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Erster Verlust seit 2010 : Siemens leidet unter seinen Altlasten

  • -Aktualisiert am

Roland Busch, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, während der virtuellen Hauptversammlung Bild: dpa

Eine Milliardenabschreibung auf die Beteiligung an Siemens Energy drückt den Gewinn. Auch der Rückzug aus Russland belastet den Industriekonzern abermals. Die Herausforderungen nehmen zu.

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          Eigentlich gehen die Siemens AG und die ehemalige Tochtergesellschaft Siemens Energy seit deren Börsengang im Herbst 2020 getrennte Wege. Eigentlich. Denn der Anteil von 35 Prozent, den der Dax-Konzern weiter an dem Energietechnikunternehmen hält, hat Siemens nun erstmals in zwölf Jahren einen Quartalsverlust eingebrockt: In den Monaten April bis Juni verbuchte der Industriekonzern unterm Strich ein Minus von 1,5 Milliarden Euro nach einem Nettogewinn in vergleichbarer Höhe im Vorjahreszeitraum. Auch die Jahresziele wurden deshalb angepasst.

          Ilka Kopplin
          Wirtschaftskorrespondentin in München.

          2,7 Milliarden Euro hat Siemens wegen der schwachen Entwicklung an der Börse auf das Aktienpaket abschreiben müssen. Das hatte Siemens schon Ende Juni in einer Pflichtmitteilung angekündigt – auch dass man die Prognose mit den am Donnerstag vorgelegten Zahlen für das dritte Quartal überprüfen werde. Siemens Energy hat seit längerem mit hausgemachten sowie branchenweiten Problemen zu kämpfen, was den Aktienkurs belastet.

          Hinzu kam im vergangenen Quartal der Rückzug aus Russland, der vor allem die Zugtechnik-Sparte Mobility betrifft, und abermals den Gewinn drückte – allein im dritten Quartal um knapp 600 Millionen Euro. Insgesamt hat der Ausstieg bislang rund 1,1 Milliarden Euro gekostet, hieß es am Donnerstag. Für das Leasing-Geschäft wird noch nach einer Lösung gesucht. Es könnten noch einmal Belastungen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich folgen.

          Busch sieht sich mit Portfolio gut aufgestellt

          „Es war kein einfaches Quartal, aber wir haben die Herausforderungen gemeistert“, sagte dennoch Siemens-Vorstandsvorsitzender Roland Busch in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Für die großen Trends Digitalisierung und Nachhaltigkeit sei man mit dem eigenen Portfolio weiter richtig aufgestellt, zeigte sich der Manager überzeugt. An der Börse lag der Siemens-Aktienkurs am Morgen in einem positiven Markt zunächst im Minus, drehte später jedoch ins Plus.

          Operativ lief es im dritten Quartal hingegen trotz zunehmender Schwierigkeiten und Unsicherheiten gut. Die konzernweiten Erlöse wuchsen auf vergleichbarer Basis um 4 Prozent auf knapp 18 Milliarden Euro, der Auftragseingang stieg um 1 Prozent auf 22 Milliarden Euro. „Unser Auftragsbestand erreichte mit 99 Milliarden Euro erneut einen Rekord – und er hat eine hohe Qualität“, sagte Busch.

          Vor allem in den beiden Sparten Industrie-Automatisierung und Infrastruktur-Technik liefen die Geschäfte demnach gut. Dazu zählen beispielsweise die Automatisierung von Fabriken oder auch die Ausstattung von Rechenzentren. Das Ergebnis im Industriegeschäft wuchs denn auch um 27 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Darin ist schon der Erlös von 739 Millionen Euro aus dem Verkauf des Verkehrstechnikanbieters Yunex enthalten. Die Marge verbesserte sich auf 17 Prozent nach 14,9 Prozent im Vorjahresquartal. „Das zeigt: Wir haben das richtige Angebot und die richtige Strategie, um selbst in unsicheren Zeiten erfolgreich zu sein“, sagte Busch.

          Trotz voller Auftragsbücher bekommt auch Siemens zunehmend Lieferengpässe wichtiger Komponenten und steigende Einkaufskosten zu spüren, die der Konzern mit erhöhten Preisen auffangen will. Außerdem soll diszipliniert auf die eigenen Kosten geschaut werden, kündigte das Management an. Krankheitsbedingte Produktionsausfälle wirkten sich ebenfalls aus.

          Maßnahmenkatalog in der Schublade

          Das Management bereitet sich deswegen auf unruhigere Zeiten vor. „Wir sind uns bewusst, dass wir uns auf einem sehr steilen Wachstumskurs bewegen – auch bereinigt um Preiserhöhungen“, sagte Finanzchef Ralf Thomas. Und weiter: „Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass sich so etwas sehr schnell ändern kann.“ Deswegen habe man sich Maßnahmen in die Schublade gelegt, um kurzfristig gegensteuern zu können. „Für die kommenden 12 bis 18 Monate arbeiten unsere Teams an verschiedenen Szenarien, um die Herausforderungen flexibel zu managen“, sagte auch Busch.

          In dem Zusammenhang habe man auch die Risiken eines möglichen Gas-Engpasses analysiert, für den Busch den Konzern gewappnet sieht. Erdgas verwende man lediglich in einigen nachgelagerten Produktionsbereichen, für die man vorbeugende Maßnahmen getroffen habe. „Derzeit sehen wir nur geringe direkte Auswirkungen auf unsere Fabriken, weil unsere Produktion nicht energieintensiv ist“.

          Für das Ende September auslaufende Geschäftsjahr erwartet Siemens angesichts der Abschreibungen nunmehr einen Gewinn je Aktie zwischen 5,33 Euro und 5,73 Euro – nach 8,32 Euro im Vorjahr. Bislang hatte der Dax-Konzern eine Spanne zwischen 8,70 Euro und 9,10 Euro je Anteilsschein erwartet. Die Differenz von 3,37 Euro je Aktie entspreche genau dem Wert der Abschreibung auf Siemens Energy, sagte Finanzchef Thomas. Derweil wird Siemens stärker vom Verkauf einiger Geschäftsbereiche, darunter die Brieflogistik-Sparte, profitieren als bislang erwartet. Thomas rechnet nunmehr damit, dass die Verkäufe 2,2 Milliarden Euro einbringen – und damit 700 Millionen Euro mehr als bislang gedacht.

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