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Siemens-Schmiergeldskandal : Zwei Großväter und ihre Egos

Aus hartem Holz geschnitzt: Gerhard Cromme Bild: AP

Zwei große alte deutsche Manager begegnen sich zu ihrer letzten großen Schlacht, gegeneinander: Heinrich von Pierer und Gerhard Cromme müssen ihre Altersweisheit unter Beweis stellen

          3 Min.

          Auf diesen Bildern haben Gerhard Cromme und Heinrich von Pierer sogar Ähnlichkeiten: Sympathisch-gewinnend lächeln sie in die Kameras, so wie sie es in zahlreichen Gesprächen mit Kunden, Politikern und Mitarbeitern gelernt haben. Beiden traut man aber auch zu, dass sie knallhart sein können. Zum Feind möchte man sich weder Cromme noch Pierer machen. Beide sind ergraut, längst auch Großväter; die Falten stehen ihnen gut. Selbst ihre beiden Brillen unterscheiden sich nicht wesentlich - aber wie die jeweiligen Augen die Welt durch diese Brillen sehen, könnte unterschiedlicher nicht sein: Zwei große alte deutsche Manager begegnen sich zu ihrer letzten großen Schlacht, gegeneinander.

          Carsten Knop
          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Es geht um die Bewältigung des Siemens-Schmiergeldskandals, in dessen Rahmen nicht weniger als 1,3 Milliarden Euro dubiose Zahlungen zum Teil an Diktatoren und Despoten geflossen sind. Das geschah unter Pierers Aufsicht, wobei es zur individuellen Schuldfrage höchst unterschiedliche Auffassungen gibt. Cromme gibt den Aufklärer, hat dabei schon viele Erfolge für sich verbucht. Doch jetzt, in der Frage eines Kompromisses zum Schadensersatz, den das Unternehmen von Pierer und anderen Ex-Vorständen verlangt, kommt es auf menschliches Geschick an. Das gilt für beide Seiten. Und da stehen sich zwei Manager-Egos im Weg, die es stets gewohnt waren, zu siegen.

          So wie sein Gegner ist der heute 68 Jahre alte, lange „Mr. Siemens“ genannte Franke Pierer uneinsichtig und seinen eigenen Prinzipien treu. Das gilt besonders für die zurückliegenden Wochen. Nach den ersten Vergleichen mit drei früheren Vorständen, die eine Signalwirkung haben sollten, klang für kurze Zeit Versöhnliches an: Er begrüße die Einigung, sagte Pierer damals nach langem Schweigen dieser Zeitung. Es sei ein Weg zur Gesamtlösung. Und ja, es gebe Gespräche zwischen beiden Seiten. Doch dann muss wieder die Eiszeit gekommen sein. Pierer hat sich offenbar wieder auf seine bisher eingenommene Position der Unnachgiebigkeit zurückgezogen. Von einem Aufeinanderzugehen scheint keine Rede mehr zu sein.

          Uneinsichtig und den eigenen Prinzipien treu: Heinrich von Pierer
          Uneinsichtig und den eigenen Prinzipien treu: Heinrich von Pierer : Bild: AP

          Vordergründig wird im Siemens-Konzern die Strategie der Deseskalation gefahren, was an der nun gesetzten Frist bis Mitte November zu erkennen ist. Einen späteren Termin, bis zu dem sich die Ex-Vorstände zu einem Vergleich erklären müssen, hätte der Aufsichtsrat mit Blick auf die Einladungsfrist zur Hauptversammlung Mitte Januar nicht mehr wählen können. Tatsächlich beharren die beiden Kontrahenten aber auf ihren Standpunkten. Pierer, der zwischen 1992 und 2005 Siemens-Chef war und danach für zwei Jahre den Aufsichtsrat des Konzerns führte, weist jede Schuld für die Korruptionsvorgänge in den Jahren 2003 bis 2006 von sich. Er hat irgendwann lediglich die „politische Vertantwortung“ übernommen. Und selbst wenn es zu einer Einigung und einem Vergleich kommen sollte, sieht sich Pierer, der heute als Berater seiner Pierer Consulting GmbH wieder aktiv ist, nicht als Alleinverantwortlicher.

          Cromme ist aus hartem Holz geschnitzt

          So ist auch sein Hinweis auf eine „Gesamtlösung“ zu verstehen. Doch Teil seiner Drohgebärde, sollte es tatsächlich zu einer Klage kommen, ist die Rolle seines Gegners Cromme. Der ist schließlich auch früher schon im Siemens-Aufsichtsrat und dort Mitglied des Prüfungsausschusses gewesen. Das heißt: Wenn es zu einer Verhandlung kommt, muss sich auch Cromme auf entsprechende Attacken einstellen. Damit würde eine neue Stufe einer unvermeidlichen, öffentlich ausgetragenen Schlammschlacht erreicht werden, die zwangsläufig mit einem Zivilverfahren verbunden wäre.

          Das wäre dann auch etwas Neues für Cromme, der in seinem Managerleben schon vergleichbar viel erlebt hat wie Pierer. Er ist als Krupp-Chef in Duisburg-Rheinhausen von aufgebrachten Stahlarbeitern mit Eiern beworfen worden - in der Sache hart und standfest, mit seinen ganzen 1,94 Metern Körpergröße. Denn der aus dem oldenburgischen Vechta stammende Sohn eines Studienrats für Latein und Griechisch ist aus hartem Holz geschnitzt: „Wenn Sie in Krisensituationen sind, müssen Sie mit beiden Beinen auf dem Boden stehen“, sagt Cromme.

          Pierer hat nichts mehr zu verlieren

          Er weiß auch, dass man nicht nur Freunde hat, wenn man in einer beruflichen Position sei wie er. Doch wäre es wohl auch zu eindimensional, dem promovierten Juristen vorzuwerfen, er wolle immer nur stur seinen Kopf durchsetzen. Und das ist in den kommenden Wochen der springende Punkt: „Es geht nicht immer nach dem Motto: So ist es, und so sei es, und da wird sich keinen Millimeter bewegt“, hat Cromme einmal über sich gesagt: „Ich bin zwar jemand, der genau weiß, was er will, der aber auch in der Lage ist, einen kleinen Haken zu schlagen.“ Den Beweis dafür muss er nun antreten.

          Gelingt den beiden doch noch ein Kompromiss, sollte Cromme, der im vergangenen Februar sein 66. Lebensjahr vollendet hat, auch den Vorwurf aushalten können, er hätte gegenüber Pierer härter sein sollen. Schließlich lässt er auch Bemerkungen an sich abprallen, sein Wechsel vom Vorstands- zum Aufsichtsratsvorsitz von Thyssen-Krupp sei nicht im Sinne des Corporate Governance Kodex gewesen. Schließlich gibt es für Cromme noch ein Leben nach Siemens: Seine erhoffte Berufung als Nachfolger von Berthold Beitz an der Spitze der Krupp-Stiftung. „Mr. Siemens“ hingegen hat nichts mehr zu verlieren.

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