020 soll sie an der Börse notiert werden. Schon im ersten Schritt will Siemens in die Minderheitsposition von weniger als 50 Prozent gehen. Neben dem Geschäft mit der konventionell befeuerten Stromerzeugung sowie -Übertragung sowie dem Öl- und Gas-Geschäft soll auch die Mehrheitsbeteiligung von 59 Prozent an dem deutsch-spanischen Windkraftanlagenbauer Siemens Gamesa eingebracht werden.

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