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Siemens-Chef Kaeser : Die Digitalisierung wird viel schlimmer als unser Stellenabbau

  • Aktualisiert am

Im Gasturbinen-Werk in Berlin. Bild: dpa

Siemens baut Stellen im Kraftwerksbau ab. Dagegen gibt es Protest. Doch Konzernchef Joe Kaeser sagt: Die Digitalisierung wird alles noch schlimmer machen.

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          Die Einschnitte im Kraftwerksgeschäft von Siemens sind aus Sicht von Konzernchef Joe Kaeser nur ein Vorgeschmack auf die Folgen des tiefgreifenden Wandels der Industrie. „Das, was wir bei uns heute an Strukturveränderungen im fossilen Energieerzeugungsumfeld bewältigen, das wird in fünf bis zehn Jahren im Vergleich zu den Auswirkungen der industriellen Digitalisierung eher als Randnotiz gewertet werden müssen“, sagte Kaeser am Rande der Sicherheitskonferenz in München. Siemens gehe diese Themen vorausschauender und proaktiver an als viele andere Unternehmen in Deutschland.

          Siemens plant in der Kraftwerks- und der Antriebssparte den Abbau von weltweit 6900 Arbeitsplätzen, den Löwenanteil davon in der unter Nachfrageschwäche und Preisdruck leidenden Kraftwerksparte. Etwa die Hälfte davon betrifft Jobs in Deutschland. Das Unternehmen hatte auch Standortschließungen angekündigt, darunter für das Werk im sächsischen Görlitz mit rund 720 Beschäftigten. Auch Siemens-Konkurrent General Electric meldet Probleme mit seinem Gasturbinen-Geschäft.

          Kaeser brüstet sich vor Trump

          Vor wenigen Wochen sorgte Kaeser noch mal für zusätzlichen Ärger, als er beim Abendessen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump neue Investitionen ins Gasturbinen-Geschäft in den Vereinigten Staaaten ankündigte. Die waren zwar schon lange beschlossen, die Stimmung verbesserte das aber trotzdem nicht. Als mögliche Lösung ist mittlerweile auch mit der Politik ein „Industriekonzept Oberlausitz“ im Gespräch. Demnach wäre etwa vorstellbar, dass das Werk Görlitz eigenständiger wird, dabei aber zunächst unter dem Dach von Siemens verbleibt. In einigen Jahren könnte der Standort in einem Industrie-Verbund aufgehen, so Kaeser.

          Auf die Frage, ob das Werk doch nicht geschlossen werde, sagte der Siemens-Chef kürzlich in einem Interview: „Wenn überhaupt, dann wäre das nicht vor 2023. Was danach ist, müssen wir sehen.“ In Sachsen stand neben Görlitz auch ein Standort in Leipzig mit rund 200 Jobs auf der Schließungsliste. Einschnitte sind früheren Angaben zufolge auch in Berlin, Offenbach und Erfurt geplant.

          Neue Schätzungen für Ausmaß der Digitalisierung

          In den vergangenen Wochen kamen neue Schätzungen dazu, wie viele Stellen die Digitalisierung betreffen könnte. Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit hält ein Viertel der menschlichen Tätigkeiten für automatisierbar. In einer Umfrage des IT-Verbandes Bitkom hielten die Unternehmen jede zehnte Stelle für gefährdet. Die offene Frage ist, wie viele Stellen auf der anderen Seite dazukommen.

          Kaeser bekräftigte, dass man die Menschen in Görlitz nicht allein lassen werde. Mit Blick auf andere bedrohte Standorte erklärte er, man müsse unterscheiden zwischen Regionen, die mit eklatanten strukturellen Herausforderungen zu kämpfen hätten, wie etwa die Oberlausitz, und anderen Gegenden mit einem stärkeren wirtschaftlichen Umfeld. Dort gebe es vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten, die in Betracht gezogen und genutzt werden müssten.

          Auch die starke Konjunktur und der boomende Arbeitsmarkt bieten aus Kaesers Sicht gute Voraussetzungen, um die Probleme in der fossilen Energie-Erzeugung abzufedern. „Über die anderen Standorte wird derzeit mit den Arbeitnehmervertretungen gesprochen, was es da an Möglichkeiten gibt. Aber es wird ohne eine Strukturanpassung nicht gehen, die nicht auch die Fixkosten adressiert“, sagte der Siemens-Chef.

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