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Siemens-Alstom : Der ICE-Bauer wandert womöglich nach Paris

Fährt der ICE dorthin, wo der TGV herkommt? Bild: Gilles ROLLE/REA/laif

ICE-Bauer Siemens und TGV-Hersteller Alstom wollen vielleicht ihre Zugsparten zusammenschließen. Die Zentrale würde nach Paris gehen, doch Siemens bekäme etwas anderes dafür.

          Ein fusionierter Zughersteller Siemens-Alstom wird voraussichtlich an der Pariser Börse notiert sein und den Sitz in Frankreich haben. Dies ist ein Szenario, das für den Zusammenschluss der Bahntechnik-Aktivitäten von Deutschen und Franzosen zum neuen europäischen Marktführer mit mehr als 15 Milliarden Euro Umsatz als wahrscheinlich eingeschätzt wird. Da die Geschäfte mit Zügen und Signaltechnik von Siemens deutlich ertragreicher und etwas größer sind als die der in Paris börsennotierten Alstom, dürfte den Deutschen die Mehrheit von etwas mehr als 50 Prozent zustehen. Mit einer klaren Hauptversammlungsmehrheit behalten sie das Sagen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Am Freitagabend hatte Alstom Gespräche mit Siemens bestätigt, nachdem Spekulationen den Aktienkurs um mehr als 4 Prozent nach oben getrieben hatten. Der französische Konzern war deshalb von der Pariser Börsenaufsicht zu einer Stellungnahme aufgefordert worden. Auch Siemens hat daraufhin von Verhandlungen gesprochen. Ob tatsächlich, wie kolportiert, schon am Dienstag etwas besiegelt wird, ist angesichts der hohen Komplexität einer solchen Transaktion im Wert von schätzungsweise mindestens 15 Milliarden Euro nicht sicher.

          Im Oktober stehen Entscheidungen an

          Allerdings stehen im Alstom-Aktionariat zwischen dem 5. und 17. Oktober Entscheidungen an. Der Bau- und Telekomkonzern Bouygues, der mit 28,3 Prozent größter Einzelaktionär ist, hat aufgrund einer früheren Vereinbarung 20 Prozent seines Paketes an den französischen Staat verliehen. Nun kann der Staat von seinem Recht Gebrauch machen, 15 Prozent zu übernehmen. Zieht er die Option nicht, bleiben die Aktien bei Bouygues.

          SIEMENS

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          Das angedachte Fusionsmodell hat Siemens in diesem Jahr im Windkraftgeschäft schon einmal exerziert. Das im April gegründete Unternehmen Siemens-Gamesa hat seinen Sitz in der Nähe von Bilbao und ist an der spanischen Börse notiert. Siemens hält die Mehrheit von 59 Prozent. Der Rest ist an der Börse breit gestreut. Es ist die Blaupause für das Entstehen des größten europäischen Zugherstellers. Der Charme: Mögliche Bedenken auf französischer Seite wegen einer vermeintlichen Dominanz der Deutschen werden ausgeräumt.

          Zudem, so kolportieren französische Medien, solle Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge das neue Unternehmen leiten. Auf Basis der Geschäftszahlen 2016 ist Siemens mit einem Umsatz von 7,8 Milliarden Euro etwas größer als Alstom (7,3 Milliarden Euro). Die Deutschen sind mit einer Umsatzrendite von 7,8 Prozent, bezogen auf das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit), allerdings deutlich ertragsstärker als die Franzosen (5,8 Prozent). Alstom hat jedoch mit 32.000 Mitarbeitern eine erheblich größere Belegschaft als Siemens mit 26.000 Mitarbeitern.

          Ein radikaler Stellenabbau könnte bevorstehen

          Beide Unternehmen sind in nahezu identischen Märkten und insbesondere in Europa tätig, bieten U-Bahnen, S-Bahnen und Trams, Pendel-, Reise- und Hochgeschwindigkeitszüge, analoge und digitale Signaltechnik an. Die Franzosen fahren den TGV, die Deutschen den ICE. Daher befürchten Beobachter einen radikalen Stellenabbau aufgrund der entstehenden Doppelstrukturen sowohl in der Produktion wie auch in der Verwaltung. So beschäftigt Alstom etwa rund 3000 Mitarbeiter allein in Deutschland. Am größten Standort Uerdingen arbeiten für Siemens 2400 Mitarbeiter. Vor einigen Monaten kündigte der Konzern den Abbau von 300 Stellen an.

