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Siemens-Chef Löscher im Gespräch : „Das Geschäft brummt“

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Schlicht gefragt: Wer trägt denn nun die Schuld an dem System der schwarzen Kasse?

Versagt hat die Führungskultur.

Warum sagen Sie nicht einfach: die Führung, Ihre Vorgänger, haben versagt? Ohne den Zusatz Kultur?

Ich sage gezielt Führungskultur, nicht Unternehmenskultur. Führungspersonen haben die Kultur nicht einheitlich vorgelebt. Nicht jeder hat sich daran gehalten, dass vor einer roten Ampel angehalten werden muss. Genau das ändern wir.

Die Beschuldigten verweisen darauf, dass sie im Interesse des Konzerns gehandelt haben, und sich nicht persönlich bereichert haben.

Das stimmt doch nicht. Man muss nicht erst Geld für sich persönlich abzweigen, um sich zu bereichern. Da haben Leute ihre Boni aufgebessert, indem sie Aufträge holten, die sie mit unrechtmäßigen Mitteln ergattert haben. Auch Karrieren könnten dabei beflügelt worden sein.

Hat Siemens unter Ihrer Führung bereits auf Aufträge verzichtet, um sauber zu bleiben?

Ich will keine korrupten Geschäfte. Die sind nicht nachhaltig. Wir hatten im vergangenen Jahr auch so zwölf Prozent mehr Auftragseingänge. Wir haben auch nirgendwo 100 Prozent Marktanteil. Es gibt also noch genug Möglichkeiten für zusätzliche saubere Geschäfte. Niemand zwingt uns, die rote Linie zu überschreiten.

Wenden sich Manager an Sie, um sich rückzuversichern, was geht und was nicht geht an der Verkaufsfront?

Rote Linie ist rote Linie. Das muss jeder selbst wissen. Wenn jemand erst fragen muss, dann läuft schon etwas gewaltig falsch. Es gibt keine Grauzone. Das dulde ich nicht.

Hat sich das im ganzen Konzern herumgesprochen?

Das fordere ich ein, mit aller Härte. Wenn das bis heute jemand nicht verstanden haben sollte, wäre das für mich nicht nachvollziehbar. Derjenige hätte bei Siemens auch nichts zu suchen.

1,3 Milliarden Euro an dubiosen Zahlungen sind bisher aufgeflogen. Der angerichtete Schaden geht wahrscheinlich in die Milliarden: von den Kosten für die Aufklärung bis zu den Strafen. Können Sie schon hochrechnen, wie viel der Skandal den Konzern am Ende kosten wird?

Dazu ist es zu früh. Weder den exakten Betrag noch den Zeitraum, wann wir durch sind, kann ich bislang abschließend einschätzen. Die Aufarbeitung des gesamten Themas wird uns noch Jahre beschäftigen. Tatsache ist, dass uns aus den eigenen Reihen ein Riesenschaden zugefügt wurde, nicht nur monetär, auch für die Reputation, für den Ruf der Firma in aller Welt. Weit mehr als 400.000 Siemensianer stehen am Pranger, obwohl die große Mehrheit nie und nimmer etwas falsch gemacht hat.

Spüren Sie schon Konsequenzen des schlechteren Rufs?

Siemens stand immer an der Spitze der beliebtesten Arbeitgeber. Da sind wir zurückgefallen.

Wirkt sich das auf Zahl und Qualität der Bewerber aus?

So schnell und so direkt zeigt sich das nicht. Was wir jedoch sehen, ist, dass wir in den einschlägigen Rankings abgerutscht sind.

Finden Sie deshalb keine neuen Ingenieure?

Das ist ein Thema in Deutschland, aber nicht nur für uns. In unserem Land werden zu wenige Ingenieure ausgebildet. Aber wir gehen auch ausdrücklich aktiv nach draußen und zeigen: Siemens ist hervorragend aufgestellt, der Konzern strotzt vor Kraft. Das Geschäft brummt.

Genau das hat die Börse in den letzten Tagen bezweifelt. Gerüchte über eine Gewinnwarnung haben den Kurs abstürzen lassen.

Es gibt keine Gewinnwarnung. Unsere Aussagen sind bekannt: Dazu gehört, der Umsatz wächst doppelt so stark wie die Weltwirtschaft, der Gewinn doppelt so stark wie der Umsatz.

Nur: Was bedeutet doppelt so stark wie die Weltwirtschaft in diesen unsicheren Zeiten? Zuletzt haben Sie 3,5 Prozent Wachstum als Grundlage für Ihre Kalkulation genommen.

Diese Zahl haben wir von externen Experten übernommen und zugrunde gelegt. Ob die ihre Annahmen nach unten korrigieren, wird man sehen. Wir bleiben jedenfalls bei unserer Prognose.

Trotz Hypothekenkrise, permanent steigendem Ölpreis und schwachem Dollar?

An der Einschätzung zu unserem Geschäft hat sich nichts geändert. Das brummt.

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