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Erneuerbare Energieträger : Siemens hat Ärger mit der Windkraft

Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee Bild: Paul Langrock/Zenit/laif

Das deutsch-spanische Unternehmen Siemens Gamesa macht Verlust. Die Schwierigkeiten häufen sich damit im Energiegeschäft des Münchner Konzerns. Was ist da los?

          Die Lage des größten Windkraftanlagen-Herstellers Siemens Gamesa Renewable hat sich zugespitzt. Der Anfang April fusionierte größte Anbieter der Welt hat im letzten Quartal des Geschäftsjahres 2016/2017 (30. September) einen Verlust erlitten. Die Gründe dafür, die das deutsch-spanische Gemeinschaftsunternehmen vorgibt, sind mit Wertberichtigungen auf Lagerbestände schwer zu durchschauen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Damit wird der ohnehin aufgestaute Ärger in der Siemens-Konzernzentrale noch zunehmen. Die Deutschen haben mit einem Anteil von 59 Prozent das Sagen und scheinen von den Schwierigkeiten überrumpelt worden zu sein. Zudem ist der Wert ihres Paketes als Folge des Kurseinbruchs binnen sechs Monaten um vier Milliarden Euro abgeschmolzen.

          11 Millionen Euro Verlust

          Am späten Freitagabend hat die an der Börse Madrid notierte Siemens Gamesa nach zweieinhalb Monaten eine weitere Korrektur der Gewinnprognose bekanntgegeben. Aus einer lapidaren Pflichtmitteilung ging hervor, dass das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) im gerade beendeten Geschäftsjahr nur noch 790 Millionen Euro erreichen werde. Ende Juli erst wurde das anvisierte Ebit schon auf 900 Millionen Euro nach unten korrigiert – gegenüber einem Proforma-Vergleichswert von 945 Millionen Euro im Vorjahr.

          Mit den aktualisierten Zahlen hat Siemens Gamesa im letzten Quartal somit einen Verlust von 11 Millionen Euro erlitten. Denn in den ersten neun Monaten meldete das Unternehmen noch einen operativen Gewinn von 801 Millionen Euro. Der Quartalsverlust dürfte sogar höher ausfallen, da in dem Wert noch nicht die Kaufpreisabschreibungen enthalten sind, die in den ersten neun Monaten 124 Millionen Euro ausmachten.

          Für die zugespitzte Lage müssen dieses Mal nicht spezifizierte Wertberichtigungen auf Lagerbestände in den Vereinigten Staaten und in Südafrika herhalten. Konkrete Angaben gibt es nicht; auch nicht, ob sich die Schwierigkeiten auf das Geschäft mit Windrädern an Land (Onshore) oder auf See (Offshore) beziehen. Ende Juli überraschte das Unternehmen schon mit einer empfindlichen Gewinnkorrektur und begründete diese unter anderem mit dem zum Erliegen gekommenen Geschäft mit Onshore-Windanlagen in Indien,wo der Markt zusammengebrochen war.

          Hausgemachte Probleme

          Hierfür ist der spanische Fusionspartner Gamesa verantwortlich gewesen. Gamesa ist Anbieter von Onshore-Anlagen, während Siemens Marktführer im Offshore-Bereich ist. Verschärfend kamen damals laue Umsätze in den Vereinigten Staaten und in Brasilien hinzu. Die Aufträge brachen im dritten Quartal um ein Fünftel ein. Die Umsatzprognose für das gesamte Jahr von bis zu 11,2 (Vorjahr 10,4) Milliarden Euro änderte Siemens Gamesa vergangenen Freitag mit der neuerlichen Korrektur nicht.

          Tatsächlich sind zum einen die schwierigen Marktbedingungen im Geschäft mit Windrädern angesichts neuer Ausschreibungsverfahren zu marktnahen Preisen, harten Wettbewerbs und Margendrucks Grund für die deutlich verschlechterte Lage. Doch dürften auch hausgemachte Schwierigkeiten eine Rolle spielen.

          Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser und der für Siemens Gamesa im Konzern-Vorstand zuständige Michael Sen hatten sich schon Anfang August verärgert über die Entwicklung bei dem Gemeinschaftsunternehmen geäußert. Offenkundig waren sie von der Entwicklung überrascht. Der Groll über den erst vor einem halben Jahr entstandenen neuen Windanlagen-Produzenten dürfte nun noch zunehmen. Auch wenn der frühere Siemens-Windkraft-Chef Markus Tacke die Tochtergesellschaft führt und die Kostenschraube schon angezogen worden ist, häufen sich die Schwierigkeiten bei der im spanischen Zamudo nahe Bilbao sitzenden Gesellschaft.

          Es ist gar vereinzelt der schwere Vorwurf zu vernehmen, dass die spanischen Partner im Vorfeld der ein Jahr dauernden Fusionsgespräche womöglich nicht mit offenen Karten gespielt haben könnten. Erst jetzt werde die Tragweite mancher früherer Fehlentscheidungen offenbar. Besonders das Ausmaß der großen Abhängigkeit vom zum Erliegen gekommenen Indien-Geschäft scheint wohl falsch eingeschätzt worden zu sein.

          Bezweifelt wird mittlerweile, dass das beschleunigte Heben der Verbundvorteile (Synergien) über 230 Millionen Euro in drei statt bislang geplanten vier Jahren ausreichen wird. Im August erst wurde eher beiläufig bekannt, dass das Unternehmen 600 Stellen in Dänemark abbauen wolle, wo die Keimzelle der Siemens-Windkraftaktivitäten sitzt. Der Druck auf Vorstandschef Markus Tacke, so wird erwartet, nimmt zu.

          Der Unmut in München nimmt allein schon deshalb zu, weil der Aktienkurs der im spanischen Aktienindex Ibex gehandelten Titel seit der Fusion Anfang April um 44 Prozent und so der Marktwert des Gemeinschaftsunternehmens von 15,3 auf 8,5 Milliarden Euro eingebrochen ist. Damit ist allein der Wert des Siemens-Anteils von neun auf nur noch fünf Milliarden Euro gesunken.

          Die Anspannung wächst auch deshalb, weil mittlerweile die Schwierigkeiten in der Energiesparte des Siemens-Konzerns im konventionellen und nun im erneuerbaren Bereich kulminieren. Die Kerngeschäfte, die 30 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen, steuern auf eine prekäre Situation zu. Neben Renewable bereitet die größte Division Stromerzeugung und Gas sowie Erdöl (Power and Gas, P&G) große Schwierigkeiten. Preisdruck, scharfer Wettbewerb, Überkapazitäten und Auftragsflaute machen P&G zu schaffen. Im Öl- und Gasgeschäft gibt es einen beträchtlichen Investitionsstau, besonders in Nordamerika. In der Stromerzeugung werden angesichts der Energiewende vor allem in Europa immer weniger Großkraftwerke gebaut. Für die stellt Siemens unter anderem Gasturbinen her. In dieser Division sind in den nächsten Wochen Hiobsbotschaften mit einem deutlichen Stellenabbau zu erwarten, deren Ausmaß Joe Kaeser nur ansatzweise schon im Sommer angedeutet hatte.

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