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Nach Stellenabbau : Die Salamitaktik von Siemens

Siemens steht vor einem radikalen Umbau Bild: Reuters

Vorstandschef Joe Kaeser kündigt einen weiteren Stellenabbau an. Insgesamt gehen nun mehr als 13.000 Arbeitsplätze verloren. Das soll es jetzt gewesen sein? Kaeser sagt ja. Die Vergangenheit hat einen schon anderes gelehrt. Eine Analyse.

          Nun ist sie also doch da - die Salamitaktik, von der Joe Kaeser vor einem Jahr noch nicht reden wollte. Stellenabbau-Ankündigung in Scheiben: jetzt 4500, im Februar 7800 und im vergangenen Oktober 1200 Stellen. Summasumarum 13.500 Arbeitsplätze, die auf dem Spiel stehen. Der Siemens-Vorstandsvorsitzende räumt und räumt auf. Das Ausmaß eines der größten Umbauten in der Unternehmenshistorie kommt immer mehr zum Vorschein, was Beleg für die im Wettbewerbsvergleich strukturellen Defizite mit  Innovationsschwächen und zum Teil am Markt vorbei entwickelten Produkten ist.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Von operativen Erfolgen fehlt jede Spur. Die Umsatzrenditen sinken weiter. Die Ergebnisse werden durch üppige Gewinne aus Verkäufen von Unternehmensteilen im Volumen von 3,2 Milliarden Euro getüncht. Da ist es nur eine schwache Begründung von Kaeser, das 2015 ein Übergangsjahr ist und die eigentlichen Resultate des Umbau 2016 zu sehen sein werden. Und es ist kein Trost, dass Konkurrenten wie Alstom oder ABB ebenfalls Probleme haben oder Erzrivale General Electric seinen Konzern nicht minder stark umwälzt. Siemens liegt noch weit davon entfernt, wieder aufzuholen, wie es das erklärte Ziel des Siemens-Chefs ist.

          Sicherlich fehlt ihm die Fortune für die Kärrnerarbeit, weil sich das wirtschaftliche Umfeld innerhalb eines Jahres insbesondere im Energiegeschäft dramatisch gewandelt hat und damit dem Konzernumbau Steine in den Weg gelegt werden. Eine Entschuldigung ist das  nicht. Immerhin weisen fünf von acht Divisionen im zweiten Quartal Ergebnisrückgänge auf. Hauptgrund für die zur Disposition stehenden 4500 Arbeitsplätze, davon allein 2200 Mitarbeiter im Inland, ist in  Versäumnissen zu sehen, die insbesondere in der Energietechnik, und dort im Kraftwerksgeschäft, offenbar geworden sind.

          In der Energie wurde der Trend hin zu kleineren, dezentralen Kraftwerken lange Zeit verschlafen. Man konzentrierte sich zu sehr auf die Entwicklung großer, effizienter und damit umweltfreundlicher Gas-Turbinen. Die werden in Europa nicht mehr verkauft. Mehr noch: Das sparsamste Kraftwerk in Europa im bayerischen Irsching soll sogar abgestellt werden. Folge des Irrsinns einer fehlgeleiteten Energiepolitik in Deutschland.

          Das Turbinengeschäft ist symptomatisch dafür, wie schwierig es dem Konzern fällt, wieder Anschluss zu finden. Die Probleme hatte Kaeser schon früher erkannt. Daher wurde schon im Oktober vergangenen Jahres der Abbau von 1200 Stellen im Bereich Power & Gas angekündigt. Der Druck wuchs, die Kosten zu senken, um die Wettbewerbskraft zu erhöhen. Das geschah, bevor der Ölpreis verfiel und die Investitionen in der öl- und gasverarbeitenden Industrie stark zurückgeführt wurden, damit auch das Geschäft, in dem sich Siemens nun mit dem teuren Erwerb des amerikanischen Ausrüsters Dresser-Rand sogar noch verstärken will.

          Siemens kämpft nicht nur im und  mit dem Markt, sondern auch mit sich selbst. Im Februar kündigte der Konzern den Abbau von 7800 Arbeitsplätzen an, davon nun 2900 statt eins geplanter 3300 im Inland. Diese Maßnahmen betreffen, anders als das jetzt beschlossene Programm, die Verwaltung. Wie Zahnräder greifen die beiden aber Programme ineinander. Denn das Wiedergewinnen der operativen Stärke setzt Schnelligkeit und Flexibilität voraus, um adäquat auf Marktveränderungen zu reagieren. Das aber ist Siemens seit langer Zeit abgegangen. Daher Kaesers Ansinnen, das Unternehmen zu verschlanken und  Hierarchiestrukturen herauszunehmen. Eine zu sehr deutschlandzentrierte Vertriebsorganisation eines Unternehmens, das 85 Prozent seines Umsatzes im Ausland bestreitet, muss marktnäher aufgestellt werden.

          Eine erschreckende Zahl lässt auf den inneren Zustand schließen: Rund 30 Prozent des Siemens-Umsatzes sind auf ertragsschwache Geschäfte entfallen. Den größten Teil (Umsatzanteil 20 Prozent) will Kaeser aus eigener Kraft hausintern wieder auf Vordermann bringen. Die Siemens-Belegschaft hätte nervlich und mental eine Tabula rasa mit dem Abstoßen kaum profitabler Geschäfte nicht verkraftet. Nur ein kleinerer Teil wird veräußert oder in Partnerschaften eingebracht.

          Immerhin sind die aus dieser Umstrukturierung resultierenden bedrohten Arbeitsplätze in der Zahl 4500 schon berücksichtigt. „Mit der Initiierung dieser Maßnahmen ist der strukturelle Umbau des Unternehmens in der Hauptsache abgeschlossen.“ Wieder einmal lehnt sich Joe Kaeser mit dieser Aussage weit aus dem Fenster. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass es immer wieder Überraschungen gab. Vor einem Jahr sprachen nur die wildesten Spekulationen davon, dass einmal Arbeitsplätze im jetzigen  Ausmaß bei Deutschlands Industrieikone verloren gehen würden.

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