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Siemens Energy : Mit Vollgas an den Zielen vorbei

Eine Windkraftanlage von Siemens Gamesa auf der spanischen Insel Gran Canaria Bild: Reuters

Der Chef von Siemens Energy lobt das amerikanische Programm zum Inflationsausgleich und sieht große Mängel in Europa. Das eigene Geschäft gerät dabei fast in den Hintergrund – aber nur fast.

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          Gerade erst sei er von der Weltklimakonferenz aus Ägypten zurückgekommen. „Wir sind auf der Autobahn mit Vollgas unterwegs, unsere Ziele zu verpassen“, sagte Christian Bruch, Vorstandsvorsitzender des Energietechnikkonzerns Siemens Energy , mit Blick auf die Erderwärmung. Beim Ausbau erneuerbarer Energien sei man viel zu langsam. Es werde zwar viel darüber diskutiert, die Genehmigungsverfahren zu verkürzen. „Wir hören es, wir sehen es nur noch nicht“, mahnte der Manager auf der Bilanzpressekonferenz des Dax-Konzerns am Mittwoch.

          Ilka Kopplin
          Wirtschaftskorrespondentin in München.

          Wer aus seiner Sicht verstanden hat, wie es besser und schneller geht, das seien die USA mit ihrem sogenannten Inflation Reduction Act, einem rund 370 Milliarden Dollar schweren Maßnahmenpaket für die Energiewende. „Das wird Investitionen von vielen Firmen in den USA nach sich ziehen. Ob auch von uns, das wird sich noch zeigen“, sagte Bruch. Und weiter: „Es ist eine absolut kritische Lage. In den nächsten zwölf bis 24 Monaten wird sich viel entscheiden“, sagte er. Man könne sich sicher darüber unterhalten, ob Amerika zu viel fördere und einen Subventionswettbewerb befeuere, aber dafür sei der Bedarf an erneuerbaren Energien seiner Ansicht nach überall viel zu groß.

          Was Amerika anders macht als Europa? „Die USA sind technologieoffen. Es wird nicht über grünen oder blauen Wasserstoff gesprochen, sondern über Wasserstoff“, nannte er ein Beispiel. Die Förderbedingungen seien einfach, jeder könne sie verstehen. „Es hat eine Woche gedauert, da haben erste Kunden gesagt, wir machen das Projekt nicht in Europa, sondern in den USA“, sagte Bruch. „Da kommt eine Welle, die die Chance hat, die USA wieder zu industrialisieren“, er hoffe, dass das auch in Europa gesehen werde. „Wenn wir unsere Industrie hier halten wollen, dann muss etwas passieren“, mahnte er.

          Nicht wundern, wenn die Windkraft nach China abwandert

          Freilich hat Siemens Energy als Anbieter von Windkraftanlagen, Produkten für den Netzausbau und die Netzanbindung sowie eines konventionellen Kraftwerksgeschäfts großes Interesse daran, dass sich die Dinge auch in Europa beschleunigen. Schließlich kommt der Wettbewerb gerade im Windkraftgeschäft an Land zunehmend auch aus China, wo Anbieter mit deutlich günstigeren Preisen in den Markt drängen. „Natürlich sehen wir den chinesischen Wettbewerb“, sagte er. „Wenn man immer nur auf den günstigsten Preis schaut, dann wird weder die europäische noch die amerikanische Industrie überleben können“, sagte er. Dann müsse man sich industriepolitisch nicht wundern, wenn die Windkraft in zehn Jahren nach China abgewandert sei – auch wenn Windturbinen nicht so trivial herzustellen seien wie Solarpaneele.

          Über das Geschäft des Energietechnikkonzerns hatte Bruch wenig Positives zu berichten. „Das Jahr war für uns wirklich ein Jahr im perfekten Sturm – mit vielen Randbedingungen, die das Agieren im Wirtschaftsumfeld nicht immer einfach gemacht haben“, sagte er. Angespannte Lieferketten, die Abwicklung des Russlandgeschäfts und die Inflation hätten belastet. Der Umsatz sank um 2,5 Prozent auf 29 Milliarden Euro. Unterm Strich weitete sich der Verlust auf 647 Millionen Euro nach einem Minus von 560 Millionen Euro im Vorjahr aus. Das kam nicht überraschend, hatte Siemens Energy schon im Sommer abermals die Ziele senken müssen. Der Rückzug aus Russland belastete mit rund 200 Millionen Euro, positiv wirkte sich der Verkauf eines Windparks aus. Eine Dividende wird nicht gezahlt.

          Gamesa vor der vollständigen Übernahme

          Während das konventionelle Kraftwerksgeschäft abermals für gute Geschäfte sorgte, lag der Hauptgrund für die schwachen Ergebnisse im defizitären Geschäft der spanischen Windkrafttochtergesellschaft Gamesa. An ihr hält Energy zwei Drittel der Anteile und steckt derzeit mitten in der Komplettübernahme. Die Spanier hatten für das vergangene Jahr einen Verlust von knapp einer Milliarde Euro ausgewiesen. „Wir können nicht zufrieden sein mit der finanziellen Performance von Gamesa“, sagte Bruch. Es gebe viele Probleme, die auch den Wettbewerb beträfen, aber eben auch hausgemachte Hürden, die man „nicht entschieden genug“ angegangen sei. Bei Gamesa wurde mehrmals der Chef ausgetauscht, bevor in diesem Frühjahr der Restrukturierer Jochen Eickholt übernahm. Die Übernahme der restlichen rund 33 Prozent soll nun den vollen Zugriff sichern.

          Siemens Energy steckt demnach mitten in den Vorbereitungen, Gamesa zu integrieren, beispielsweise IT-, Finanz- und Einkaufsprozesse zu vereinheitlichen. Im ersten Schritt soll Gamesa von der spanischen Börse genommen werden, sofern Energy bis zum Ende der Annahmefrist am 13. Dezember über 75 Prozent des Gesamtkapitals verfügt. Bruch zeigte sich zuversichtlich, dass Siemens Energy 2024 wieder profitabel ist, Gamesa schreibt seiner Erwartung nach 2025 wieder schwarze Zahlen.

          Mit Blick auf das neue Geschäftsjahr erwartet Bruch weiterhin angespannte Lieferketten und Inflationssorgen, blickt allerdings angesichts eines Rekordauftragsbestand von mehr als 97 Milliarden Euro etwas zuversichtlicher aufs Geschäft. Der Umsatz soll zwischen 3 und 7 Prozent zulegen, der Verlust deutlich verringert werden. An der Börse zeigten sich Anleger überzeugt, der Kurs lag im Tagesverlauf gut 4 Prozent im Plus. Das neue Geschäftsjahr werde zwar ein Übergangsjahr sein, in dem bei Gamesa die Wende eingeleitet, der hohe Auftragsbestand abgearbeitet und die Bilanz gestärkt werde. „Nichts desto trotz sind die langfristigen Marktaussichten für Siemens Energy sehr gut“, sagte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment.

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