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Fatale Sicherheitslücke : Wer profitiert vom Chipdebakel?

Schon 2016 war der britische Handy-Chiphersteller Arm an die japanische Softbankgruppe verkauft worden. Der Preis: 30 Milliarden Euro. 2011 verkaufte der deutsche Chiphersteller Infineon für 1,4 Milliarden Dollar seine Sparte für Mobilfunkchips an den Marktführer Intel. Zwei Jahre zuvor rutschte der technisch führende, wirtschaftlich aber schwer angeschlagene Speicherchiphersteller Qimonda in die Insolvenz.

Kampf um Einfluss und Marktanteile

Die Schwäche der Europäer hat auch politische Gründe. Während Südkorea seinen angeschlagenen Chiphersteller Hynix mit großzügigen Staatshilfen über Wasser hielt, verwiesen Berlin und Brüssel darauf, dass Steuerzahler nicht für Entscheidungen privater Unternehmen geradezustehen haben, und sie ließen Qimonda ins Aus rutschen. Die Mitarbeiter verloren ihre angestammten Arbeitsplätze, die Fabriken machten dicht, und die Maschinen wurden verkauft. Aus der Insolvenzmasse erwarben sich asiatische und amerikanische Wettbewerber damals richtungsweisende Technologien. Europa hatte seinen wichtigsten Speicherchiphersteller verloren.

Jetzt erst zeigten sich die Europäer alarmiert. Amerika schien nun die unangefochtene Nummer eins der Technologie-industrie zu sein, beheimatete die wichtigsten Computerhersteller, Chipproduzenten und Softwareunternehmen. Dazu kam, dass China Europa und Japan Rang zwei und drei streitig zu machen versuchte, als es die Chipindustrie zu einer Schlüsselbranche für die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes erklärte. Seitdem unterstützt Peking die heimische Branche eifrig, rückt die halbstaatliche Tsinghua Unigroup ins Zentrum der Entwicklung und pumpt Milliarden an Staatshilfen in die Branche.

Inzwischen zieht man auch hierzulande nach. Im Sommer 2015 erklärte Bundeskanzlerin Merkel während eines Besuchs an Europas wichtigsten Halbleiterstandort im sächsischen Dresden die Mikroelektronik zur Schlüsselbranche. Ohne sie werde in Zeiten der Digitalisierung vieler Lebensbereiche und der gesamten Wirtschaft bald nichts mehr gehen. Im Mai 2016 taten sich Chipunternehmen und Forschungsinstitute in Europa schließlich zum Forschungsverbund „Productive 4.0“ zusammen. Im Juli wurden schließlich milliardenschwere Investitionen in Deutschland und Frankreich in Aussicht gestellt.

Ob Amerika, Asien oder Europa: Alle Regionen rücken die Halbleiterindustrie also in den Fokus wie selten zuvor. Es ist ein Kampf um Einfluss und Marktanteile, in einer Zeit, in der Computer, Vernetzung und Digitalisierung dabei sind, Gesellschaft und Wirtschaft komplett zu verändern. Wer den Motor dafür liefert, die Mikroprozessoren, sei es für Büro-PCs, für Großcomputer in Rechenzentren oder für Minicomputer (sprich: Smartphones), der gibt den Takt vor für weit mehr als nur für die Technologieindustrie. Und da sind es am Ende vielleicht vermeintlich kleine Sicherheitslücken, die über Erfolg oder Misserfolg mitentscheiden.

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