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Siemens in Großbritannien : Im Auge des Brexit-Sturms

Joe Kaeser: Vorstandsvorsitzender von Siemens Bild: dpa

Der gesammelte Vorstand von Siemens reist nach London, um mit Politikern und großen Kunden über die Zeit nach dem Brexit-Referendum zu sprechen. Vorstandsvorsitzender Kaeser hat für Großbritannien eine wichtige Mitteilung im Gepäck.

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          Inmitten der sich zuspitzenden innenpolitischen Turbulenzen um den Brexit schlägt der gesamte Vorstand des Siemens-Konzerns unter Führung von Joe Kaeser in London bei einem Empfang des Unterhauses im britischen Parlament auf. 60 Personen sind geladen, neben dem Siemens-Spitzenmanagement und den Statthaltern in Großbritannien unter Jürgen Maier auch Politiker und wichtige Kunden des deutschen Technikkonzerns. Neben der konservativen Energieministerin Amber Rudd war eigentlich auch Premierminister David Cameron als Redner kurz nach der Ansprache von Joe Kaeser geplant.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Amber Rudd war da. David Cameron nicht. Er hat kurz vor seinem geplanten Eintreffen abgesagt. Denn der Premier hat nicht einmal zwei Stunden zuvor seinen Rücktritt schon an diesem Mittwoch angekündigt – und den Auszug aus Downing Street 10, dem Regierungssitz. Mittendrin in diesem Schmelztiegel befanden sich am späten Montagnachmittag Kaeser und seine sieben Kollegen aus dem Konzernvorstand. Der Vorstandschef versuchte es mit tröstlichen Worten und zitierte die Eagles aus ihrem Song „Hotel California“: Man könne auschecken, wann immer man wolle, aber man könne nie wirklich gehen. Großbritannien habe so viel zu Europa und zu dessen Kultur beigetragen. Und es werde auch in Zukunft in wichtigen Bereichen des europäischen Lebens einen Beitrag leisten. „Ich möchte, dass Großbritannien Teil eines großen Europas bleibt.“

          Bewusst wollte Kaeser und damit Siemens ein Statement abgeben, ein Bekenntnis zum Standort Großbritannien, einer der wichtigsten Länder des Konzerns, der auf der Insel 14.000 Menschen beschäftigt. Das Geschäft und die Aktivitäten würden langfristig weiter verfolgt, die von negativen Auswirkungen des Ausstiegs der Briten aus der EU nicht betroffen seien. „Der Brexit wird nicht unser Engagement hier mindern“ sagte Kaeser.

          Laufende Investitionen des Konzerns nicht in Frage gestellt

          Es ist nicht nur das turbulente Umfeld, dass den Besuch der Siemens-Spitze Montag zu etwas Besonderem gemacht hat. Kein anderes deutsches Unternehmen hat sich bislang mit seiner gesamten Spitze nach dem Ausgang des Volksentscheid pro Brexit am 23. Juni auf der Insel gezeigt und laut die Stimme erhoben. Schon lange vor dem Wahltermin hatte der Konzern die Destination Großbritannien für eine seiner routinemäßigen Workshops ausgesucht. Das sind Reisen, die der Vorstand in regelmäßigen Abständen in eine der zahlreichen, mittlerweile mehr als 200 Länder macht, die das Siemens-Universum umfasst. Bewusst wurde dieses Mal das Vereinigte Königreich für die dreitägige Reise mit Blick auf die monatelang emotional geführte Debatte um den Brexit ausgewählt, unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids. Der Empfang im House of Commons war von Siemens initiiert, eingeladen hatte offiziell ein Mitglied des Hauses.

          Kaeser betonte, den Prozess des Ausscheidens aus der EU transparent und mit einem klaren Plan umzusetzen. Das Vertrauen sei da, es dürfe nicht gefährdet werden. Vor allem aber dürften die Briten nicht überstürzt handeln. Laufende Investitionen des Konzerns seien nicht in Frage gestellt, betonte er. Damit widersprach der Konzernchef jüngsten missverständlichen Gerüchten, dass Siemens als Reaktion auf den Brexit seine Investitionen stoppe. Zu den derzeit 13 Fabriken kommt gerade eine vierzehnte in der englischen Hafenstadt Hull hinzu. Dort sollen 1000 Mitarbeiter bald Rotorblätter für Windkraftanlagen auf See (Offshore) produzieren.

          Siemens respektiere die Entscheidung der Briten. Und kurzfristig werde es keine unmittelbaren Auswirkungen auf das in Großbritannien gut etablierte Geschäft spüren, wiederholte Kaeser früher getroffene Aussagen. Es werde jedoch eine Periode mit großer Unsicherheit geben, die ganz generell die Beziehungen Großbritanniens mit der EU und anderen Handelspartnern betreffe. Je länger die Unsicherheit jedoch andauere, desto fraglicher würden neue Investitionen werden, desto schwieriger sei es, Wirtschaftswachstum zu generieren. Am Ende entschieden schließlich die Kunden über die Investitionen.

          Investitionsentscheidungen, so lässt Siemens durchblicken, könnten langfristig durch den Brexit beeinflusst werden, wenn es etwa Exporte von Großbritannien ins Ausland und damit auch in die EU betrifft. Das neue Werk in Hull könnte ein solches Beispiel sein. Ein Ausbau der Rotorblatt-Produktion, der für die nächsten Jahre als Option angedacht scheint, würde eher dem Export aus Großbritannien dienen. Der aber könnte beeinträchtigt werden, sollte sich Großbritannien zu sehr von der EU distanzieren. Daher plädierte Kaeser dafür, dass sich das Königreich trotz des beschlossenen Austritts so nah wie möglich am europäischen Binnenmarkt ausrichtet.

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