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Selbst ist der Musiker : Mit eigenem Label durchs wilde Plattengeschäft

  • -Aktualisiert am

Musiker wie Alin Coen, Dirk Darmstaedter und Thees Uhlmann versuchen, ohne die großen Plattenfirmen auszukommen. Sie haben ihr eigenes Label. Aber nun müssen sie sich auch um alles kümmern.

          8 Min.

          Aufgeregt ist sie noch nicht. Sie will es nicht sein. An dem Tag, an dem jeder ihre Musik zum ersten Mal richtig kaufen kann, steht Alin Coen morgens mitten in ihrer kleinen Küche. Sie schneidet eine Honigmelone klein, schlägt vier Eier in die heiße Bratpfanne und schaut in den Backofen, in dem ein paar Brötchen aufbacken. Auf dem Tisch sind längst Teller und Messer, Butter, Obstsalat und Orangensaft. „Led Zeppelin“ steht auf dem ärmellosen grünen T-Shirt, das sie trägt, ihre schwarzen Haare sind kurz, nur eine lange Locke streicht sie ab und zu aus ihrem rechten Auge. Als die Honigmelone im Obstsalat gelandet ist und die Spiegeleier auf den Tellern liegen, öffnet sie die Klappe zum Backofen, doch die Brötchen kann sie nur noch einen Tick zu stark gebräunt herausholen. Sie hat eben immer viel zu tun - nicht nur in der Küche.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft

          Diese Wochen entscheiden für ihre Band, die Alin Coen Band, wie weit die vier Musiker aus Weimar kommen, ob sie es in die Charts (Hitparaden) und in die Plattenindustrie schaffen. Sie schreiten ganz bewusst auf einem Pfad abseits der üblichen Schnellstraßen der Branche. Die Band will es allein schaffen - ohne eine der großen Plattenfirmen.

          Die 28 Jahre alte Coen hat mit ihren drei Kollegen ein eigenes Musiklabel (eine eigene Marke) gegründet - dem sie den Namen „Pflanz einen Baum“ gaben -, um ihr Debütalbum herauszubringen und gleichzeitig unternehmerische und künstlerische Freiheit zu haben. Dafür müssen sie nun auch alles machen: Sie geben die Pressung ihres Albums in Auftrag, müssen sich darum kümmern, wie es gestaltet wird, pflegen ihre Homepage und die Internetseiten auf Myspace und Facebook. Und wie in ihrer Küche mit den Melonen, Eiern und Brötchen haben Alin Coen und ihre drei Bandkollegen damit alle Hände voll zu tun. Sie melden ihre Musik beim Rechteverwerter Gema an, sie haben mit Rough Trade einen Vertrieb gefunden und engagieren andere für ihre Pressearbeit, sie sammeln Quittungen und führen Buch über ihre Ausgaben, sie organisieren ihre Tour mit 22 Auftritten, für die sie noch bis Mitte Oktober zu viert mit Instrumenten in einem VW Golf durch Deutschland fahren.

          Für den Erstling einer noch unbekannten Band ist das durchaus ungewöhnlich

          Immer weniger Platten werden verkauft, die Einnahmen der Musikindustrie schrumpfen. Eigene Labels betreiben inzwischen auch Künstler wie Fettes Brot und Xavier Naidoo, die so einen höheren Anteil an ihren Plattenverkäufen erhalten. Selten jedoch nehmen junge Künstler, die keinen Vertrag einer Plattenfirma ergattern, ihre Kunst selbst in die Hand und gründen ein eigenes Unternehmen, um ihre Musik zu veröffentlichen.

          An dem Tag, an dem die Ausnahme namens Alin Coen morgens in der Küche steht, soll ihr erstes Lied auf den Markt kommen. Allerdings wird es nur im Internet zu kaufen sein. Deswegen gibt sich Alin Coen an diesem Tag auch nicht übermäßig aufgeregt. Der wirkliche Belastungstest wird erst an dem Tag beginnen, an dem ihr Album „Wer bist du?“ erscheint - das wird nicht nur im Online-Plattenladen, sondern auch in jedem handelsüblichen Geschäft erhältlich sein. Selbst große Ketten wie Saturn haben schon einige hundert Exemplare vorbestellt, sagt Coen, während sie ihr Spiegelei zerschneidet. Für den Erstling einer noch unbekannten Band ist das durchaus ungewöhnlich.

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