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          Um wettbewerbsfähig zu bleiben, werden die Fusionspartner gezwungen sein, die Kosten erheblich zu senken. Selbst wenn Siemens und Alstom ihre Bahntechnik zusammenlegen sollten, werden sie im Weltmaßstab nur eine kleine Nummer sein, nachdem am 1. Juni 2015 die chinesischen Staatskonzerne China North Rail (CNR) und China South Rail (CSR) zur CRRC mit 29 Milliarden Euro Umsatz fusioniert worden sind. CRRC dringt immer stärker auf die Märkte in Asien, Amerika und in Europa vor und bietet Komplettangebote mit Bau von Gleistrassen und Finanzierungen zu aggressiven Preisen an.

          Der Siemens-Chef will schon lange enger zusammenarbeiten

          Schon seit langem weist Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser auf die Bedrohung für den deutschen und europäischen Markt hin, spricht seit Monaten von der Notwendigkeit einer engeren Allianz zwischen den Anbietern, zu denen neben Siemens und Alstom auch die kanadische Bombardier gehört. Seit zwei Jahren kursieren Spekulationen, Siemens und Bombardier würden ihre Zuggeschäfte zusammenlegen. Noch vor der Aufsichtsratssitzung von Siemens Anfang August wurden hartnäckig Gerüchte befeuert, ein Zusammenschluss oder die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen werde beschlossen. Nichts geschah.

          Der Vorstoß von Joe Kaeser blieb erfolglos, 2014 im Zuge der angestrebten Übernahme der Energiegeschäfte von Alstom auch die Zugaktivitäten zusammenzuführen. Im heftigen Bieterkampf mit General Electric unterlag Siemens. Doch davor hätte auch die europäische Kartellaufsicht gestanden. Schon damals – und seitdem immer wieder – hatte Siemens-Chef Kaeser Brüssel aufgefordert, nicht mehr in europäischen oder gar nur nationalen Grenzen zu denken. Es gebe in der Bahntechnik nur einen globalen Markt für Bahnausrüster. Aus der Weltmarktperspektive gesehen, stellt nämlich ein Zusammenschluss mit Alstom oder Bombardier wettbewerbsrechtlich kein Problem dar.

          Die Tatsache, dass Siemens nun einen neuen Anlauf gemacht hat, deutet auf eine Erweiterung des Horizonts in Brüssel hin. Es ist zu vernehmen, dass es diesbezüglich Kontakte gegeben haben soll. Grundsätzlich scheint damit ein Zusammenschluss denkbar, auch wenn die EU-Kommission dies nur mit Auflagen durchgehen lassen würde; allein schon um das Gesicht zu wahren. Eine Rolle dürfte dabei auch die Politik spielen. Nicht umsonst sollen die deutsche und die französische Regierung in die Gespräche eingebunden gewesen sein. „Es ist wichtig, dass wir unseren Industriesektor in Partnerschaft mit Deutschland stärken“, sagte der Regierungssprecher Christophe Castaner am Freitag. „Es gibt keine Bedenken auf der französischen Seite, wenn große Konzerne zusammenarbeiten, solange die Synergien nicht zu Arbeitsplatzverlusten führen.“ Es gilt auch als nicht ausgeschlossen, dass in einem späteren Schritt Bombardier seine Bahnaktivitäten in die Allianz einbringen könnte. Damit entstünde so etwas wie der Airbus der Bahnindustrie.

          Siemens eröffnen sich durch den Zusammenschluss alle Optionen. Zunächst setzt der Konzern seine kapitalschonende Strategie einer operativen Holding fort, wonach Konzernaktivitäten nicht mehr zu 100 Prozent gehalten werden müssen. Siemens-Alstom würde das dritte Projekt sein, nachdem Siemens-Gamesa gegründet worden ist und im nächsten Jahr der Börsengang der Medizintechnik ansteht, an der der Konzern die Mehrheit behalten will. Zugleich öffnet Siemens nun die Tür, sich durch einen schrittweisen Abbau des Aktienanteils aus dem Bahngeschäft zu verabschieden. Immer wieder keimten in den zurückliegenden zehn Jahren Gerüchte auf, Siemens wolle keine ICE, U- und S-Bahnen mehr bauen.

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