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Kommentar : Die Kritik an Siemens ist unfair und kurzsichtig

Proteste vor dem Siemens-Werk in Görlitz Bild: dpa

Die Sparpläne von Siemens hat Joe Kaeser nicht gut kommuniziert. Und es gibt noch ein paar andere Ungereimtheiten. Trotzdem: Es ist richtig, dass der Konzern in seine Zukunft investiert und nicht in die Vergangenheit.

          Der Oberbürgermeister von Görlitz irrt, wenn er sagt, dass ein Schließungsplan wie der von Siemens in einer Stadt wie Dortmund viel mehr Ärger machen würde als in seiner. Denn in der Stahlindustrie zum Beispiel werden in Dortmund schon lange nicht mehr viele Leute beschäftigt. Die Kohle ist weg, und in der einst zweitgrößten Bierstadt der Welt ist eine einzige Braustätte übrig geblieben. Wer sollte da noch laut protestieren? Die Wirtschaft steht auf einer breiteren Basis. Mehr als dreißig Jahre hat es gedauert, bis die Zahl der Beschäftigten in Dortmund wieder das einstige Niveau erreicht hat. Nur ein kleinerer Teil des Strukturwandels hätte vermieden werden können. Im Biergeschäft waren es Managementfehler, die zum Niedergang führten. Aber bei Kohle und Stahl?

          Zurück zu Siemens und zu Görlitz: An der Entscheidung, das Werk dort zu schließen, scheint gewiss vieles fragwürdig zu sein. Denn die größeren Schwierigkeiten hat eigentlich das Siemens-Werk in Mülheim an der Ruhr, das nun Arbeit aus Görlitz übernehmen soll. Die Ostdeutschen haben durchaus noch Aufträge aus der Industrie. Hinzu kommt die politische Stimmung in Ostdeutschland; da gießt Siemens Öl ins Feuer.

          Sparvorhaben wurden zu lange verheimlicht

          Andererseits ist der Standort in Görlitz ziemlich klein. Die Konsolidierung in der größeren Fabrik ist selbst mit wenig betriebswirtschaftlicher Phantasie leicht nachzuvollziehen. Erstaunlich ist auch, wie sehr Öffentlichkeit und Mitarbeiter von den – lange im Voraus erwarteten – Sanierungsplänen überrascht wurden. Es war klar, dass Siemens in der betroffenen Sparte Tausende Stellen würde abbauen müssen.

          Ärger bei Siemens: Tausende Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze.

          Wenn es aber konkret wird, ist alles anders. Und dafür muss sich der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser zu Recht kritisieren lassen: Er hätte zur Bekanntgabe der Sparvorhaben in Deutschland und nicht zu Besuch bei der Königin in England sein müssen. So durften Mitarbeiter und Öffentlichkeit zu lange darüber rätseln, warum ein Konzern, der 6,2 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern macht, zu so harten Maßnahmen in einer Sparte greifen muss, die noch nicht einmal unprofitabel ist. Es sind solche Zahlen, die den SPD-Bundesvorsitzenden Martin Schulz zu dem bösen Vorwurf greifen ließen, es handle sich um ein „asoziales“ Verhalten und um „Manchester-Kapitalismus“.

          Angriff ist die beste Verteidigung?

          Für Siemens, ein Unternehmen, das auf den Ausgleich mit der Gewerkschaft großen Wert legt und in Deutschland kräftig Steuern zahlt, ist die schlechte Stimmung Ausfluss der Tatsache, dass das Unternehmen ein Konglomerat ist. Eine solche Konzernstruktur hat den Sinn, dass sich eine schlechte Phase in einem Geschäft durch gute in anderen Sparten ausgleicht. Das ist auch hier der Fall; aber es heißt eben nicht, dass die anderen Bereiche eine Sparte dauerhaft subventionieren können, der wegen der rund um die Welt politisch gewollten Veränderung des Energiesektors keine großen Zukunftschancen mehr gegeben werden. Nach den Worten Kaesers sind in den vergangenen drei Jahren in Deutschland zwei große Gasturbinen bestellt worden. Das könnte dank einer rationaleren Energiepolitik zwar auch wieder anders werden. Aber die Hoffnung darauf ist vage, und alle Hersteller im Kraftwerksgeschäft haben Überkapazitäten. Will man wirklich aussitzen, bis sich der Markt konsolidiert hat, anstatt in Märkte mit erheblich mehr Wachstum und Beschäftigungschancen zu investieren? Siemens beantwortet die Frage mit nein.

          Das in der Antwort mitschwingende Argument, dass Angriff die beste Verteidigung sei, darf man angesichts der Geschichte von Siemens und dem, was bisher im Land investiert und an Arbeitsplätzen geschaffen wurde, nicht ignorieren: Aktuell beschäftigt der Konzern allein in Deutschland 115.000 Menschen, 2000 mehr als im Jahr zuvor. Und angesichts der Schärfe der Kritik an Siemens müsste man mit den zumeist amerikanischen Technologiekonzernen ganz anders umspringen. Denn die schaffen, gemessen an ihrer Größe, hierzulande kaum attraktive, wertschöpfende Stellen und zahlen auch nur wenig Steuern. Die harsche Kritik an Siemens ist deshalb wohlfeil, unfair und kurzsichtig. Nicht vergessen darf man zudem, dass Siemens ein Unternehmen ist, das vielen Investoren gehört; einen Ankerinvestor oder Familienaktionär mit langem Atem gibt es nicht. Das ist wichtig: Kein Manager möchte, dass ihm das Heft des Handels von aggressiven Investoren aus der Hand genommen wird. Auch deshalb wird der Konzern umgebaut. Wer seine Küche mit Siemens-Haushaltsgeräten einrichtet, zahlt das Geld in Wahrheit an Bosch. Die Windkraft wurde mit einem spanischen Unternehmen fusioniert, weitere Abtrennungen, Partnerschaften und Börsengänge stehen bevor, zum Beispiel in der Bahn- und Medizintechnik.

          Insofern wäre es gut, wenn Politiker und Gewerkschaften nun nicht über Siemens herfallen würden, bei aller berechtigten Kritik an der Art und Weise, wie informiert worden ist. Wichtiger ist, wie man die beste Politik macht, um möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu halten. Die Welt verändert sich zu schnell, um auf alte Strukturen zu bauen. Das galt in Dortmund. Das gilt in Görlitz.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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