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Siemens : Kaeser bietet Klima-Aktivistin Neubauer Posten im Aufsichtsrat an

Ein Aktivist von Fridays For Future während einer Demonstration vor dem Verwaltungsgebäude von Siemens in Krefeld-Uerdingen Bild: EPA

Klima-Aktivisten ärgern sich über Siemens, weil das Münchener Unternehmen die Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien liefern will. Nun soll sie ein Posten für Luisa Neubauer trösten.

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          Das Anliegen muss einfach und simpel auf den Punkt gebracht werden. Und so hat sich die deutsche Sektion von Greta Thunbergs Klimaschutzbewegung Fridays for Future (FFF) die geplante riesige Kohlemine des indischen Rohstoffkonzerns Adani in Australien vorgenommen – und Siemens mit Joe Kaeser als Vorstandsvorsitzenden gleich mit. Siemens baut die äußerst umstrittene Mine nicht.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Aber das Unternehmen hat einen verbindlichen Vertrag unterschrieben, die Bahnstrecke vom Tage- und Untertagebergbau im Landesinneren bis zum Hafen mit Signal- und Zugsteuerungstechnik auszustatten. Ohne die könnte keine Kohle transportiert werden, sogar das gesamte Projekt scheitern. Doch soweit wird es wohl nicht kommen.

          Nach einem Gespräch mit Luisa Neubauer, einer der besonders exponierten Vertreterinnen der deutschen FFF-Bewegung, hat Kaeser am Freitag in Berlin eine eigentlich erwartete Entscheidung, ob der Vertrag erfüllt wird, auf Montag vertagt. Das Treffen mit Neubauer wurde von FFF-Demonstrationen an deutschen Siemens-Standorten etwa vor der Konzernzentrale in München, in Erlangen oder Erfurt begleitet. „Wir werden zügig entscheiden, wie wir mit dieser konfliktären Interessenlage umgehen“, sagte Kaeser.

          Sitz im Aufsichtsrat für Neubauer

          Es gebe unterschiedliche Interessen von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft, beschrieb er den Konflikt. Er mahnte aber auch an das eigene Haus gerichtet: „Siemens muss früher erkennen, wenn sich der Konzern an kritischen Projekten beteiligt.“ Er deutete damit einen neuen Verhaltenskodex an.

          Die Konzernchef holte zu einem marketingtechnisch cleveren Gegenschlag als Antwort auf die nicht enden wollende Kritik der Klimaschützer in den vergangenen Tagen aus: Er habe Neubauer einen Sitz im Aufsichtsrat der ausgegründeten und im September an die Börse gehenden Energietochtergesellschaft Siemens Energy angeboten. „Ich möchte, dass die Jugend sich aktiv beteiligen kann.“ Er unterstütze Fridays for Future, unterstrich er seinen Respekt. Luisa Neubauer äußerste sich bis Redaktionsschluss nicht konkret zum Treffen.

          Zum einen hat Siemens damit signalisiert, auf die Anliegen der Klimaschützer zuzugehen. Andererseits aber könnte die am Montag bekannt gegebene, sehr grundsätzliche Entscheidung für die Erfüllung des Auftrages durch das gravierende Motiv getragen sein, dass das Unternehmen im Fall eines Vertragsbruchs gegenüber Kunden als nicht mehr vertrauenswürdig und zuverlässig gelten würde. Der Reputationsschaden könnte unmittelbar wirtschaftliche Folgen mit dem Ausbleiben von Aufträgen haben; einmal abgesehen von wahrscheinlichen jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen mit Adani und hohen Vertragsstrafen. Das alles wird nun übers Wochenende geprüft.

          Kohlehafen direkt vor dem Barrier Reef

          Die Adani-Mine, eine der größten Kohlebergbauprojekte der Welt, steht wegen der monatelangen katastrophalen Feuer im Osten und Südosten Australiens derzeit besonders im Fokus. Für die Bewegung ist es also einfach, öffentlichkeitswirksam das Thema aufzurollen anstatt auf die wesentlich komplexeren, damit auch schwerer zu vermittelnden Strukturen hinzuweisen: Siemens ist nämlich mit seiner Energietechnik auch einer der großen Anbieter von Gas- und Dampfturbinen für fossil befeuerte Gas- und Kohlekraftwerke sowie für die Ölindustrie mit Milliardenumsätzen – neben der Windenergie als weiteres Element im Produktportfolio.

          Hauptmärkte sind unter anderem China und Indien. Damit böte der Konzern eigentlich eine wesentlich größere Angriffsfläche. Allerdings stehen die Deutschen nicht alleine. Die Konkurrenten kommen aus Frankreich (Alstom), den Vereinigten Staaten (General Electric) oder Japan (Mitsubishi).

          Am 11. Dezember hatte der Konzern den Auftrag gewonnen, ein modernes Signaltechnik-System für die rund 200 Kilometer lange Bahnlinie zwischen der riesigen Kohlemine Carmichael des indischen Adani-Konzerns zur Küste auszurüsten. Dem Kohlehafen ist das von der Unesco als Weltnaturerbe geschützte, bereits beschädigte und höchst gefährdete Barrier Reef vorgelagert. Seit Bekanntwerden der Pläne zum Bau der Mine gibt es Proteste, die bislang durch die kohlefreundliche Politik der australischen Regierung unter Ministerpräsident Scott Morrison abgeschmettert worden sind.

          Doch im Dezember griffen Umwelt- und Klimaschützer mit Bekanntwerden der Auftragsvergabe die Deutschen scharf an. Unter Druck geraten, reagierte der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser am 15. Dezember mit einem Tweet, und kündigte an, die Entscheidung zeitnah prüfen zu wollen. „Sie verdienen eine Antwort“, schrieb er. Er sei sich zuvor der Sorgen so nicht bewusst gewesen.

          Ersatz dürfte schwer zu finden sein

          Mit einem Auftragsvolumen von gerade einmal 31 Millionen australischen Dollar oder umgerechnet 19 Millionen Euro hatte der Auftrag keine sehr große Bedeutung, schon gar nicht musste er von der Konzernzentrale am Münchner Wittelsbacher Platz abgesegnet werden. Hinter den Kulissen ist jedoch zu vernehmen, dass man mit dem Abschluss der Kollegen vor Ort in Australien ziemlich unglücklich gewesen ist. Denn zu jenem Zeitpunkt, so heißt es, musste jedem schon die Sensibilität bewusst gewesen sein.

          Den Konkurrenten von Siemens jedenfalls war die Lage klar. Alstom und Hitachi hatten eine Beteiligung an der rufschädigenden Kohleförderung abgelehnt. Siemens, heißt es in Australien, sei der einzige verbliebene Hersteller, der Adani noch beliefern wolle. Ersatz dürfte schwer zu finden sein. Fehlende Signaltechnik bedeutet: kein Transport, keine Kohleförderung.

          Siemens sei „Ziel Nummer eins“ der Kampagne „Galilee Blockade“, die die Mine verhindern will, sagt deren Sprecher Ben Pennings. Die australische Aktivisten-Gruppe Market Forces will Opfer der Brände, die etwa ihre Häuser verloren haben, zur Siemens-Hauptversammlung am 5. Februar fliegen. Dort könnten sie Kaeser angreifen, sollte er tatsächlich vom Auftrag nicht abrücken. Viele Banken, Investoren und Versicherungen haben über die Jahre eine Zusammenarbeit mit der Kohleindustrie im Allgemeinen und Adani im Besonderen abgelehnt. Das könnte Siemens weiter unter Druck setzen.

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