https://www.faz.net/-gqe-9dnhl

Deutscher Konzern : Siemens braucht 21 Stunden für dieses Dementi

Siemens-Chef Joe Kaeser Bild: EPA

Der Münchner Konzern baut um und will im Zuge dessen tausende Stellen streichen. Doch die Zahl, die nun kursiert, stimmt nicht, sagt Siemens jetzt.

          2 Min.

          Siemens benötigte rund 21 Stunden, um eine brisante Spekulation ins Reich der Fabeln zu verbannen. Der Technologiekonzern dementierte am Freitagvormittag auch von FAZ.NET aufgegriffene Meldungen, wonach der Münchner Technologiekonzern die Zahl der Stellen in der Verwaltung radikal abbauen will. „Der Bericht über den angeblichen Abbau von 20.000 Arbeitsplätzen im Rahmen der Umsetzung der Unternehmensstrategie Vision 2020+ entbehrt jeder Grundlage“, hieß es in einer Pressemitteilung. „Wir können die im Magazin genannten Zahlen nicht nachvollziehen.“ Und: „Entsprechende Äußerungen hat es in dieser Form nicht gegeben.“

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Das Manager-Magazin hatte berichtet, dass Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser diese Zahl bedrohter Arbeitsplätze in zentralen Funktionen wie Finanzen, Recht, Controlling, Vertrieb, Marketing oder IT auf einer Roadshow in Gesprächen mit Investoren genannt haben soll. Ein Konzernsprecher lehnte noch am Donnerstag auf Nachfragen jeden Kommentar ab. Er dementierte allerdings auch nicht die eigentlich eindeutige Faktenlage, ob es Gespräche diesen oder ähnlichen Inhalts gegeben hat.

          Schon seit Wochen kursieren Gerüchte

          Die Lage ist schon deshalb verwirrend, weil der Vorwurf im Raum steht, dass Kaeser einzelnen Investoren zusätzliche Informationen gegeben haben könnte, nachdem er auf einer Analysten- und Pressekonferenz am 2. August auch auf Nachfragen jegliche Details zu dem damals von ihm vorgestellten neuen Strategieprogramm offen gelassen hatte. Dazu gehörte auch die Absicht, die Zentrale zu verschlanken und viele Konzernfunktionen auf drei eigenständig operierende Industrieeinheiten sowie drei schon selbständige Bereiche (Windkraft, Medizintechnik, Bahntechnik) zu übertragen.  Dort bestehen bereits viele dieser Verwaltungsfunktionen, sodass es um den Abbau von Doppelstrukturen geht.

          Trotz des Dementis ändert sich nichts an den Herausforderungen. Die genannte hohe Zahl von 20.000 betroffenen Verwaltungsstellen hat offensichtlich viel Unruhe im Unternehmen ausgelöst. Die ist allerdings nicht neu. Schon seit Wochen kursieren Gerüchte , dass allein in der Konzernzentrale am Münchner Wittelsbacher Platz bis zu jede zweite der insgesamt 1200 Stellen gefährdet sein könnte. Wenn sie schon nicht wegfallen, so würden sie zumindest an andere Orte ausgelagert werden.

          Kein zentrales Kostensenkungsprogramm

          Die Unruhe ist nicht zuletzt Ausfluss der nur vagen Aussagen von Siemens-Chef Kaeser über das künftige Aussehen des Konzerns, der auf noch größere Ertragskraft, Schlagkraft und Effizienz getrimmt und mit einer zunehmend auf eine Holding ausgerichteten Struktur völlig neu aufgestellt werden soll. Windkraft-Tochtergesellschaft Siemens Gamesa sowie die Medizintechnik Healthineers sind bereits an der Börse, die Bahntechnik soll mit Alstom fusioniert und an der Pariser Börse notiert werden. Die drei anderen Einheiten Gas and Power (Energie), Smart Infrastructure (Vernetzung in Städten und Gebäuden) sowie digitale Industrie sind rechtlich noch nicht selbständig, sollen künftig aber de facto so arbeiten. In Kraft treten wird die neue Struktur schon mit dem 1. Oktober, dem Beginn des neuen Geschäftsjahres.  

          „Siemens stellt mit einer vereinfachten und schlankeren Konzernstruktur die Weichen für dauerhafte Wertschaffung durch beschleunigtes Wachstum und Stärkung der Ertragskraft“, wiederholte Siemens in der Pressemitteilung Aussagen von Kaeser. „Kern der Unternehmensstrategie ist, den einzelnen Geschäften deutlich mehr unternehmerische Freiheit unter der starken Marke Siemens zu geben und damit den Fokus auf die jeweiligen Märkte zu schärfen.“ Außerdem sei geplant, mit Investitionen in neue Wachstumsgebiete wie Internet der Dinge, dezentrales Energiemanagement oder infrastrukturelle Elektromobilität das Wachstumsportfolio zu stärken. Zurzeit arbeiteten die neu geschaffenen „Operating Companies“ an konkreten Detailplanungen. „Ein zentral initiiertes und konzernweites Kostensenkungsprogramm ist nicht vorgesehen“, betonte Siemens.

          Mit den Plänen sollen mittelfristig die jährliche Wachstumsrate des Umsatzes und die Gewinnmarge des industriellen Geschäfts um jeweils zwei Prozentpunkte steigen. Erwähnt werden auch die „Unterstützungsfunktionen“, deren Effizienz in den nächsten Jahren um mehr als 20 Prozent gesteigert werden soll. Gemeint ist die Verwaltung.

          Weitere Themen

          Biden rudert zurück mit Facebook-Kritik Video-Seite öffnen

          Gefährliche Inhalte : Biden rudert zurück mit Facebook-Kritik

          Der US-Präsident hatte Facebook zuvor beschuldigt, dessen Praxis töte Menschen. Jetzt sagte er Reportern, er wolle ein Dutzend Nutzer beschuldigen, die die meisten Fehlinformationen auf der Plattform verbreiteten, nicht das Unternehmen selbst.

          Topmeldungen

          Dank eines Modellprojektes darf dieser Club im baden-württembergischen Ravensburg öffnen.

          Corona in Deutschland : Mit Feierfreude in die vierte Welle

          Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen. Das liegt an mangelnder Impfbereitschaft. Auch größere Sorglosigkeit der Menschen spielt ein Rolle. Das RKI sieht eine vierte Welle heranrollen.
          Der Schalker Drexler (rechts) setzt Reis zu.

          Zweite Bundesliga : Happy End für den HSV

          Zum Start in die neue Zweitligasaison siegt der HSV vor 20.000 Zuschauern bei Schalke 04 mit 3:1. Dabei sah es für die Hamburger Gäste zu Beginn nicht gut aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.